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Sturmhöhe - 34/2016

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Ein Monolith der Romangeschichte

Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ ist faszinierende Weltliteratur. Wolfgang Schlüters Neuübersetzung
ist leider nicht in allem gelungen.

| Von Rainer Moritz

Im Jahr 1847 erschienen der zweite Band von Adalbert Stifters „Studien“ und Franz Grillparzers Erzählung „Der arme Spielmann“ – beides hoch respektable Werke der Weltliteratur, die fälschlicherweise lange unter Idyllenverdacht standen. Was immer man in den letzten Jahrzehnten an Abgründigem bei Stifter, Grillparzer und Konsorten aufgespürt hat – wenn man sieht, was im selben Jahr in der englischen Literatur geschah, bleibt niemandem verborgen, wie ungleichzeitig die Romanentwicklung damals im englischen und im deutschen Sprachraum verlief. 1847 nämlich veröffentlichte Charlotte Brontë ihren (vor kurzem von Melanie Walz neu übersetzten) Roman „Jane Eyre“, und kurz darauf legte ihre ein Jahr später verstorbene Schwester Emily ihre epochalen „Wuthering Heights“ vor.
Es ist die Geschichte des Findelkinds Heath-cliff, das auf dem winddurchtosten Gut „Wuthering Heights“ in Yorkshire aufwächst, sich in seine Ziehschwester Cathy verliebt, den Ort der Demütigung verlässt, als er abgewiesen wird, zu Reichtum gekommen einige Jahre später zurückkehrt und sich zu einem Rachefeldzug aufmacht. Generationen von Lesern hat dieser nicht auf einen Nenner zu bringende Roman begeistert, dieses Meisterwerk, das mit seinen rohen Gewaltexzessen, seinem Aggressionspotenzial und seinen verbalen Ausbrüchen das Seelenleben seiner Protagonisten offenlegt. Erzählt wird das Leben des vor Wut schnaubenden Heathcliff von seinem Ende her, zumeist aus der Perspektive der Bediensteten Nelly Dean, die dem Mieter des im Tal liegenden Herrenhauses Thrushcross Grange erzählt, von welchen schrecklichen Ereignissen die „Sturmhöhe“ im Lauf der Jahre heimgesucht wurde.

Viele deutsche Übersetzungen

Die ungebrochene Faszination, die von Emilys Brontës einzigem Roman ausgeht, spiegelt sich in der Vielzahl der deutschen Übersetzungen. Dreizehn waren es bislang, die erste erschien 1851; unter den neueren Arbeiten wurden vor allem die Übersetzungen Ingrid Reins (1986 bei Reclam) und Michaela Meßners (1997 bei Artemis & Winkler bzw. dtv) viel gelesen. Wolfgang Schlüter, der selbst als Romanautor hervorgetreten ist, hat sich nun als Nächster an die Kärrnerarbeit gemacht, für Brontës wuchtige, in vielem inkommensurable Diktion ein angemessenes Deutsch zu finden.
Es gehört zu den Gepflogenheiten des Hanser Verlags, dass er sehr häufig seinen Übersetzern überdies die Aufgabe erteilt, ein Nachwort zu schreiben. Das ist nicht immer eine glückliche Lösung, da Übersetzer keineswegs über ein literaturwissenschaftliches Spezialwissen verfügen und nicht in der Lage sein müssen, den von ihnen bearbeiteten Text einzuordnen und zu interpretieren. Zudem kommt der als Nachwortschreiber engagierte Übersetzer kaum umhin, seine eigene Arbeit zu loben und die seiner Vorgänger zu tadeln.
Wolfgang Schlüter versucht, diese Fallstricke zu umgehen: Sein Nachwort erläutert, warum „Sturmhöhe“ 1847 „in die literarische Landschaft wie Kubricks schwarzer Monolith“ fiel, und macht das vor allem am symbolischen Verweissystem deutlich, das Sexus und Gewalt über den Roman legt. Einen wichtigen Teilaspekt des Romans stellt Schlüter damit heraus. Er verzichtet darauf, seine Übertragung als allein seligmachend darzustellen und sie als „Maßstab“ zu setzen. Dennoch spürt man zwischen den Zeilen natürlich, dass er die Arbeit seiner dreizehn Vorgänger als dem Original nicht angemessen empfindet.
Was leistet Schlüters Neuübersetzung? Sie will vor allem keine Glättungen und Normierungen vornehmen und so für die sprachliche Urgewalt des Originals eine Entsprechung finden. Sie retabliert, mit guten Gründen, dessen unkonventionelle, gleichsam atemlose Zeichensetzung, hält sich nicht an die Korrekturen, die Emilys Schwester Charlotte in einer postumen Edition vornahm, und tilgt nicht die vielen Absatzmarken, die der englische Text ursprünglich setzte. Auf vermintes Gelände begibt sich Schlüter wohlwissend, wenn er sich den selbst für Engländer schwer verständlichen Passagen widmet, die in derbem Yorkshire-Dialekt abgefasst sind. Während die meisten Übersetzer davor kapitulierten und allenfalls vereinzelt deutsche Dialekt-einsprengsel verwendeten, lässt Schlüter den misogynen Diener Joseph in ein unangepasstes Wienerisch wechseln. Dafür führt er gute Gründe an, doch es bleibt befremdlich, wenn man sich als Leser auf den Höhen Yorkshires wähnt und plötzlich Sätzen wie „Der Scheff is aufm Föid. Gengans hinter die Scheun, wauns’n sprechn wuin“ begegnet. Kann es richtig sein, derart unfreiwillig komische Effekte zu erzeugen?
Ein weiteres Problem betrifft das Sprachregister, das Emily Brontë verwendet. Dass Invektiven, die Mitte des 19. Jahrhunderts provozierend wirkten, in einer historisierenden Angleichung von ihrer Sprengkraft verlieren, stimmt sicher. Doch braucht es wirklich die Illusionsbrüche, die Schlüter auf jeder zweiten Seite einbaut? Ein paar Beispiele: Aus „Have you find Heathcliff, you ass?“ wird nun ein „du Vollkoffer“, aus „selfish wretch“ eine „eigensüchtige Tusse“, und bei Wendungen wie „Du hast sie wohl nicht mehr alle“ oder „Ist die noch ganz dicht?“ dreht sich auch unsensiblen Gemütern der Magen um. Dieser verkrampften Neudeutschanbiederung stehen Stellen entgegen, wo aus Tränen „Zähren“ werden, wo man zu „Hülfe“ eilt und aus einem harmlosen „Her affection tired soon, however“ ein gespreiztes „Allein nur zu bald wurde ihre Zuneigung laulicht“ wird.

Unnötige Manierismen

Und nicht zuletzt: Es steht einer Edition im renommierten Hanser Verlag nicht gut zu Gesicht, dass offenbar niemand den Mut hatte, die Kapricen des Übersetzers zu unterbinden. Es gefällt Schlüter, der Jahre lang als Redakteur der Arno Schmidt Stiftung arbeitete, etwa ungemein, allenthalben das Kaufmanns-Und, das &-Zeichen, unterzubringen. So stolpert man über „nach & nach“, „Schnee & Wind“, „Höhen & Tiefen“ und „hin & her“ – eine Albernheit sondergleichen. In diese Kategorie fällt auch Schlüters Ablehnung der neuen Rechtschreibung, die „für literarisches oder wissenschaftliches Schreiben ernsthaft“ nicht in Betracht komme. Was das im Nachwort einer Klassikeredition zu suchen hat, weiß niemand, und der Hinweis, dass die häufige Ersetzung von „ß“ durch „ss“ zur „Verhässlichung der Welt“ beitrage, ist eine Meinungsäußerung, auf die kein Mensch gewartet hat.
Bedauerlich, dass sich Wolfgang Schlüter mit solchen Manierismen ins eigene Bein schneidet und der Ausgabe seiner in vielem so anregenden & gelungenen Neuübersetzung selbst Schaden zufügt.


Sturmhöhe
Roman von Emily Bronte
Übersetzt und mit einem Nachwort 

von Wolfgang Schlüter
Hanser 2016
640 S., geb., € 41,10
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