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Ein langes Jahr - 16/2016

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Der schönste Platz auf der Welt

Eva Schmidt beobachtet in ihrem Roman „Ein langes Jahr“ den Alltag in einer Wohnsiedlung und damit die Gegenwart.

Von Christa Gürtler

„Diese Texte erinnern an Bilder, wie Edward Hopper sie gemalt hat“, schreibt Peter Hamm über die vielfach ausgezeichneten und hoch gelobten Debüterzählungen „Ein Vergleich mit dem Leben“ von Eva Schmidt, die 1985 erschienen sind. Nach zwei weiteren Buchpublikationen, „Reigen“ und „Zwischen der Zeit“ vergehen fast zwanzig Jahre, bis sie sich mit einem neuen Roman im Literaturbetrieb zurückmeldet.

Momentaufnahmen vieler Leben

„Ein langes Jahr“ ist ein Buch, das beweist, dass Eva Schmidt ihrem poetischen Programm treu und eine zurückhaltende und genaue Beobachterin ihrer Mitmenschen geblieben ist. Ja, auch die 38 Episoden über den Alltag in der Siedlung einer fiktiven Stadt, die unverkennbar der Topographie ihres langjährigen Wohnorts Bregenz entspricht, erinnern an Hoppers Bilder. Und auch ohne Peter Hamms Zitat und ohne das Foto auf dem Umschlag, auf dem ein Mann zu sehen ist, der vor seinem Haus und der Plastiksitzgruppe davor seinen Rasen sprenkelt, stellen sich bei der Lektüre Assoziationen zu Hoppers Bildern ein. Denn Eva Schmidts literarische Verfahrensweise entspricht der einer Beobachterin, die Figuren von außen beschreibt und keine psychologische Innenperspektive einnimmt, nicht einmal, wenn sie aus der Ich-Perspektive erzählt, wie in einigen Abschnitten des Romans.
In kurzen Momentaufnahmen beschreibt sie Menschen, die immer wieder in ihren Wohnungen aus den Fenstern schauen und auf ihren Balkonen und Terrassen stehen, um hinaus- und hinüberzuschauen. Doch bei Eva Schmidt schauen sie nicht wie bei Hopper in die Ferne, sondern in die Wohnungen und Gärten der Nachbarn. Nur wenige Protagonisten können ihre Sehnsucht mit einem Seeblick stillen. Sie beobachten und kontrollieren einander, nur selten treten sie 
miteinander in Beziehung. Es sind junge und alte Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, die allesamt einsam, aber nicht immer allein sind. Sie begegnen einander vor allem dann, wenn sie ihre Hunde ausführen.
Natürlich hängen die Lebens- und Beobachtungsmöglichkeiten vom Standort ab, also davon, wo man sozial verortet ist, wo man wohnt, etwa im Hochhaus, in den verschiedenen Stockwerken der Siedlungshäuser aus den 1970er Jahren, im „Steckdosenhaus“, einem Mehrparteienhaus einer Stromgesellschaft, in einer luxuriösen Villa, in einer Wohnanlage direkt am See, im Pflegeheim, wo der Wunsch nach einem „Zimmer für mich“ schwierig werden kann, oder ob man obdachlos ist wie Wolfgang. Die Standorte verändern sich. So verlässt die Ich-Erzählerin, eine Fotojournalistin im Ruhestand, ihr Haus und wechselt in eine Wohnung. Schon vor der Übersiedlung hat sie sich von ihrer Nachbarin beobachtet gefühlt: „Ich fühlte mich wie eine Gefangene.“ Die Perspektiven wechseln, die Lebensgeschichten lassen sich nicht an einem roten Faden auffädeln und manchmal verschwinden die Menschen auch aus dem Text, weil sie weggehen oder sterben, bei einem Unfall oder weil sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen.
Eva Schmidt entwirft in einer literarischen Versuchsanordnung verschiedene Momentaufnahmen von Lebenswelten, die nebeneinander existieren und sich im Verlauf des Romans immer kunstvoller miteinander in verschiedenen Konstellationen verknüpfen und bisweilen auch wieder voneinander lösen, sodass eine Art literarisches Soziogramm einer Stadt entsteht.
Die Konstanten dabei sind die gegenseitigen Beobachtungen auf den Balkonen und die Hunde, die zwischen den Protagonisten Beziehungen herstellen und manchmal die fehlende Beziehung zwischen Menschen ersetzen müssen. „Hunde sind fast wie Menschen, und Menschen kannst du auch nicht einfach verschenken“, sagt Benjamin, der als Kind einer Alleinerzieherin aufwächst, zu seinem Freund Joachim, der nach der Scheidung der Eltern bei seinem Manager-Vater in der Villa mit Haushälterin lebt. Schließlich erfüllt sich für Benjamin auf andere Weise sein Wunsch, weil er Herrn Agostinis Hund Hemingway, „Hem“ genannt“, täglich ausführen kann, denn Herr Agostini kann das aus Altersgründen nicht mehr und muss wie seine Frau ins Seniorenheim übersiedeln. Auch zwischen Benjamins Mutter Cora und Joachims Vater gibt es eine Annäherung, die sich aber nur als temporär erweist. Schließlich beginnt Cora, die ihren Job verliert, eine Beziehung mit einem spinnennetztätowierten Mann aus dem fünften Stock ihres Wohnhauses, dem wir schon in einer anderen Szene begegnet sind.

Alltägliche Einsamkeit und Fremdheit

Wie in den Short Cuts eines Films geschnitten, reihen sich die 38 kurzen Kapitel aneinander, die zwar räumlich in einer Stadt (mit einem Ausflug Joachims in die Berge) verortet sind, aber zeitlich doch auf ein sehr „langes Jahr“ gedehnt werden. Die Lektüre bleibt spannend, weil man immer wieder neue Bezüge entdeckt.
Eva Schmidt erzählt von der alltäglichen Einsamkeit und Fremdheit in einem urbanen Raum, in dem die Beziehungen zwischen Menschen keine Nähe und Geborgenheit mehr vermitteln können, sondern die Beziehung zu Hunden zur einzigen Konstante wird. Nur in einzelnen Momenten finden Menschen zueinander, etwa wenn Benjamin und die Ich-Erzählerin am schönsten Platz der Welt miteinander reden und Zukunftspläne schmieden. Benjamin wird im nächsten Sommer zu Lily nach Amerika fahren und die Erzählerin träumt davon, dass sie mit ihrem Wohnmobil losfahren wird, in die Berge oder auch „ein bisschen weiter weg“.
Eva Schmidt legt mit ihrem neuen Roman „Ein langes Jahr“ ein beklemmendes und trauriges Buch über unsere Gegenwart vor. Es sind meisterhaft geschriebene, fast möchte man sagen, gezeichnete Bruchstücke von alltäglichen Lebensgeschichten. Was bleibt, sind die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen. Schon das Roman-Motto von Robert Walser deutet es an: „Am Fenster zu stehen und den Kopf in die Luft zu strecken, machte ihn sehnsüchtig. Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte.“


Ein langes Jahr
Roman von Eva Schmidt
Jung und Jung 2016 209 S.,
geb., € 20,–
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