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Das Leben und die Dinge - 10/2016

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Wenn Buchmenschen schreiben

Drei Fachmänner für Literatur, drei höchst unterschiedliche Bücher über ihr Leben mit Büchern: Karlheinz Rossbacher legt Essays vor, Markus Gasser versucht eine Weltgeschichte in 33 Romanen und Ulrich Greiner erzählt sein Leben als alphabethischen Roman.

| Von Anton Thuswaldner

Dass sich ein Literaturwissenschaftler in der Literatur auskennt, darf vorausgesetzt werden. Das allein genügt noch nicht, um ihm über den Weg zu trauen. Es braucht einen ganzen Kerl, der nicht nur das theoretische Rüstzeug, das selbstverständliche Handwerk eines jeden Wissenschaftlers, tadellos beherrscht, sondern auch noch mit beiden Beinen fest im Leben steht. Bei Literatur handelt es sich ja nicht nur um ein Phänomen, das sich quantifizieren und klassifizieren lässt und dessen Spielregeln allgemeingültigen Normen unterliegen und deshalb gut Platz finden in einem in sich geschlossenen System. Gerade Regelverstöße kennzeichnen künstlerische Hervorbringungen, und jeder Text, der die Auseinandersetzung lohnt, muss als Individuum betrachtet werden. Es gibt ihn ein einziges Mal auf der Welt, genauso wie den Verfasser oder die Verfasserin, deren Eigenart sich im Geschriebenen manifestiert. Das macht die Sache mit der Literaturgeschichte so fragwürdig, die sich an Epochen orientiert und über abweichendes Verhalten hinwegsieht, als bestünde darin auch noch eine Gnade. Vielleicht sollte man einzelne Bücher auffassen wie einzigartige, unverwechselbare Erscheinungen des menschlichen Bewusstseins.

Literatur und Leben

Karlheinz Rossbacher, emeritierter Germanist der Universität Salzburg, sah schon immer über allzu enge Begrenzungen seines Faches hinaus. Die Beschäftigung mit Geschichte bedeutet für ihn eine unabdingbare Notwendigkeit, und Literaturen aus anderen Sprachen und Kulturen gehören zum selbstverständlichen Wissensvorrat. Außerdem legt er seinen Lesern nahe, Literatur vom Leben nicht zu trennen. Autoren wie Lesende kommen eben nicht umhin, ihre eigene Biografie ins Buch mit hineinzunehmen. Und dass Rossbacher gute Chancen hat, Leser zu bekommen, liegt an seiner Art, seine Sache zu vertreten. Die Leidenschaft des Entdeckens und Glücksgefühle bei der Lektüre sind ihm nach Jahrzehnten intensiven Versenkens in alte und neue Texte nicht abhanden gekommen. Das sieht man seinem Stil an.
Wenn nun ein neuer Band mit Essays von Karlheinz Rossbacher zu vermelden ist, darf man etwas erwarten. Mit Recht dieses Mal? Was er kann, führt er staunenswert am überschaubaren Thema vor. Wie gehen Film und Literatur mit der Atombombe um? Einstieg Godzilla: 1954 kommt die Riesenechse aus einer japanischen Filmreihe zu uns, ihr Charakter hat sich im Lauf der Jahrzehnte gewandelt. Godzilla „wurde vom Zerstörer zum Warner.“ Über Stichworte und Assoziationen hangelt sich Rossbacher weiter zur weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch und Günther Anders, um mit T. S. Eliot und Botho Strauß („Die meiste Zeit vergessen wir sie wohl“) weiterzumachen.
Die kleine Kulturgeschichte der Bombe führt vor, wie Angst und Verdrängung, Zerstörung und Verharmlosung den Zugriff auf das große Thema Atombombe und die Folgen variieren. Solche Aufsätze wie auch jene über Geld oder die Apokalypse sind Glücksfälle, in denen Theorie im Erzählen aufgeht.

Brief von Thomas Mann

Schön auch, wenn der Autor von seinen besonders wertvollen Autographen berichtet. In seinem Besitz befindet sich ein Brief Thomas Manns, am 7. März 1950 aus dem kalifornischen Exil nach Öster-reich- geschrieben. Mit der Rossbacher-Methode der ausschweifenden Beschreibung entfernt sich der Autor immer weiter vom eigentlichen Anlass des Essays, dem Brief, um uns an seinem Wissen über Thomas Mann, Ezra Pound und divergierende politische Haltungen teilhaben zu lassen. Den Wortlaut des Briefes erfahren wir nur aus zweiter Hand, was Rossbacher eben für erwähnenswert hält.

Vorwand für Themen

Markus Gasser, noch ein Germanist, der auf ein starkes Ich pocht. Er nimmt sich 33 Romane der Weltliteratur vor, um aus ihnen eine Geschichte der Welt zu destillieren. Sie sieht anders aus als eine klassische Weltbeschreibung, die sich an historischen Fakten orientiert, weil hier die Fiktion an der Erinnerungsarbeit ebenso ihren Anteil bekommt. Das ist nur gerecht. Geschichte als Wahrnehmung und Verarbeitung subjektiven Denkens und Empfindens wird nie in Abrede gestellt.
Doch Vorsicht: Von den Romanen erfährt der Leser gar nichts. Gasser nimmt sie nur zum Anlass oder schlimmer: Vorwand, um in ihnen angesprochene Themen aufzugreifen und in pathetische Verkleidung zu stecken. Aus Umberto Ecos vielschichtigem Roman „Das Foucaultsche Pendel“ pickt er den Templer-Strang heraus, um ihn recht eigenwillig bis in unsere Gegenwart fortzuspinnen. Wenn auch noch so etwas wie Ironie ins Spiel kommt, wird es unangenehm banal: „Längst kontrolliert der Präsident der Vereinigten Staaten, ein heimlicher Anhänger Mohammeds, eine Energiequelle im Erdmittelpunkt, den Gral, und lenkt im Verein mit jüdischen Bankiers, dem Mossad, Freimaurern, Illuminaten, Jesuiten und Außerirdischen die Geschicke der Welt.“
Dann schon lieber Ulrich Greiner, der etwas kleiner ansetzt, bei seinem eigenen Leben. Ein solches haben ja sogar Literaturkritiker. In kleinen Episoden, gegen die Chronologie gebürstet, weil alphabetisch nach Stichworten geordnet, nehmen wir Teil an einer Biografie, die aus wenig aufregenden Begebenheiten Zeittypisches ebenso wie ganz Persönliches schlägt. Ein kleines, kostbares Buch, in dem das Gewöhnliche den Hauch des Besonderen atmet.


Das Leben und die Dinge
Alphabetischer Roman von Ulrich Greiner
Jung und Jung 2015
216 Seiten, geb.,
€ 19,90

Zeitreisen
Essays über Bücher, Briefe und Sonstiges
Von Karlheinz Rossbacher
Lehner 2015
240 Seiten, geb.,

€ 19,90

Eine Weltgeschichte in 33 Romanen
Von Markus Gasser
Hanser 2015
210 Seiten, geb., 

€ 20,50
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