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Rabensommer - 46/2015

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Junge Stimmen, facettenreich

Mit neuen Erzählformen wecken Kathrin Steinbeger und Elisabeth Steinkellner Die Jugendliteratur aus dem Winterschlaf.

Von Heidi Lexe


Es war ein längerer Winterschlaf, den die österreichische Jugendliteratur sich gegönnt hat. Mit Jugendliteratur sind in diesem Fall nicht unterschiedliche Genres gemeint, die sich an ein jugendliches Lesepublikum richten; gemeint sind Erzählkonzepte, die in der Tradition des Adoleszenzromans jugendliches Leben und Erleben zentral verhandeln und die daraus resultierenden Identitätskonzepte auch jugendkulturell verorten. Das diesbezüglich entstandene Vakuum wird durch junge literarische Stimmen nun jedoch in einen umso facettenreicheren Klangraum überführt.

Träume, Anrufe, SMS

In ihrem Roman „Rabensommer“ inszeniert Elisabeth Steinkellner das Moratorium jenes letzten Sommers, auf den der Schritt ins Erwachsenenleben folgt. Ich-Erzählerin Juli bereitet sich nach absolvierter Matura auf den Umzug vom ländlichen Gebiet in die Stadt vor. Die Hoffnung jedoch, dass sich die eingeschworene Clique wenn auch in unterschiedliche Richtungen, so doch gemeinsam ins neue Leben bewegt, erfüllt sich nicht. Als sie versucht, sich im neuen Umfeld zu orientieren, verliert Juli unerwartet die Ankerpunkte ihres bisherigen Lebens. So lange waren sie, Ronja, Niels und August eng befreundet, doch nun ändert sich mit unerwartetem Beziehungsgeschehen auch die Dynamik der Gruppe. In der sommerlichen Hitze kommt es für Juli zum Stillstand, dem Elisabeth Steinkellner sich in der poetischen Form des fragmentarischen Erzählens nähert: Wahrnehmungssplitter, Briefe, Träume, Anrufe oder SMS werden mit Einkaufslisten arrangiert, die in ihrer Reduktion Rückzug dokumentieren. Erst nach und nach werden die Einkaufslisten üppiger und verweisen auf neue soziale Kontakte und neu erwachende Gefühle.
Dem Stilmittel dieser Einkaufsliste entspricht in Kathrin Steinbergers Roman „Manchmal dreht das Leben einfach um“ der fiktive Lexikoneintrag, mit dessen Hilfe die hochbegabte Ali jene Informationsflut zu kanalisieren versucht, die ihrer beeindruckenden Merkfähigkeit entspringt. Jeder Songtitel, jeder Film, wird zum Trigger abrufbaren Wissens, das von Steinberger mit Witz und breiter Kenntnis der Populärkultur in die Wahrnehmungsmuster ihrer Ich-Erzählerin integriert wird. Gerade die mangelnde Fähigkeit, dieses Wissen für sich zu behalten, macht Ali zur Außenseiterin, die gelernt hat, mit sich selbst auszukommen. Die Hermetik dieses jugendlichen Lebens und jene „old habits“, die im vorangestellten Zitat aus einem Song der Pioneers angesprochen werden, finden durch Auftauchen des männlichen Protagonisten ihr jähes und emotional herausforderndes Ende: Kevin Donner ist international erfolgreicher, von Firmen gesponserter Skater, der sich auf seinem Bord schon mal per Bungee-Seil über das Interieur verlassener Wasserparks katapultieren lässt. Durch eine Verletzung zu Fall gebracht, zieht er sich an jenes Ende der Welt zurück, wo Ali lebt.

Popkulturelle Referenzen

Der im Titel angekündigte Richtungswechsel wird in Beschleunigung umgesetzt: Auserzählte Dialoge dynamisieren das Beziehungsgeschehen zwischen den beiden; der sportlichen Körperlichkeit wird immer offensiver jene der sexuellen Erforschung und Erfüllung zur Seite gestellt. Sprachlich sensibel lotet Steinberger dabei die Grenzen des Erzählbaren aus und lässt ihre Figuren sichtbar und spürbar zu sich selbst kommen. Doch so wie eine Anfängerin am Skateboard auf einen simplen Ollie zurückgeworfen wird, vermag sich auch ein Vertrauensverhältnis nicht sofort zum Luftstand in der Half-Pipe aufzuschwingen. Kevin wird erneut zu Fall gebracht, reißt Ali mit. Diesmal liegt der Grund in seiner Familiengeschichte, die durch popkulturelle Referenzen angedeutet, aber erst am Ende des Romans offen gelegt wird.
„so we let go / so we let go / and then we dance“ heißt es mit Verweis auf einen Song von Mika Vember bei Steinkellner, als Juli ein „Flugticket“ an das Ende ihrer finalen Einkaufsliste setzt. Steinberger hingegen schließt den Kreis zum popkulturellen Verweis am Beginn und lässt ihre Figuren zum Soundtrack von Coldplay im fulminant erzählten, schnellen Vorlauf noch ein paar Mal im Sprung umdrehen, denn: „We’re about to explode.“


Rabensommer
Roman von Elisabeth Steinkellner 

Beltz & Gelberg 2015
202 S., kart., € 13,40


Manchmal dreht das Leben einfach um
Roman von Kathrin 
Steinberger
Jungbrunnen 2015
280 S., geb., € 16,95
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