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Was heißt - einen literarischen Text interpretier

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Lesen und Verstehen

Was treibt eigentlich, wer sich literarische Texte vornimmt, um darüber zu grübeln und zu schreiben? Jan Philipp Reemtsma legt einen Literatur-Grundkurs vor.

| Von Anton Thuswaldner

Wenn sich Jan Philipp Reemtsma Gedanken macht über das Lesen und das Verstehen von Texten, schaut er sich zuerst einmal bei anderen um, wie die das gehandhabt haben. Klar, Reemtsma verfügt über ein ausgeprägtes literarhistorisches und philosophisches Wissen und das breitet er bereitwillig aus.
Was treiben die Leute eigentlich, die sich literarische Texte vornehmen, um darüber ins Grübeln zu geraten? Warum macht man das überhaupt, über Texte, die sowieso sprechen, noch einmal sprechen? Offenbar bedeutet es erhebliche Schwierigkeiten, Eindeutigkeit herzustellen. Literatur weiß immer mehr als der Verfasser und die Leser, und Literatur weist über ihre jeweilige Zeit hinaus. Das macht es problematisch, literarische Texte festzulegen, weil sie sich entziehen, stets mehr Wissen und Wahrheit bergen, als ein einzelner Leser aus ihnen heraus zu präparieren vermag. Das geht auch ganz in Ordnung, denn wenn man mit Texten rasch fertig wäre und Einigkeit darüber bestünde, hätten wir es mit recht einfältigen Gebilden der menschlichen Einbildungskraft zu tun.

Von den alten Griechen

Was erfahren wir von den Griechen, die ernsthaft Literatur hergestellt haben und sich über die Art, was wir von ihr zu halten haben, diskutiert haben? Lies nach bei Platon, sagt Reemtsma, und sieht sich einen Sokrates-Dialog aus der Feder von Platon an. Er liest den Text, referiert ihn in eigenen Worten, kommt bei manchen Stellen ins Straucheln und bringt Goethe ins Spiel, der genau über diesen Dialog auch einmal gestrauchelt ist und darüber geschrieben hat.
So sieht die Methode Reemtsmas aus: Er referiert, schaut, wie andere mit dem soeben referierten Text umgehen, und referiert auch das. Er selbst steckt in der Haltung des souveränen Drüberfliegers, der sich zu erkennen gibt als der, der den skeptischen und bisweilen ironischen Blick wagt. Sonst hält er sich gern draußen, bleibt der Sammler und Sichter, der Zusammenzieher und Kommentierer, sehr textnah und ausführlich. Gern hält er sich bei Denkern auf, die ihm vertraut sind. Immanuel Kant schätzt er, deshalb steigt er gern in die Verästelungen seiner Denkkonstruktionen ab.
Reemtsma gibt sich als Zeitgenosse zu erkennen, der das, was einmal gedacht worden ist, auf seine Brauchbarkeit für heute abklopft. Das gerät oft recht langatmig, auch wenn sich Reemtsma um einen saloppen und launigen Tonfall bemüht: „Ion macht sich lächerlich, steht da als der geschniegelte und herausgeputzte Publikumsliebling, der meint, sein sonorer Vortrag sei die ganze Welt.“ Ion ist der Vortragende, der die Leute rührt, über sein Handwerk aber nichts zu sagen weiß. Mit Sokrates, so wie ihn Platon sieht, müsste dann wohl „etwas im Spiele (sein), das sich der Erörterung entziehe, etwas Göttliches“, und das kommt einer Kapitulation vor der Analyse gleich. 
Reemtsma, der Gelehrte, hat aber sofort eine Assoziation bereit und findet, dass bei Carnap eigentlich Vergleichbares stehe: „Dichtung habe ihr recht, wenn man sie nicht verwechselt.“ Hierin ist Reemtsma Meister, das Alte mit Neuem kurzzuschließen.

Schönheit und Stimmigkeit

Überraschendes ist jederzeit zu erwarten. Emil Staiger hatte lange keine guten Karten. Mit seiner werkimmanenten Literaturbetrachtung, die stark auf das Gefühl setzte und seinem Wesen, das reichlich damit zu tun hatte, seiner Ergriffenheit Herr zu werden, geriet er, der einmal der Superstar unter den Germanisten gewesen war, ins Abseits. Im Zürcher Literaturstreit von 1966 verunglimpfte er die zeitgenössische Literatur, da er sie politischen Ideen verpflichtet sah. Damit machte er sich mächtige Feinde und hatte weitgehend ausgespielt. In Max Frisch hatte er einen erbitterten Gegner. Erstaunlich, dass er bei Reemtsma wieder seinen Auftritt bekommt. Erstaunlich auch, dass dieser so wohlgemut mit ihm umgeht. Reemtsma ist der große Einfühlende: „Was er (Staiger) anbietet, ist ein erstes Gefühl, ein diffuses Erleben von Schönheit, Stimmigkeit, Harmonie und was solcher Wörter mehr sein mögen. Es geht ihm weniger um die Frage, woher solche Empfindung stamme, als darum, wie diese Empfindung in ein vermittelbares Urteil zu überführen sei.“ So fasst einer Staiger-Gedanken zusammen, der sich der Frankfurter Schule verpflichtet fühlt, die die Ideen der Aufklärung weiterzuführen sucht. Begriffe wie „Schönheit, Stimmigkeit, Harmonie“, einst Kampfbegriffe in der ästhetischen Auseinandersetzung und als Stichworte einer konservativen, rückgewandten Literaturauffassung diffamiert, greift Reemtsma wieder auf. Staiger warf der modernen Literatur vor, das Hässliche und Schreckliche zu thematisieren, was dem treuen Freund der klassischen Hochgestimmtheit im Innersten zuwider war.
In einem Kapitel geht Reemtsma auf den von Hilde Domin herausgegebenen Band „Doppelinterpretationen“ aus dem Jahr 1969 ein. Jeweils ein Autor oder eine Autorin und eine Person aus dem wissenschaftlichen oder kritischen Bereich wurden aufgefordert, zu einem Gedicht Stellung zu beziehen. Dass die Selbstdeutung deutlich abwich von der Interpretation eines „Umstehenden“, wie 
Reemtsma die Leute nennt, die sich über Literatur ihre Gedanken machen, war zu erwarten. Die Unzufriedenheit Reemtsmas mit den Ergebnissen ist auch nicht vollkommen überraschend. Nur schade, dass er sich selbst so zurücknimmt. Dass einer, der sich so oft kluge Gedanken über das Schreiben anderer macht, sich mit flapsigen Kommentaren zufrieden gibt, ist enttäuschend.

Schlechte Gedichte?

Im Mittelpunkt steht ein Gedicht von Heinz Piontek, als Zweitinterpret legt sich Heinz Politzer mächtig ins Zeug, um seine Ratlosigkeit zu kaschieren. „Politzer assoziiert recht ungehegt, ungebremst auch“, und „Piontek assoziiert die Wörter seines Gedichtes weiter und sagt ,ich‘ dabei“. Beide Ergebnisse bleiben mickrig, das lässt uns Reemtsma wissen, aber was sollen wir von dem Gedicht halten? Es abhaken als misslungenes Ergebnis eines überforderten Lyrikers? Der packt jedenfalls Kranichfeder zusammen mit einer Partisanin ins Gedicht, und was die beiden dann miteinander zu schaffen haben, bleibt rätselhaft. „Jedes Reden über Bedeutung schlägt sich mit dem Umstand herum, dass etwas in der Welt ist, weil es intendiert war.“ So schafft Politzer das Kunststück, uns einzureden, „das Gedicht schreibe über sich selbst“. Und Piontek selbst ist hauptsächlich ratlos. Wie aber erkennt man ein schlechtes Gedicht? Das hätte man gern genauer erfahren. Und Rätselhaftigkeit muss nicht automatisch einen Bonus ergeben, der Mehrdeutigkeit in Aussicht stellt. Vielleicht ist sie nur das Ergebnis einer erzwungenen Künstlichkeit.
Eindeutig verhält sich Reemtsma im Fall eines Gedichtes von Max Bense. Der legte einen Zufallstext vor, zusammengestückelt aus einer Auswahl von 1200 Wörtern einer Literaturbeilage. Das nimmt er als Literatur gar nicht erst ernst. „Ein Text ohne Autor ist bedeutungslos, man kann ihn einen Zufallstext nennen“, schreibt Reemtsma in seiner Einleitung.
Das Buch ist keine Anleitung in die Kunst des Interpretierens. Es leistet eine Übersicht der Denkansätze, die unternommen wurden, um literarischen Texten Bedeutung abzuringen. Zum Thema „Verstehen“ ist ein Text von den Cartoonisten Rattelschneck abgedruckt: „Wenn ich mich verspreche und Sie sich gleichzeitig verhören, kann es doch sein, daß Sie genau das verstehen, was ich eigentlich sagen wollte.“ – „Ich finde es zumindest Nazivollbart.“ – „Ich finde es auch nachvollziehbar.“
Wir sehen, es ist immer schwer, einander zu verstehen.


Was heißt: einen literarischen Text interpretieren?
Voraussetzungen und Implikationen des Redens über Literatur
Von Jan Philipp Reemtsma,
C. H. Beck 2016
316 S., geb.,
€ 25,70
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  01:30:48 07.14.2005