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Söhne und Planeten - 46/2007

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Windige Charaktere und Scharlatane
Mit seinem ersten Roman zeigt Clemens J. Setz sein Talent. Im Herzen seiner Prosa steckt der Widerspruch.
Von Anton Thuswaldner

Victor, ein junger Schriftsteller, hält eine Lesung. Er bringt eine Geschichte mit dem Titel „Der Mann, für den die Zeit zyklisch war“ zum Vortrag und unterbricht kurz, „um meinen trockenen Mund ein wenig zu befeuchten“. Ein Zuhörer beginnt zu klatschen: „– Es geht noch weiter, sagte ich ins Mikrofon.“
Weiter geht es nur für das Publikum im Saal. Für die Leser des Romandebüts „Söhne und Planeten“ des jungen Grazer Schriftstellers Clemens J. Setz ist hier Endstation. Er bricht die Geschichte Victors kurzerhand ab und begibt sich sogleich ans Ende der Lesung. Leute drängen sich um ein Buffet, es findet der übliche Smalltalk statt, und dann taucht Bernd auf. „Er machte das Gesicht eines freundlichen Menschen. Die offizielle Version. Unter der Oberfläche allerdings überschütteten wir uns körbeweise mit Fehdehandschuhen.“ Das genügt. Damit lässt uns Setz schon wieder allein. Ein neuer Abschnitt beginnt, und eine Szene in einem Bus nimmt Kontur an.

Geschichten abwürgen
Clemens J. Setz ist ein Geschichtenerzähler, der beständig daran arbeitet, diese abzuwürgen. Sie kommen an kein rechtes Ende, sie beinhalten keine Lehre, sie lassen einen nicht in Frieden. Das Erzählwerk dieses Autors ist nicht bestrebt, Ordnung zu schaffen im Leben der Figuren, auf dass sie eine nachvollziehbare Entwicklung nehmen, hier geht es sprunghaft zu. Die Geschichte von Victor und Nina nimmt das letzte Kapitel von vieren des gesamten Romans ein. Die beiden ergeben ein schönes Paar, aber hat es auch Zukunft? Man weiß es nicht, eine denkwürdige Fremdheit steht zwischen ihnen. Es ist für Setz nicht wichtig, wie es weitergeht mit ihnen, er liefert Zustandsbeschreibungen, schildert Momente, in denen sich Intensität zwischen beiden einstellt. Man begegnet zwei Personen, die dem Augenblick verhaftet sind, als Gefangene ihrer Gegenwart Grenzen nicht überschreiten. „Sie musste sie spüren, die verborgen gehaltene Gewissheit, dass ich bei ihr bleiben wollte.“ Sie reden nicht darüber, und so bleibt alles im Vagen, Offenen, Unbestimmten. Die Geschichte der beiden wird unterminiert von Gegenstimmen. Der Textausschnitt aus Victors Lesung, ein paar Passagen aus dem Manuskript einer Nachwuchsautorin sprengen die Ich-Erzählung Victors auf. Setz treibt es bunt im Ausprobieren fremder Stimmen, die jeweils einen eigenen Raum schaffen, eine neue Atmosphäre stiften, neue Denk- und Gefühlswelten als Kontrastmittel wirken lassen. Auf dem Hintergrund anderer Stimmen bekommt eine erzählte Wirklichkeit ja einen besonders ausgeprägten Eigenwert, weil sie sich gegen die Konkurrenz behaupten muss. Setz imitiert nicht nur Stimmen, er zitiert sie auch breit wie Daniel Defoe oder bringt sie zwischendurch knapp ins Spiel: „Celine hat recht, Philosophieren ist auch nur eine Art, Angst zu haben.“

In welcher Zeit befinden wir uns eigentlich? Das ist ungewiss. Im dritten Kapitel wird Victor, der im vierten als Schriftsteller recht gute Figur macht, begraben. „Armer, dummer Victor. Er hatte bei Edith maturiert, schade um ihn. Schade um sein Gehirn. Blutleer jetzt, wie Kreide. Oder Sand.“ Ein tragischer Fall von Selbstmord ist zu beklagen.
Auf die Kontinuität einer gewissenhaft fortlaufenden Handlung darf man sich also nicht verlassen. Für Setz führt weniger das Erzählte als die Form ins Zentrum seines Denkens. Die Form ist die ganze Botschaft. Ein Roman ist für Setz ein literarisches Unterfangen, das nicht dazu in die Welt gekommen ist, um unsere Gegenwart „Habt Acht“ stehen, sondern die ganze Vielfalt, Widersprüchlichkeit, Verworrenheit Sprache werden zu lassen. Deshalb ist Setz nicht dingfest zu machen über einen bestimmten Ton, der ihn identifizieren würde.
Die Eigenart dieses Autors erweist sich im permanenten Identitätswechsel. Er spricht in vielen Stimmen, die einander ins Gehege kommen. Das erklärt auch den rasenden Wandel der literarischen Haltungen, die er einnimmt. Er kommt uns realistisch, dass wir meinen, es mit einem Abbild unserer Verhältnisse zu tun zu bekommen, dann kippt er ins Groteske und Irrationale. Meint man, eine Figur psychologisch erfassen zu können, dann stürzt uns alsbald eine Gegenbewegung in Erklärungsnot, weil jene Argumente, die in unserem Leben greifen, nicht mehr zutreffen.

Verwandlungskünstler
Nicht umsonst bekommen Schriftsteller in diesem Roman eine derart gewichtige Rolle zugesprochen. Sie sind die wahren Verwandlungskünstler, die noch jede Wirklichkeit, und sei sie noch so plausibel, mit der Logik ihrer ihnen zu Gebote stehenden Unvernunft, auszuhebeln imstande sind. Sie sind windige Charaktere, Scharlatane und große Geister, sie erweisen sich als durchtrieben, eigensinnig und kleinmütig. Manchmal wünscht man, mit ihnen Umgang zu pflegen, dann wieder ist man froh, mit ihnen nichts zu schaffen zu haben. Der Widerspruch steckt im Herzen dieser Prosa, er ist die Kraft, aus der alles kommt, was zählt.

Rabiat und widerborstig
Setz will alles. Bekommt er auch alles? Zweifellos ist er eines der außergewöhnlichen literarischen Talente, auf den man, würde man Wetten auf die Zukunft von Neulingen abschließen, getrost setzen könnte. Er gibt sich tollkühn, rabiat und widerborstig, auch wenn dieser Gestus der Heftigkeit wie eine Attitüde wirkt. Manche Passagen wirken noch angestrengt, von einer Künstlichkeit, die erzwungen ist. Er hat sich eine Idee in den Kopf gesetzt, die er verwirklichen will, deshalb wirken Teile wie die Erfüllung eines Pflichtprogramms. In der ausgestellten Belesenheit erweckt der Roman öfter den Eindruck der Naseweisheit. Aber hier arbeitet einer mit dem unbedingten Willen, ganz echte Literatur zu schaffen, sodass manche seiner jungen Kollegen recht kindisch wirken.


Söhne und Planeten
Roman von Clemens J. Setz
Residenz Verlag, St. Pölten 2007
217 Seiten, geb., € 19,90
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  16:22:08 07.18.2005