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Anomalisa - 03/2016

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Stimme im nichtssagenden Universum

„Anomalisa“: Charlie Kaufmans Animationsfilm für Erwachsene begibt sich in die Abgründe und Dämonen einer aufgewühlten Seele.

| Von Thomas Taborsky


Einer der Filmschätze der 1930er, der immer noch als Gradmesser seiner Zunft gilt, ist die Screwball-Komödie „Mein Mann Godfrey“, und einer der denkwürdigsten Sätze daraus der eines grantigen Millionärs: Alles, was man für ein Irrenhaus brauche, sei ein leerer Raum und die richtigen Leute. Heute wäre dieser Sager ein recht salopper Weg, sich an die Arbeit von Charlie Kaufman heranzutasten, der wegen seiner Drehbücher zu „Being John Malkovich“ oder „Adaption“ um die Jahrtausendwende von Hollywood hofiert wurde.
In „Anomalisa“, einem Trickfilm für Erwachsene, begibt er sich einmal mehr tief hinein in eine aufgewühlte Seele, die ihre Dämonen kaum noch im Zaum halten kann. Eine Verbeugung macht er dabei auch vor „Mein Mann Godfrey“, wo 
sich vor 80 Jahren eine nicht unähnliche Mischung von Liebe, Wahn und Verlorenheit austobte. Wobei: Zum Gutteil ist „Anomalisa“ ein sensibles Drama über einen Mann, der von Menschen umringt einsam wurde.
Michael ist ein gefeierter Kundendienstexperte und für einen Vortrag nach Cincinnati gereist. Dass er Probleme hat, weiß er nur zu gut. Den Aufenthalt will er nutzen, um bei der Ex-Freundin nach einem Grund zu suchen; das Treffen endet laut und abrupt. Zurück im Hotelzimmer hört er draußen eine Stimme, die er finden muss. Sie gehört dem Mauerblümchen Lisa.

Jemand verliebt sich in eine Eigenschaft

Dass Michael sich für sie interessiert, kann sie gar nicht glauben; noch weniger, dass er sie, das unansehnliche Dummchen, das seinen Bestseller nur mit Wörterbuch lesen konnte und sich ständig selbst ermahnt, den Mund zu halten, nach ein paar Drinks auf sein Zimmer bittet und beteuert, dass sie besonders sei. Zärtlich gibt sich „Anomalisa“ in diesen Momenten: Jemand verliebt sich in eine Eigenschaft, ein Detail, das sonst niemandem auffällt, nicht einmal dessen Inhaber. „Oh Gott, jemand anderer!“, ruft Michael, als er Lisa zum ersten Mal hört. Was für sich genommen geradezu romantisch klingt, ist jedoch der Knackpunkt. Diese Welt besteht nämlich nur aus drei Stimmen: Michaels, Lisas und einer, mit der der ganze Rest des Universums spricht, als sei es ein Meer nichtssagender, zur unterscheidungslosen Masse verschmolzener Gestalten.
Kaufman bleibt damit dicht an der eigenen Vorlage, einem Ton-Theaterprojekt, an dem sich er, aber auch die Coen-Brüder mit Einaktern beteiligten. Zum Film verpackt ist sie als Stop-Motion, bei der die Figuren auf Augenhöhe eine sichtbare Naht zwischen ihren austauschbaren Stirn- und Mundpartien besitzen, die ein Eigenleben entwickeln, sobald sich der Abgrund der Psyche meldet. Düsterer, und die Reise ginge ins Reich der Alpträume, wie es David Lynch vorführt.
Das Vorhandene reicht aber schon, um eine Vorhölle zu gestalten: die Ironie des Kundendienstlers, der keine Ansprache findet, sondern von ewig kreisenden Service-Floskeln geplagt wird. Eine wesentliche Säule hat „Anomalisa“ dabei in der Fernsehserie „Community“, wo mit einer Stopptrick-Folge nicht nur quasi ein Testlauf durchgeführt wurde.
Durch die von dort wohlbekannten Dan Harmon und Dino Stamatopoulos liest sich die Produzentenseite wie eine Allianz für fordernde, verschachtelte Unterhaltung, die von wenigen, dafür umso mehr geschätzt wird – eine Allianz von Studios gebrannter Kinder, die ihre Finanzierung deshalb per Crowdfunding aufstellten. Dieser unabhängige Rückhalt lässt „Anomalisa“ weit übers kalkulierte Kino hinausgehen, sich etwa eine Liebesszene leisten, die an Intimität die meisten Realfilme überragt. Und keine einfachen Lösungen, eigentlich gar keine Lösung anbieten. Im schönsten Sinne ist er so bedächtig, mitnehmend, ja befremdlich.


Anomalisa
USA 2015. Regie: Duke Johnson, Charlie Kaufman.
Universal. 90 Min.
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