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Der Hungermaler - 46/2007

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Das richtige Maß
Perfekt komponiert ist die neue Erzählung von Helene Flöss.
Von Maria Renhardt

Der Blick auf das schwere, mächtige Tor der Gefangenenanstalt vom benachbarten Café aus. Penelope, die eigentlich Magdalena heißt, wartet bei einer Melange auf die Entlassung des Malers, ihres Malers, der eine Mappe mit Bildern unter seinem Arm trägt und von der ihn gerade neu umfangenden Welt sofort absorbiert wird: „Dass einer so schnell verschwinden kann. Sich auflösen. Verschluckt werden. Sie hätte ankündigen sollen, dass sie auf ihn wartet. Er hätte ihr das Warten verwehrt.“ So beginnt der neue, souverän erzählte Prosatext der Südtiroler Autorin Helene Flöss. Die Szene am Anfang verweist auf das Finale, denn das Geschehen wird aus der Retrospektive erzählt und lediglich unterbrochen durch die Schilderung der Gefangenenbesuche Magdalenas. Diese lassen keine Berührung zu, nur die Andeutung einer zarten Geste durch die Hand, die sie jeden zweiten Sonntag auf die Glasscheibe legt, damit Piero sie mit der seinen zudecken kann.

Maler und Weberin
Im Mittelpunkt der Erzählung stehen also ein Maler und eine Kunstweberin. Er (eigentlich Peter Franz), ein Kauz und Tüftler, wird nach seinem Lieblingsmaler Piero genannt. Unersättlich richtet er sein „flanierendes Auge“ auf die Welt und sucht nach „absoluter Schönheit“ und Vollkommenheit. Gerade deshalb schafft er es nicht, seine Bilder aus dem Stadium eines unausgegorenen Entwurfs hinauszukatapultieren und sie aus der Hand zu geben: „Die Selbstzufriedenheit des Ästheten sei ein Widerspruch in sich selbst.“ Das, was den Humus für das „Wesentliche der Existenz“ abgeben soll, das Bild, das ohne Sprache auskommt, bleibt für Piero verbissene Spurensuche und unerreichbar. Nur manchmal, wenn er Penelope Schmuck schenken möchte, tauscht er eines seiner Bilder ein. Einmal fragt sie ihn, was ihm das Malen bedeute: „Ein Zeichen für Untröstlichkeit. Lebenswundheit. Wenn sich ein schnurstrackses Leben nicht abschreiten lasse, probiere man, sich mit allerlei akrobatischen Übungen durchzuschlagen.“
Penelope, die Kunstweberin, hat einen völlig anderen Zugang zur Kunst. Als ewig ihre Fäden ziehende Arachne schafft sie Auftragsbilder und experimentiert mit prächtigen Mustern, Farben und Formen. Penelope kennt Piero schon lange, irgendwann tritt sie dann tatsächlich in sein Leben, bis sie schließlich die ihr zugedachte Rolle der Muse verweigert. Piero will mehr von Penelope und sein Bedürfnis nach einer dauerhaften Bindung stillen. Bei ihr kann er das nicht finden, auch wenn er durch sie die „Bild-Sprache“ entdeckt. Als er sein „Bild“ malen möchte, seine Magdalena, „die Sünderin als Heilige im Bildstock“ wird ihm klar, dass ihr asketischer, schlanker Körper als Modell für sein Bild nicht taugt. Penelope verweigert die Rolle der Rubensfigur und geht. „Ich will nicht dein lebender Mangel sein.“ Piero wird zum Verlorenen, zum Hungermaler, weil er „sein Fressen nicht findet“ und an seinen Entwürfen verhungern muss. In diesen thematischen Strang hinein webt Flöss Pieros Sorge für seine alte, kranke Mutter, der er schließlich durch eine Überdosis Tabletten „zum Tod verhilft“. Damit löscht er die „falsche Frau“ aus, weil eigentlich Penelope hätte sterben müssen.

Brüche und Risse
Diese Erzählung ist psychologisch gesehen perfekt durchkomponiert. Flöss kartografiert das Seelenterrain des Malers als ein Leben mit Brüchen und Rissen. Auf dieser Folie entwickelt sie das Psychogramm eines gescheiterten Menschen, der im blinden Glauben an die Ästhetik den Spagat zwischen Sehnsucht und innerer Harmonie nicht schafft. Tiefgründig und kunstsinnig schreibt Flöss über die Balance, das richtige Maß zu finden, und über die verschiedenen Facetten der Kunst zwischen Handwerk und Passion. All dies zeichnet sie mit klaren, kurzen Strichen. Einwortsätze, Bruchstücke, lapidar und analytisch aneinandergereiht, lassen eine vexierbildhafte Lebensskizze entstehen. Wie bereits in ihrem schmalen Band „Dürre Jahre“ wird auch im „Hungermaler“ die treffende Lakonie zum Prinzip, aber nicht ohne poetische Töne durch das konzentrierte, kunstvoll verdichtete Textgespinst schwingen zu lassen. „Harmonie, diese schlichte, gebändigte Sehnsucht. Sie singt und trauert so vor sich hin.“


Der Hungermaler
Eine Erzählung von Helene Flöss
Haymon Verlag, Innsbruck 2007
114 Seiten, geb.,
€ 14,90
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