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Das Mädchen mit dem Fingerhut - 05/2016

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„Sie wird es besser haben als wir. Sie ist ein Liebling.“

Michael Köhlmeier stellt das Schicksal eines auf sich gestellten heimatlosen Kindes in den Mittelpunkt seines neuen Romans „Das Mädchen mit dem Fingerhut“.

| Von Maria Renhardt

„Sie kam am Morgen und ging am Abend.“ Ein sechsjähriges, namenloses Mädchen, auf sich allein gestellt. Hungrig, frierend – in der Obhut eines Onkels. Michael Köhlmeiers neuer, soeben erschienener Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ weckt sofort Interesse. Der Vorabdruck im Album des Standard am 24. Dezember, illustriert mit einem Bild von einem „Flüchtlingskind in Wiesen“, stellt den Roman jäh in den Kontext aktueller Ereignisse.
Flucht und Vertreibung infolge eines Krieges bilden die gesellschaftspolitische Folie und den Ausgangspunkt dieser neuen Prosa; aber eigentlich ist der Roman schon früher entstanden, wie Köhlmeier in der Sendung „druckfrisch“ erklärte. Vielmehr seien die Wolfskinder im Baltikum nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Impuls für dieses Buch gewesen sowie auch Christian Andersens Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Eine zarte Parallele zeigt sich sogar im Titel. Köhlmeier rückt also nicht die Masse der Namenlosen in den Mittelpunkt, sondern konzentriert sich paradigmatisch auf das Schicksal einer im Stich gelassenen Minderjährigen, die plötzlich in die harte Realität des Lebens gespült wird und sich allein ums Fortkommen kümmern muss.

Pfade zum Überleben suchen

Die Geschichte beginnt mit einem überraschenden Einstieg. Ein Flüchtlingsmädchen, das ohne Eltern unterwegs und in der Obhut eines Onkels ist, bekommt den Auftrag, sich tagsüber in einem Laden auf dem Markt über Wasser zu halten. Der Onkel setzt das Kind am Morgen am vereinbarten Standort ab, nicht ohne es vorher genau zu instruieren: „Sie werde von Bogdan zu essen bekommen. Bogdan sei ein guter Mann. Auch wenn er mit ihr schimpfe, sei er doch ein guter Mann ... Sie solle gar nichts sagen ... Sie soll genau auf die Worte achten. Wenn ein Wort fällt, das wie Polizei klingt, soll sie schreien.“
Und so geschieht es: Zunächst ist Bogdan irritiert, aber bald gewöhnt er sich an das Kind, gibt ihm zu essen und lässt es in seinem Laden sitzen. Am Abend kommt der Onkel, pfeift und nimmt es wieder mit. Doch eines Tages taucht er nicht mehr auf. Das Mädchen macht sich alleine auf den Weg, ohne zu wissen wohin.
Nüchtern und lakonisch schildert Köhlmeier plötzliche Orientierungslosigkeit, beißenden Hunger und die trotzige Entschlossenheit des Kindes, Pfade zum Überleben zu suchen. Nach einer Nacht in einem Müllcontainer gerät das Mädchen in die öffentliche Hand. In einem Kinderheim wird es versorgt, sodass existenzielle Nöte und Sorgen fürs Erste gebannt zu sein scheinen. Doch bald geraten die Ereignisse außer Kontrolle. Das Mädchen lässt sich von zwei Buben aus dem Heim noch in derselben Nacht zur Flucht verleiten und schlittert in eine neue Ungewissheit mit ungeahnten Folgen. Und trotzdem ist sich der ältere Junge sicher: „Sie wird es besser haben als wir. Sie ist ein Liebling.“
Das Mädchen, das sich in Unkenntnis seines Namens Yiza nennt, taucht aus dem Nichts in dieser Stadt auf. „Wer nicht weiß, wie er heißt, der hat keine Mutter und keinen Vater.“ Niemand weiß, woher das Kind kommt. Über seine Vergangenheit und seine Familie ist nichts bekannt. Und das bleibt auch so. Yiza klammert sich an Vertrautes, das sie in der Sprache findet, in Schamhan, dem Jungen aus dem Kinderheim, der ihr einen Fingerhut als Talisman schenkt und ihr auf ihren verletzten Finger steckt. Auf ihn und seinen Freund Arian ist Verlass. Fast immer, außer Yiza wird zum Ballast. Die Kinder nehmen sich von der Wohlstandsgesellschaft, was sie bekommen können, und planen ihre Einquartierung in einem Haus der Reichen.
Michael Köhlmeier ist ein ambitionierter Erzähler und bedient sich einer leicht verständlichen, schnörkellosen Sprache. In einfachen, oft nur aus wenigen Worten bestehenden Sätzen, parataktisch aneinandergereiht, konturiert er das flirrende Sehnsuchtsbild der vom Leben gebeutelten Kinder. Dass es gelingt, sich im Reich der Satten einzunisten und autonom von der Welt der Erwachsenen zu werden, gerät zur Utopie, die von Vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Plot trägt nicht ganz

Dennoch trägt dieser Plot nicht ganz, weil Fragen offen bleiben. Warum lässt sich ein sechsjähriges Kind, das gerade Sicherheit gefunden hat, zu einer Flucht mit zwei ihm unbekannten Jungen motivieren, nur weil es die Sprache des Älteren versteht? Es irritieren Verantwortungsbewusstsein und Verhalten, das reiche Wissen hinsichtlich der Überlebensstrategien eines vierzehnjährigen Jungen. Indirekt wird auch die Matrix der Ressentiments bedient: Fremde Kinder klauen – freilich, um zu überleben –, sie sind gewalttätig, lügen, hintergehen die Polizei, brechen ein und wollen letztlich keine Hilfe.
Natürlich geht es um mehr als um eine „Wolfskindgeschichte“. Das Auftauchen der unliebsamen Kinder beunruhigt die, die im Überfluss leben. Sie konfrontieren die Menschen mit Heimatlosigkeit, Entwurzelung und den Abgründen des Seins, wenn der Kampf ums nackte Überleben es notwendig macht. Das zarte Alter kennt hier keine Moral, sondern ist der Existenzialität verhaftet. Das, was man braucht, wird auch mit unverhältnismäßigen Mitteln errungen. Zurück bleibt Betroffenheit. Köhlmeier leuchtet kühn in die dunklen Winkel eines rauen Lebens, in denen man irgendwann sogar für „Mitleid und Rührung“ zu alt ist. „Wenn es wahr ist, dass an Gottes rechter Seite sein Liebling steht, bei allem, was er tut, was er pflanzt und segnet, wenn das wahr ist, so hör die Schritte, die kleinen, die großen, das Trippeln und das Stampfen! Warte, bis sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnen! Und nun! Kannst du sie sehen? Kannst du die beiden sehen?“


Das Mädchen mit dem Fingerhut
Roman von Michael Köhlmeier
Hanser 2016
140 Seiten, geb., € 19,50
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