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Vorher Nachher - 07/2016

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Vergänglichkeit mit Witz erzählt

Lektorix des Monats


| Von Franz Lettner

Wann ist man sicher, dass nach dem Freitag immer der Samstag kommt, dass auf einen kalten Winter jedes Jahr wieder ein Sommer folgt? Wann vertraut man darauf, dass die Vögel im Frühjahr wieder zurückkommen? Zeitliche und kausale Zusammenhänge zu durchschauen, in ihrer Logik und Gesetzmäßigkeit zu verstehen, ist eine der bedeutenden Aufgaben der Kindheit. Manche Bücher können dabei helfen. „Vorher Nachher“ von Anne-Margot Ramstein und Matthias Aregui ist so eines. Ohne Text wird hier in Bildern anschaulich, dass die Zeit vergeht und sich dabei viel verändert: Es beginnt links mit einem schwarzen Nachthimmel voller in Gelb und Blauweiß leuchtender Sterne sowie einem blassgelben Mond; auf der gegenüberliegenden Seite leuchtet dort, wo links der Mond war, eine gelbe Sonne vor einem leicht blauen Himmel. Auf die Nacht folgt der Tag. Die kleinste Erzähleinheit ist in diesem ungewöhnlichen und mit 166 Seiten äußerst umfangreichen Bilderbuch die Doppelseite mit zwei Illustrationen.

Reduziert auf das Wesentliche

Umblättern: links ein grüner, haariger Stengel mit einer Knospe oben, aus der die weißen Zungenblüten hervorlugen. Rechts ist die Margerite aufgeblüht. Noch mal umblättern: links eine knapp zwei Zentimeter große Eichel auf weißem Blattraum, rechts ein hundert Jahre alter Baum.
Die Illustrationen, auf dem Rechner gemalt, sind einfach, reduziert auf die wesentlichen Elemente, oft auf einfärbigen Hintergrund gestellt. Die Perspektive ist immer frontal, einzig Nähe und Distanz variieren. Die flächigen Bilder sind vielfarbig, durchwegs aber gedeckt. Das alles macht die Illustrationen schon für kleine Betrachter lesbar. Die geringe Komplexität der Bilder wird durch die Geschichten, die sie in ihrer Abfolge erzählen, kontrastiert und auch mit Spannung aufgeladen. Weil sich die Dramaturgie nicht nur über jeweils zwei Bilder erstreckt, die ein Vorher und ein Nachher repräsentieren, sondern weil auch längere Erzählbögen geschlagen werden: von der Natur zur Zivilisation, überbrückt von Technologie oder auch Kultur. So kommt man von der wuchernden Vielfalt im Dschungel über eine urbane Krankomposition zum Hochhausdschungel, in dem dann King Kong seinen Auftritt hat. Mit Witz und überraschenden Wendungen wird also auch in die Kunst eingeführt, in Bildern und Bildsequenzen Geschichten zu erzählen.
Nach einem langen Tag geht in „Vorher Nachher“ die Sonne wieder unter, weicht dem Mond. Dann kommt eine Sanduhr. Sie ist hier nicht nur einfaches Zeitmessgerät, als welches sie früher im Buch zu sehen war. Jetzt steht sie für die Vergänglichkeit, das werden erwachsenen Mitleser erkennen: Der Sand ist durchgerieselt, die Doppelseite sonst völlig weiß und leer. Dieser Tag ist vorbei und kommt nie wieder. Aber ein neuer wartet, wenn man nur von vorn wieder zu lesen beginnt.


Vorher Nachher
Bilderbuch von Anne-Margot Ramstein
und Matthias Aregui
Jacoby & Stuart 2016.166 S. 
geb.,
€ 20,60
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