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Zwischen mir und der Welt - 29/2016

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Irgendwie leben als Schwarze

Nicht von einzelnen Polizisten werden Schwarze in den USA getötet, meint Ta-Nehisi Coates, sondern von ihrem „Land und den Ängsten“.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Bis 23 Uhr ist Samori aufgeblieben, um im Fernsehen die Verkündigung der Anklage an Darren Wilson zu sehen. Der Polizist hatte 2014 in Ferguson den 18-jährigen Michael Brown erschossen. Doch dann erfährt Samori: Wilson wird nicht angeklagt. Der 14-Jährige steht auf, geht in sein Zimmer – und weint. Der Vater tröstet den Sohn nicht, denn das kann er nicht. „Stattdessen habe ich dir das gesagt, was deine Großeltern mir schon zu erklären versucht haben: dass dies dein Land ist, dass dies deine Welt ist, dass dies dein Körper ist und du irgendwie darin leben musst.“
Das klingt ziemlich fatalistisch, und ein gewisser resignativer Ton findet sich tatsächlich in Ta-Nehisi Coates’ heuer auch auf Deutsch erschienenem Buch „Zwischen mir und der Welt“. Es ist ein Brief an den 14-jährigen Sohn, in dem Coates seine Erfahrungen als Schwarzer in den USA erzählt. In jenem Jahr, in dem der inzwischen preisgekrönte Journalist diesen Text schreibt, wurde bereits ein Schwarzer erwürgt, weil er Zigaretten verkaufte, eine Schwarze erschossen, weil sie Hilfe holen wollte, und ein anderer schlenderte durch ein Kaufhaus und ist nun auch tot. Getötet werden die Schwarzen nicht durch einzelne Polizisten, so Coates, sondern von ihrem „Land und den Ängsten, die es von Anbeginn geprägt haben“.

Polizei repräsentiert Überzeugungen

Die amerikanische Gesellschaft sieht Coates als Produkt demokratischen Willens – und was er von diesem Produkt hält, erklärt er mehr als deutlich: „Die Polizei in Frage zu stellen bedeutet also, das amerikanische Volk in Frage zu stellen [...]. Das Problem mit der Polizei ist nicht, dass das alles faschistische Schweine sind, sondern dass unser Land von Mehrheitsschweinen regiert wird.“ Die Polizisten repräsentieren die Überzeugungen ihres Landes, Sicherheit ist mehr wert als Gerechtigkeit und die Polizeireviere sind mit der Befugnis ausgestattet, „deinen Körper zu zerstören“. Sie müssen daher auch keine Verantwortung übernehmen.
Es ist die Tradition, es ist das Erbe Amerikas, den schwarzen Körper zu zerstören, schreibt Coates und greift damit frontal die Identität seiner Heimat an, die ja gerade auf ihre Tradition, auf ihr Erbe stolz ist und sich, um es mit Coates’ Worten zu sagen, für außergewöhnlich, für die größte und edelste Nation hält, die es je gab. Dann sollte sie sich solchen moralischen Maßstäben auch unterwerfen, meint Coates. Doch die Realität sieht anders aus.

Sicherung des eigenen Körpers

Der 1975 in Baltimore geborene Journalist beschreibt seinem Sohn zunächst seine eigene, von Angst geprägte Kindheit und Jugend. Einige Familienangehörige sind nicht eines natürlichen Todes gestorben. Die Eltern schlagen ihn, um zu verhindern, dass er Schläge von der Polizei bekommt; draußen, auf der Straße, lauern weitere Gefahren. In so einer Angstatmosphäre lernt man sich zu bewegen mit einer bestimmten Sprache, „die daraus bestand, wie man jemandem zunickte oder ihm die Hand schüttelte“. Man entwickelt eine Kultur, die der Sicherung des eigenen Körpers dient. So wächst Coates im Baltimore der Siebziger- und Achtzigerjahre auf, im Wissen, dass es irgendwo da draußen andere Welten gibt, „in denen Kinder nicht ständig um ihre Körper fürchteten.“ Dass diese Welten existieren, weiß er vom Fernsehen.
Rassismus, „das Bedürfnis, Menschen bis ins Mark zu kategorisieren und daraufhin zu demütigen, zu reduzieren und zu vernichten“, ist für Ta-Nehisi Coates eine körperliche Erfahrung; „die Soziologie, die Geschichte, die Wirtschaft, die Tabellen und Statistiken, die Regressionen“ landen „allesamt mit Wucht auf deinem Körper“. Das „Weißwaschen versprengter Stämme“ wurde durch Plünderung von Leben anderer erreicht, durch Plünderung von „Freiheit, Arbeitskraft und Land; durch das Auspeitschen von Rücken, das Anketten von Gliedmaßen, das Erdrosseln von Andersdenkenden, die Zerstörung von Familien, die Vergewaltigung von Müttern, den Verkauf von Kindern und diverse andere Maßnahmen, die in erster Linie dir und mir das Recht absprechen sollten, in Sicherheit über unseren eigenen Körper zu bestimmen.“
Von der Großmutter lernt Coates die kritische Selbstbefragung, durch den Großvater, Bibliothekar an der Howard University, hat er Zugang zu afroamerikanischer Kultur und Geschichte und sein Vater ist Koordinator der Black Panther Party. Dermaßen und mit Malcolm X eingestimmt, kommt Coates an die Howard University, die geradezu ein Monopol zur Förderung schwarzer Talente besitzt. Dort, in seinem „Mekka“, begreift er, dass Geschichte eben keine geschlossene, widerspruchsfreie Erzählung ist, dass Theorien – auch jene der Schwarzen – einander widersprechen können, und er lernt das Schreiben als Kunst des Denkens kennen, eine Fähigkeit, die später renommierte Journalisten fördern werden.
Er lernt vor allem aber, dass schwarz zu sein nichts ist, womit man sich brüsten sollte. „Ein Schriftsteller, und das wollte ich sein, muss jedem Traum und jeder Nation misstrauen.“ Dem eigenen Traum und der eigenen Nation „vielleicht noch mehr als anderen, eben weil es die eigenen sind.“ Er bemerkt: „vielleicht war ‚schwarz‘ einfach nur das Etikett für jemanden ganz unten, einen Menschen, der in ein Objekt verwandelt, ein Objekt, das in einen Unberührbaren verwandelt worden war.“ Coates entgeht der Gefahr, die Rassentheorie ungewollt weiterzuführen, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. „Rasse“ ist kein naturgegebenes Merkmal, erkennt Coates, sondern eine Verletzung, „zugefügt von Menschen, die uns benennen wollten, die glauben wollten, dass dieses Etikett wichtiger sei als alles, was wir jemals tun können.“

Den Fragen nachgehen

Auch wenn Coates’ langer Brief (dem in der deutschen Buchausgabe sein „Plädoyer für Reparationen“ beigefügt wurde, das im Magazin The Atlantic erschienen ist) stellenweise pathetisch gerät und unnötige Schleifen und Wiederholungen aufweist – zu Diskussionen regt der eindringliche Text an, nicht zuletzt, weil er dem üblichen Traum misstraut und in das amerikanische Fundament sticht. Zudem geht Coates auf die Mechanismen ein, die jene „ganz unten“ heute ausgrenzen, Bildungspolitik ebenso wie wirtschaftliche Maßnahmen.
Welche Antwort gibt es also auf die Fragen angesichts der entsetzlichen Umstände, die Coates beschreibt und analysiert? Coates hat keine: „Und jetzt sage ich dir, dass die Frage, wie man in einem schwarzen Körper leben soll, in einem traumverlorenen Land, die Frage meines Lebens ist, und dieser Frage nachzugehen, habe ich festgestellt, ist letztlich die Antwort.“ Die Botschaft an seinen Sohn lautet schlicht: „ein bewusster Bürger dieser schrecklichen, wunderschönen Welt“ zu sein.
Ein Buch nur für US-Bürger? Oder für Europäer, damit sie mit dem Finger zeigen und sagen können: Wir haben es schon immer gewusst, solche Rassisten!? Keineswegs. Man sollte es beim Lesen mit Coates’ Methode der kritischen Selbstbefragung halten, die schon seine Großmutter übte: Keiner ist unschuldig. Menschen, die sich für weiß halten, sind besessen davon, sich selbst zu entlasten, schreibt Coates einmal. Als grandioses Beispiel – und man meint die Diktion aus anderen Räumen, aus anderen Zeiten zu kennen – bringt er die Stadt Levittown ins Spiel, deren weiße Bewohner 1957 um ihr Recht auf Segregation mit folgenden Worten stritten: „Als unbescholtene, rechtgläubige, gesetzestreue Bürger hegen wir den vorurteilsfreien, unvoreingenommenen Wunsch, unsere Gemeinde als geschlossene Gemeinde zu erhalten.“


Zwischen mir und der Welt
Von Ta-Nehisi Coates.
Aus dem Engl. von Miriam Mandelkow.
Hanser Berlin 2016. 234 S., geb.,
€ 20,50
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