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Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren - 08/

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„Dann wird sich der Zauber erschließen“

Er schrieb faszinierend präzise Prosa und griff neue psychologische Erkenntnisse auf: 
Vor 100 Jahren starb mit Henry James ein bedeutender amerikanischer Schriftsteller.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Auf den ersten Blick erschließt sich eigentlich nicht, warum man im Jahr 2016 solche Geschichten lesen sollte: Von der amerikanischen Upperclass des 19. Jahrhunderts, die dank des Vermögens ihrer Vorfahren ein Leben ohne Arbeit führen konnte – es sei denn, die Wirtschaftskrise machte einen Strich durch die Rechnung.
Wer wen vielleicht nicht heiraten kann, weil er sicher nur auf Geld aus ist: Solche Themen interessieren Anfang des 21. Jahrhunderts und angesichts der Umbrüche, die wir heute erleben, wohl eher wenig. Vor allem, wenn sie scheinbar so unpolitisch daherkommen wie bei Henry James. Kaum zu glauben, dass der amerikanische Bürgerkrieg gerade erst vorbei war, als James, der 1843 geboren wurde und 1916 starb, seine Bücher schrieb. Seltsam enthoben scheinen die Probleme, die in seinen Werken verhandelt werden. Und Probleme werden viele verhandelt, viele seiner Texte handeln gerade von diesem Verhandeln, vom Kommunizieren oder Nichtkommunizieren, vom gegenseitigen Belauern, was gemeint ist, obwohl es nicht gesagt wird, was gesagt wird, aber eigentlich gemeint ist, darüber, wie andere Menschen ausgerichtet werden, sei es in Worten, sei es in Gedanken. Daran wie James seine Figuren zueinander in Beziehung setzte, kann man erkennen, dass er das Theater liebte, obwohl das Schreiben fürs Theater letztlich nicht funktionierte und er als Prosaschriftsteller bedeutend wurde.
Die Romane geben zwar durchaus spannende Einblicke in die Zeit von damals und in das Verhältnis von Amerikanern zu Europäern. Doch es sind nicht die Liebesgeschichten und Geldangelegenheiten, die die Bedeutung seiner Texte ausmachen, sondern es ist die Form, mit der James das Bewusstsein bei der Arbeit erzählte. Seine Meisterschaft wird auch in den kürzeren Texten sichtbar (etwa in den Erzählungen „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“, großartig übersetzt von Friedhelm Rathjen, Manesse-Verlag).

An vielen Orten

Aufgewachsen war James in eben jener wohlhabenden amerikanischen Gesellschaft, über die er später so viel schrieb. Sein Vater konnte mit der Familie Europa bereisen und seinem Interesse, der Religion, nachgehen. Vor allem Emanuel Swedenborg und seine Visionen hatten es ihm angetan. Des Vaters Ideen, viele Bücher und Schulen prägten die Kindheit von Henry James. Ständig wurden die Wohnorte gewechselt: Schweiz, Paris, London, New York, Newport – dementsprechend polyglott wuchsen Henry James und sein älterer Bruder William, der spätere Psychologe und Philosoph, auf. (Die 
Biografie erzählt Verena Auffermann im Fotoband „Henry James“; Deutscher Kunstverlag.)
Literarisch tätig sein, bedeutete für den Schriftsteller vor allem Beobachtung und harte Arbeit. „Die Kunst befasst sich mit dem, was wir sehen [...]; sie pflückt ihr Material [...] im Garten des Lebens“, betonte James und pflückte seine Erfahrungen bei Dinnereinladungen und Veranstaltungen der Upperclass. „Um gesellig zu sein, braucht man eine Menge Mut“, meinte er. Um Stoff zu bekommen, musste er gesellig sein. Danach aber sei das Schreiben vor allem Arbeit: „Es ist ganz und gar eine sitzende Tätigkeit, die eine solche Menge an Kalkulationen erfordert, dass sie das höchste Gehalt eines Oberbuchhalters verdiente.“ Gut verdiente James zwar mit einigen Werken, andere wiederum kamen nicht so gut an, wie sie heute von der Nachwelt geschätzt werden.

Zeit im Umbruch

Die Zeit, in der Henry James lebte, war eine Zeit der enormen Umbrüche, die auch in der Kunst sichtbar wurden. Die bildende Kunst verabschiedete sich von der Zentralperspektive und die Literatur sich – so könnte man vereinfacht sagen – vom auktorialen Erzählen, von einem Erzähler also, der Bescheid weiß, der ordnet, der Normen vermittelt. Stattdessen kamen die einzelnen Figuren ins Spiel und ihre Perspektiven, ihr Beobachten und Reflektieren, das sich von dem der anderen auch unterscheiden kann. Aus dem jeweils beschränkten Wissen und der jeweiligen Wahrnehmung erfuhren die Leser nun die Geschichte. Die „Tatsachen“ schaffen sich erst durch das Bewusstsein der denkenden Figuren und können einander auch widersprechen.
Diese Formen sind nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern haben auch politische Bedeutung. Denn Literatur ging damals durchaus noch der Aufgabe nach, die Entwicklung von Figuren zu zeigen, und zwar im Sinn der Normen der viktorianischen Gesellschaft. Dabei war klar, was richtig und was falsch war, die Leser sollten möglichst in die richtige Richtung mitgenommen werden.
Doch nun fehlte die zentrale Perspektive, die letzte Autorität, damit wurde vieles fraglich und vieles möglich. Auf einmal sahen so manche Normen gar nicht mehr so klar aus. Kann nicht ein anderer in einer anderen Situation zu einer anderen Entscheidung kommen und diese Entscheidung dann auch moralisch gerechtfertigt sein? Von nun an war das Individuum gefordert, das sich mit solchen Fragen auseinandersetzen musste, das eine Wahl treffen musste.
Diese hochkomplexe Auseinandersetzung findet sich in James’ Werken einzigartig formal ausgedrückt. Aber auch inhaltlich hinterlässt sie ihre Spuren. Im Roman „Washington Square“ etwa (neu übersetzt von Bettina Blumenberg, Manesse) hält der Vater als Autoritätsperson unerschütterlich und kalt an seinen Berechnungen und seinem Rechthaben fest, egal welchen Schaden die Tochter dabei nimmt, frei nach dem Motto: Hauptsache, die Haltung wird durchgehalten, für Nebenwirkungen wird keine Haftung übernommen. Moralisches Abwägen kommt bei einer solchen Denkhaltung nicht vor. Dagegen setzt James in manchen Werken erstaunlich starke Frauen, die in dem ihnen vorgegebenen, damals noch sehr engen Rahmen durchaus individuelle moralische Entscheidungen treffen.

Ich und Ich

1890 traf William James die bahnbrechende Unterscheidung zwischen dem Ich als Subjekt und dem über sich selbst nachdenkenden Ich als Objekt, aus deren Zusammenwirken entwickle sich das Selbst. William diskutierte die Erkenntnisse mit seinem Bruder, Henry verarbeitete sie literarisch. Vor allem der Begriff „stream of consciousness“ fand Eingang in die Literatur. Wie das Bewusstsein Sinneseindrücke verarbeitet, das interessierte den Autor sehr.
Literarisch hingegen waren die Brüder nicht eines Sinnes. „Warum setzt Du Dich nicht, nur um dem Brüderchen einen Gefallen zu tun, einfach hin und schreibst ein neues Buch, ohne Zwielicht oder Muffigkeit in der Struktur, mit großer Kraft und Entschlossenheit in der Handlung, ohne diese Finten und Scharmützel in den Dialogen, ohne psychologische Kommentare und in einem absolut klaren Stil?“, fragte William. Der Wissenschaftler war gewohnt, „eine Sache in einem Satz so gerade heraus und explizit wie möglich auszudrücken“, und wünschte das auch von seinem Bruder, dem Literaten.
Aber Henry James dachte wohl nicht daran, dem Bruder seinen Wunsch nach besserer Lesbarkeit zu erfüllen – und arbeitete in dieser Hinsicht auch seinen Lesern nicht entgegen. Wer nur um des Plots willen liest, wird daher enttäuscht sein. Henry James ist auch kein Autor für ungeduldige Leser. Allen anderen aber kann man jenen Rat ans Herz legen, den James an eine Leserin seines Romans „Die Gesandten“ (neu übersetzt von Michael Walter, Hanser) richtete: „... lesen Sie fünf Seiten am Tage – seien Sie ruhig so sorgfältig –, aber zerreißen Sie nicht den Faden! Der Faden ist wirklich mit fast wissenschaftlicher Präzision gespannt. Gehen Sie, Schritt für Schritt, an ihm voran – dann wird sich der volle Zauber erschließen.“



Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren
Von Henry James
Aus dem amerikanischen von Friedhelm Rathjen.
Gebunden
Manesse 2015.
416 S., geb.,
€ 27,80

Henry James
Biographische Fotoband
Von Verena Auffermann.
Deutscher Kunstverlag 2016.
96 S. mit 68 SW- u. Duplexabbildungen., geb.,
€ 27,80

Washington Square
Roman von Henry James
Neu aus dem amerikanischen von Bettina Blumberg.
btb 2015.
288 S., kart.,
€ 11,30

Die Gesandten
Roman von Henry James
Neu aus dem amerikanischen von Michael Walter,
Herausgegeben von Daniel Göske.
Hanser 2015.
704 S., Leinengeb.,
€ 41,10
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