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Das stille Land - 07/2016

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Das Haus über dem Steilufer

Seine Erzählkunst beweist der Schriftsteller Tom Drury auch in seinem jüngsten Werk und legt mit „Das stille Land“ einen Roman mit poetisch eindringlichen Bildern vor.


| Von Rainer Moritz

Dafür, dass Pierre Hunter gerade einmal Mitte zwanzig ist, hat er schon einiges erlebt. Seine Eltern verliert er früh, und als er nach dem College in die Provinz – irgendwo im Mittleren Westen der USA – zurückkehrt und sich als Barkeeper in einem halbwegs gediegenen Etablissement durchschlägt, steht sein junges Leben plötzlich auf der Kippe. Ein harmlos anmutender Schlittschuhlauf endet, als das Eis bricht, um ein Haar tödlich. Nur der tatkräftigen Stella Rosmarin, die ein Haus über dem Steilufer des Sees bewohnt, ist es zu verdanken, dass Pierre nicht im kalten Wasser umkommt. Was es mit dieser Stella, mit der der Gerettete bald eine Affäre beginnt, genau auf sich hat, bleibt verborgen hinter den Nebelschleiern, die Tom Drury kunstvoll über seine Geschichte legt. Ist sie, wie ihre Cousine Alison vermutet, nach einem Treppensturz mit Vorsicht zu genießen? Und fiel sie einst wirklich einem Brandanschlag zum Opfer?

Gutes und Böses ist nicht von Dauer

Der 1956 in Iowa geborene Tom Drury, der 1994 mit dem großartigen Roman „Das Elend des Vandalismus“ debütierte, versteht es vorzüglich, schnörkellos realistische Erzählpassagen immer wieder magisch zu überblenden und so seinen vom Schicksal nicht übermäßig begünstigten Figuren eine existenzielle Tiefe zu geben. Dass „jeder Erfolg die Bedingungen für seinen eigenen Niedergang“ schaffe, ist so Pierres „einzige Lebensweisheit“, die er aus seiner Collegezeit hinübergerettet hat. Gutes oder Böses, so seine Schlussfolgerung, ist nicht von Dauer. Allein „uninteressante Dinge“ trotzen dem Verfall länger.
Es sind nicht viele solcher Reflexionen, die Drury seinen Figuren zubilligt. Er lässt sie agieren, knappe Dialoge führen, und er treibt sie durch die eigentümliche Landschaft einer karstigen Hochebene, die (so auch der Titel des bereits 2006 erschienenen Originals) „driftless area“ genannt wird. Ohne dass Pierre zu den nicht wenigen obskuren Dealern oder (Klein-)Verbrechern der Region zählen würde, gerät er unwillkürlich immer wieder in Situationen, die alles aus den Fugen zu bringen drohen. In einer Silvesternacht landet er sturzbetrunken auf der falschen Party, führt einen famosen Münztrick vor und soll danach wegen Hausfriedensbruchs angeklagt werden. Einer dras-tischen Strafe entgeht er mit Mühe, doch schon wenig später beschwört er ein Unglück herauf, das – am Ende des Romans – zu einem klassischen Showdown führt: Als Pierre trampend seine Cousine in Kalifornien besucht, gerät er auf dem Heimweg mit einem Pick-up-Fahrer namens Shane Hall aneinander, der ein kriminelles Vorleben aufweist. Pierre wehrt sich, setzt seinen Gegenspieler außer Gefecht und entwendet eine Tüte, in der sich 77.000 Dollar befinden. Das Geld wird Pierre nicht glücklich machen.

Merkwürdig und beeindruckend

Der Bestohlene heftet sich ihm an die Fersen, und immer mehr zieht sich die Schlinge zu. Vergeblich hofft Pierre darauf, dass die Rohrzange, die er nachts neben sein Bett platziert, genügend Abschreckung darstellt.
„Das stille Land“ ist ein merkwürdiges und ein beeindruckendes Buch. Weder lässt es sich den gnadenlos düsteren Provinzromanen zuschreiben, wie sie ein Daniel Woodrell („Winters Knochen“) schreibt, noch gibt es sich allein der Spannung hin, die durch die Verfolgungsjagd aufgebaut wird. Immer wieder erlaubt sich Tom Drury Abschweifungen, die – ohne dass das kommentiert würde – die Hoffnungsarmut dieses „stillen Landes“ versinnbildlichen. Da wird ein Unschuldiger, der keine Handvoll Dollar bei sich hat, zum Opfer von Shane Halls Rachefeldzug, und da hören wir schmerzenden Ohres jener Lyrik zu, die eine Jugendfreundin Pierres zu verfassen nicht müde wird. Für Verse wie „Dass in den Alten Zeiten unseres Landes / das, was der eine verlor, des anderen Gewinns war“ werden selbst bei anspruchslosesten Gedichtwettbewerben 
keine Lorbeeren verteilt.
Zwischen all das, was Pierre bewegt und was ihn in die Enge treibt, mischen sich poe-tisch eindringliche Bilder, die die Einsamkeit der Protagonisten einfangen. Wenn Stella ihre Fantasie beschwört, zeigt Tom Drury, wie sie – im weißen Bademantel – eine Lichterkette aus „kleinen Deko-Lämpchen in der Form von Eicheln“ aus dem Küchenschrank holt und sie um einen Bonsai schlingt: „Es war nichts Besonderes mit dieser Lichterkette, aber Stella hatte sie hier im Haus gefunden und konnte bei diesem Licht besser nachdenken.“ Mehr braucht es nicht, um Stella an ihrem Tisch genau vor sich zu sehen, und mehr braucht Tom Drury nicht, um seine Erzählkunst zu belegen.


Das stille Land
Roman von Tom Drury
Aus dem Amerik. von Gerhard Falkner
und Nora Matocza
Klett-Cotta 2015. 
216 S., geb.,
€20,50
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  01:42:50 07.17.2005