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Vor der Morgenröte - 22/2016

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Zerrissen zwischen den Welten

„Vor der Morgenröte“: Maria Schrader erzählt in ihrem neuen Film die letzten Tage Stefan Zweigs, der der Schoa entkam, aber doch nicht weiterleben konnte.

| Von Thomas Taborsky

Stein auf Stein türmt das biografische Drama „Vor der Morgenröte“ jene Verzweiflung auf, die einen der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts in den Freitod trieb. Stefan Zweig, dem Verfasser der „Schachnovelle“, von „Sternstunden der Menschheit“ oder „Maria Stuart“, dem erklärten Pazifisten und „Juden aus Zufall“ folgt die Schauspielerin Maria Schrader mit ihrer nach „Liebesleben“ zweiten Regiearbeit ins amerikanische Exil.

Verweis auf den Abschiedsbrief

Nicht nur im Titel verweist sie auf den Abschiedsbrief, der 1942 im brasilianischen Petrópolis bei der Leiche Zweigs und der seiner zweiten Frau Charlotte gefunden wurde. Sein Inhalt und die Gefühlslandschaft dahinter speisen die Episoden, in die sich der Film unterteilt. Heimatlosigkeit, die Überzeugung, politische Kommentare trotz des Wissens um die Vorgänge in Europa unterlassen zu müssen, das zugetragene Leid und die menschliche Pflicht zur Hilfeleis-tung; all das während man selbst in Sicherheit und finanziell abgesichert ist, ja sogar den Hund vor den Nazis retten konnte – pointiert weiß Schrader, die innere Zerrissenheit Zweigs in Szene zu setzen.
Darstellerisch setzt diese sich in Zurückhaltung und ausgesuchter Höflichkeit eines Gentlemans um. Zugleich plagt ihn aber die Melancholie, die Wut im Kleinen und tiefe Erschöpfung. Trauer schießt ein, wenn der Ausblick vom Balkon eines Bekannten an den fernen Semmering erinnert oder zwischen Zuckerrohr und Urwald eine Blaskapelle ergreifend falsch den Donauwalzer anstimmt. Josef Hader brilliert in dieser Hauptrolle, er zieht viele Register seines Könnens . So unprätentiös er oder Hanna Schygulla, die als erste Ehefrau ihren Auftritt hat, wirken, so gezirkelt ist der Eindruck bei „Vor der Morgenröte“ auf formaler Seite.

Eine Hochleistungs-Inszenierung

Schrader liefert eine Hochleistungs-Inszenierung ab, die gar nicht anders kann als spüren zu lassen, dass ihre komplexen, oft menschenreichen Szenen bis zur Perfektion choreografiert sind. Der termingestresste Durchmarsch durch einen PEN-Kongress samt Gruppeninterview und Podium, der Nachmittag in der frostigen New Yorker Wohnung mit Besuchern: Das alles strebt so nach dem Ideal der Plansequenz wie die finale Szene eine ist – eine einzige Kameraeinstellung, die durch einen Schrankspiegel zum kunstvollen inhaltlichen Sammelbecken wird. Behaftet mit diesem minimalen Manko, legt Maria Schrader dennoch eine bemerkenswerte Brücke vor. Die nicht nur zum Menschen Stefan Zweig oder zur Schoa führt, sondern mit der unerträglichen Last des Überlebens auch ebenso gut direkt in die Gegenwart.


Vor der Morgenröte
A/D/F 2016. Regie: Maria Schrader.
Mit Josef Hader, Aenne Schwarz, Hanna Schygulla.
Filmladen. 106 Min.
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