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Superheldinnen - 16/2016

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Flott, Frech und Super Depressiv

Von Veronika Schuchter

Barbi Marković schreibt gerne ab. Das klingt erst mal wenig originell, ist es aber. Die gebürtige Serbin ist nämlich eine Meisterin der Intertextualität. Für ihr 2009 erschienenes Debüt „Ausgehen“ hat sie Thomas Bernhards Erzählung „Gehen“ ins Belgrad der Gegenwart versetzt. Und zwar Satz für Satz. Auch als Grazer Stadtschreiberin bediente sie sich an schon vorliegendem Material und schrieb alle Texte auf, die ihr auf ihren Streifzügen durch die Gaststadt unterkamen, arrangierte sie, stellte sie in einen anderen Kontext und kreierte so etwas völlig Neues.
Remix nennt Marković diese Technik. Diese Form der Montage und Aneignung birgt immer die Gefahr der Epigonalität, doch Marković ist vielmehr eine der originellsten Erzählstimmen der letzten Jahre. Das liegt vielleicht daran, dass sie ihren Texten Zeit gibt sich zu entwickeln. Nach einem Theaterstück und einigen kürzeren Texten legt Marković nun ihren zweiten Langtext vor. Schon „Ausgehen“ wurde als Roman bezeichnet, war aber eher Erzählung und auch „Superheldinnen“ ist kein klassischer Roman. Das tut aber eigentlich nichts zur Sache, es bestätigt vor allem Markovićs Originalität und eigenwilligen Stil.

Superkräfte als Bürde

Mascha, Direktora und die Ich-Erzählern sind die titelgebenden Superheldinnen. Mit ihren Comics und Blockbuster bevölkernden, glamourösen Kollegen und Kolleginnen haben sie allerdings wenig gemein. Sie bekämpfen keine Super-Bösewichte, retten keine Städte oder verhindern große Katastrophen. Einmal wöchentlich treffen sie sich im heruntergekommenen Wiener Café Sette Fontane: „Es war März in Wien, und aufgrund des Sonnenmangels waren unsere Gesichter weiß wie die Wand. Die Depressionen rissen uns in Stücke, zerrten an uns und nagelten uns am Boden fest. Wir waren zu nichts zu gebrauchen.“ Während die ungewöhnlichen Heldinnen Interventionen planen, um das Leben ihrer Mitmenschen ein bisschen besser zu machen, hadern sie selbst mit ihren Lebensumständen. Eingewandert aus Belgrad und Sarajevo, halten sie sich in Wien irgendwie über Wasser und versuchen den gesellschaftlichen Aufstieg. Sie wirken im Kleinen und Geheimen, kein Wunder, sind ihre Superkräfte „Blitz“ und „Auslöschung“ doch ziemlich „dark“, wie sie selber sagen. Immerhin, wer ausgelöscht wird, stirbt nicht, er wird in ein neues Leben katapultiert, im Idealfall in ein besseres. Geholfen ist damit aber in erster Linie denjenigen, die unter den Ausgelöschten zu leiden hatten. Ein ruiniertes Leben kann nochmal Auftrieb bekommen, entfernt man nur die richtigen Menschen daraus. Die Superheldinnen haben eine durchwegs pessimistische Sicht auf die Welt und ihre Mitmenschen. „Enttäuscht vom Leben mit einem dehnbaren Gewissen“ stellt sich die Ich-Erzählerin am Anfang vor. Mit ihren Kräften sind sie nicht allein. Marija, die Großmutter der Erzählerin, destabilisierte das ganze Land, weil sie sich bei ihren Auslöschungen von Rachsucht leiten ließ. Und Maschas Lehrerin Rabija spaltete sich beim Einsatz ihrer magischen Fähigkeiten versehentlich selbst. Die Superkräfte sind mehr Bürde als Geschenk. Glücklich sind die drei jedenfalls nicht.

Impulse aus Südosteuropa

Die österreichische Literatur hat in den letzten Jahren viel von den Impulsen aus Ost- und Südosteuropa stammenden Autoren und Autorinnen profitiert, von ihren Erfahrungen von Fremdheit, ihrem kreativen Umgang mit der deutschen Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist, ihren literarischen Traditionen. Marković ist eine davon. Teile des Romans verfasste sie auf Serbisch, die von Mascha Dabić, die schon für die Übersetzung von „Ausgehen“ verantwortlich zeichnete, ins Deutsche übertragen wurden. In „Superheldinnen“ mischt Marković magischen Realismus mit popkulturellen Elementen. Mit Markennamen und Werbeslogans wird nur so um sich geworfen, doch fehlt hier die ironische Brechung. Diese Figuren gehören nämlich nicht zur wohlstandsverwahrlosten Oberschichtsjugend, die ihre innere Leere mit der Anhäufung von Statussymbolen auszugleichen sucht, wie man sie aus der Popliteratur der 90er kennt. Als Migrantinnen befinden sie sich ganz unten auf der Wohlstandsskala, haben miese Jobs, die Mittelschicht scheint unerreichbar. „‚Ist es denn nicht so, dass wir eigentlich nicht viel erwarten und dass alles, was uns fehlt, sich in einem Wort ausdrücken lässt?‘ ‚Welches Wort?‘ fragte Direktora. ‚Geld, natürlich‘, sagte ich.“ Was diese Superheldinnen brauchen, ist ausgerechnet schnödes Geld. Zeit, sich ausnahmsweise selber zu helfen – das gibt dem Ganzen ein pikareskes Element.
Markovićs Sprache ist voller Überraschungen. Sie verlässt eingefahrene Spuren, öffnet beim Lesen die Wahrnehmung für neue Details und verfügt außerdem über ein Gefühl für sprachliche Strukturen und Rhythmus. „Schon lange verfügten wir über geschärfte Sinne zur Vermeidung von Wiener Hundekot. Teenagerinnen wurden Mütter, die Internetplattformen baten die Menschen darum, ihnen ein Detail über ihre Präferenzen und Gewohnheiten zu verraten, und wir drei kannten weiterhin niemanden in der Stadt, der gestorben war, und fühlten uns nicht eingeengt, sondern beklommen. Wir fürchteten, der Wind könnte uns davontragen.“ Der Roman hat einen eigenen, schnellen Sound, der einen beim Lesen mitreißt. „Superheldinnen“ ist tragikomisch, romantisiert nicht und ist vom Grundton bitterböse. Kapitalismuskritik war gestern, wer ganz unten ist, kann sie sich ohnehin nicht leisten. Mit seinen Seitenblicken auf Belgrad, Sarajevo und Berlin ist der Roman auch eine kleine Liebeserklärung an Wien. Wer Literatur sucht, die überrascht, vielschichtig ist und sich nur schwer einordnen lässt, der ist bei Barbi Marković richtig.

Superheldinnen
Roman von Barbi Marković

Residenz 2016
192 S., kart., 
€ 18,90
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  17:40:02 07.19.2005