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Der Scheiterhaufen - 06/2016

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Der Diktator ist tot, doch die Scheiterhaufen bleiben

Zauberhaft wie ein Märchen und gerade dadurch politisch und gegenwärtig: György Dragomán kann erzählen, das beweist auch sein jüngster Roman.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Der Diktator ist tot, es lebe die Freiheit – schön wär’s. Doch weiterhin werden „die Bösen“ gesucht, die man für schuldig erklären und an denen man Rache nehmen kann, weiterhin werden Scheiterhaufen errichtet – und das nicht nur um zu verbrennen, was an den verhassten Diktator erinnert –, weiterhin wird bespitzelt, verleumdet und verpfiffen, weiterhin wird Gewalt ausgeübt. Und was sich im Großen der Gesellschaft abspielt, bestimmt auch das Verhalten der Kinder und Jugendlichen in der Schule, wo der Zeichenlehrer seinen Schülern sagt, „er habe sein Leben aufs Spiel gesetzt, damit nicht länger ein paar Idioten allen anderen irgendeinen Blödsinn befehlen könnten, doch wenn wir von uns aus Idioten sein wollten, dann hätten wir es nicht besser verdient.“

Ein Land nach der Diktatur

Manche Rezensenten behaupteten eine eindeutige Markierung von Ort und Zeit in der Handlung von György Dragománs Roman „Der Scheiterhaufen“ und sahen in ihm Rumänien nach dem Sturz von Nicolae Ceausescu erzählt. Gewiss, für diese Interpretation gäbe es einige Anhaltspunkte, etwa die Herkunft des Autors aus Siebenbürgen – Dragomán wurde dort 1973 geboren und kam als Jugendlicher 1988 nach Ungarn. Doch bio-grafische Umstände eines Autors fixieren noch lange keinen literarischen Text. Im Roman wird die konkrete historische Zuordnung nämlich bewusst vermieden, Spuren Richtung Rumänien finden sich nur als Andeutungen, etwa im Hinweis, dass es seit Silves-ter keine Schuluniform mehr gibt und die Bilder des Genossen General verschwunden sind.
Wo Ort und Zeit nicht genannt werden, wird die Parabel möglich, übersteigt das Erzählte konkrete Verhältnisse und bekommt allgemeine Gültigkeit: Hier geht es um ein Land, das befreit wurde von einer Diktatur, in dem die Freiheit nun allerdings dazu genutzt wird, die Gewaltspirale weiterzudrehen.
Emma ist es, die erzählt, ein dreizehnjähriges Mädchen. Und der Autor hält diese Perspektive einer Jugendlichen, die dabei ist, erwachsen zu werden, bis zum Ende durch. Emma ist nach dem Unfalltod der Eltern im Internat gelandet, wird dort eines Tages von einer Frau abgeholt, die behauptet, ihre Großmutter zu sein, und die im Büro der Schuldirektorin im Kaffeesatz liest, in dem daraufhin das Gesicht von Emmas Mutter erscheint – eine eigenartige Methode zu beweisen, dass man die Großmutter ist. Und so mysteriös und keineswegs wirklichkeits- und wahrheitsgewiss wird es auch weitergehen, wenn Emma dann bei dieser Großmutter leben wird.

Was ist wahr?

In den Begegnungen mit Mitschülern, Lehrern und anderen Bewohnern des Ortes erfährt Emma, dass der ebenfalls zu Silvester gestorbene Großvater womöglich mit Schuld behaftet war. Agierte er als Spitzel und hat sich deshalb nach dem Sturz des Generals umgebracht? Oder hat er sich gar nicht selbst das Leben genommen? War er der gute Mensch, von dem wiederum andere erzählen, der sich dafür einsetzen wollte, dass die Opfer eines Massakers auch begraben werden? Immerhin war er in einem Umerziehungslager, durfte auch seinen Wunschberuf Chirurg nicht ausüben, sondern war als Lehrer tätig – und genoss als solcher offensichtlich keinen schlechten Ruf. Was ist wahr? Und wann ist jemand ein Spitzel?
Die Erfahrung, dass Wahrheit eine subjektive Angelegenheit sein kann, erzählt sich auch durch jene Binnengeschichte, die Emma von ihrer Großmutter nach und nach erzählt bekommt, allerdings in Varianten. Diese hat als Mädchen seinerzeit jüdische Freunde versteckt und damit auch das Leben ihrer Eltern aufs Spiel gesetzt.
Die magischen, mythischen, märchenhaften Züge, die diese Großmutter trägt – sie kann zum Beispiel im Mehl lesen – und die auf das Mädchen übergehen, das sich dann von Fuchs und Ameisen helfen lässt und mit der Großmutter einen Golem formt, spitzen die Fragwürdigkeit von Gewissheit nur noch mehr zu: Der Boden unter unseren Füßen ist nicht so fest, wie manche behaupten. Auch der Großvater geistert noch so lange im Haus herum, bis sein trauriger Abschiedsbrief auftaucht.

Zauberhafte Erzählweise

Was diesen zauberhaften Roman vor allem so lesenswert macht, ist seine Erzählweise. Das beginnt bei einzelnen Bildern, die für sich sprechen: Wenn etwa das Fernsehen den toten General zeigt, wird akkurat der Friedenswettbewerbspokal gegen den Bildschirm geworfen.
Das setzt sich fort in den einzelnen Kapiteln, die sich wie eigenständige Erzählungen lesen, so perfekt sind sie komponiert. Etwa die Szene im Schwimmbad: Emma steigt auf den abgesperrten Sprungturm und springt ins Becken, wo allerdings Schutt und Eisenstangen auf sie warten – eine lebensgefährliche Aktion und ein Bild auch für die Situation des Landes. Das Strudelteigziehen mit der Großmutter wiederum zeugt von einer Wahrnehmungsgabe und Detailbeschreibungskunst, die ihresgleichen suchen kann. Einzige Schwachstelle in diesem Roman ist das fast thrillermäßig zugespitzte Finale.
Dass Dragomán durchgehend im Präsens erzählt, lässt die Geschichte in der Gegenwart ankommen – die Leser werden ganz nahe an sie herangerückt. „Die schmerzvollsten Geschichten könne man nur so erzählen“, sagt die Großmutter einmal zum Mädchen, und es könnte eine Poetologie des Autors sein, „dass der, der zuhört, das Gefühl hat, dass sie ihm selbst widerfahren, dass es seine eigenen Geschichten sind.“


Der Scheiterhaufen
Roman von György Dragomán
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Suhrkamp 2015
495 Seiten, geb.,
€ 25,70
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