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Aus dem Nichts - 10/2016

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Visionen & Scharlatane

„Mobilisierung der Träume – Dreams Rewired“ dokumentiert einst 
Zukunftsweisendes. „Aus dem Nichts“ porträtiert einen Außenseiter.


| Von Thomas Taborsky


Vom jüngsten Werk der Coen-Brüder, „Hail, Caesar!“, mag man halten, was man will. Als die beiden einen Schneideraum zur Mitte des 20. Jahrhunderts zeigen, sitzt darin aber getreu der Zeit eine Frau – in einem Job, den damals gängige Geschlechterbilder als weiblich abstempelten. Bekanntlich dauerte es bis 2010, dass Kath-ryn Bigelow als erste Regisseurin den Oscar entgegennehmen konnte. Ihre kreative Urahnin war jedoch bereits 1896, unmittelbar nach Erfindung des Kinos, aktiv. Das Schicksal der Französin Alice Guy ist Teil der machtvollen Argumentationskette, die der Filmessay „Mobilisierung der Träume – Dreams Rewired“ aufreiht. Bis auf einige Animationen besteht die Arbeit von Manu Luksch, Martin Reinhart und Thomas Tode aus Material aus den Filmarchiven der Welt.

Filmschnipsel – mindestens 60 Jahre alt

Obwohl kein Schnipsel jünger als 60 Jahre ist, machen sie ihre Geschichte der Zukunftsmusiken gleichsam zu einer der Gegenwart. „Jedes Zeitalter denkt, es sei das moderne Zeitalter“, bringt es der meisterliche Narrationsstrang des Films auf den Punkt, der von der britischen Schauspielerin Tilda Swinton ätherisch aus dem Off vorgetragen wird. Und auch die Verheißungen wie Befürchtungen stehen nicht erst seit gestern, sondern seit Langem im Raum. Das Zusammenrücken der Welt etwa, das Nachbarn aus entfernten Freunden macht. Die Drohung, dass man seinen Platz in der Welt verliert, wenn man sich aus Entwicklungen ausklinkt. Die Angst vor Überwachung und Preisgabe jeder Privat-heit. Die Beschleunigung des Lebens. Big Data. Die Cloud. Es sind Visionen und Albträume, die Luksch & Co aus ihren Fundstücken heben, im kuriosen Vorläufer des Mobiltelefons ebenso wie in der Maßnahme nach dem Untergang der Titanic, den Funkverkehr vom Recht zum Privileg zu drehen.
Das Muster, das sich ergibt, lässt die Entfremdung der Vision fürchten: Zuerst kommt die Freiheit des Pioniertums, dann Obrigkeiten, die das „Chaos“ unterwerfen – Kräfte wie Léon Gaumont etwa, der in seiner Firmengeschichte die allererste Regisseurin, Alice Guy, verschwieg. Sie bleibt im Film nicht als einzige auf der Strecke. In einem nahtlosen Asssoziationsbogen arbeitet sich „Mobilisierung der Träume“ durch Konzepte und Technologien. Seine große Kunst dabei bleibt, dass er sich einerseits in eine hohe heimische Experimentaltradition einreiht, wie sie etwa Gustav Deutsch mit den „Film