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Stierhunger - 46/2007

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Mit einem halben Gugelhupf fängt es an
Ein starkes Buch, aber nichts für empfindliche Mägen ist der neue Roman von Linda Stift.
Von Markus Hildenbrand

Wenn Ihnen eine alte Dame, die Sie noch nie gesehen haben, anbietet, sich mit ihr einen Gugelhupf zu teilen – dann sollten Sie schleunigst die Flucht ergreifen, denn vielleicht handelt es sich um die Hohenembs. (Doch hat eine Hohenembs für jedes ihrer Opfer wohl individuelle Erscheinungsformen …)
Für die namenlose Ich-Erzählerin beginnt mit der aufgezwungenen Bekanntschaft zu jener seltsamen, schwarz gekleideten Frau, die den Inkognito-Namen der Kaiserin Elisabeth trägt, eine verhängnisvolle Abhängigkeit, deren Sog bald auch den Leser erfasst. Amüsieren die Hohenembs und ihre Haushälterin Ida anfangs noch in ihrer Schrulligkeit, so wächst die Beklemmung und es fällt schwer, das Buch vor der letzten Seite aus der Hand zu legen.
Was die Protagonistin in Linda Stifts beeindruckendem zweitem Roman zum willenlosen Opfer werden lässt, ist ein kleines Geheimnis, eine überwunden geglaubte Essstörung, auch als Stierhunger bekannt (die Bezeichnung Bulimie fällt übrigens kein einziges Mal). Mit einem halben Gugelhupf fängt es an: „Die bizarre Fratze der Abartigkeit, die in mir geschlummert hatte, kam wieder zum Vorschein. Es war das erste Mal seit fünfzehn Jahren. Dass es so unspektakulär sein würde, dass keine Katastrophe vorangehen würde wie Liebeskummer oder eine Kündigung oder ein Todesfall, das hätte ich nicht vermutet … Ein Besuch bei einer alten Dame hatte ausgereicht.“

Poetisch oder Projektion
Ob die Hohenembs innerhalb der poetischen Realität nun Teil der realen Welt ist oder eine Projektion der Angst ihres Opfers, ist schwer zu entscheiden, der Grad der Abhängigkeit ist jedenfalls direkt proportional zum Grad der Schuldgefühle – und die nehmen bedrohlich zu. Zum einen sind das Schuldgefühle aufgrund der neu erwachten Sucht, zum anderen macht die Hohenembs die Protagonistin auch zur Komplizin bei diversen – teils gar nicht so unwitzigen – kriminellen Unternehmungen. So werden unter anderem diverse Gegenstände aus Elisabeths Besitz aus Museen entwendet, aber auch der vor der Bestattung gerettete präparierte Kopf ihres Mörders Lucheni heimlich ins pathologische Museum im Narrenturm (Gugelhupf!) zurückgebracht. Die Ich-Erzählerin verliert bald jede Kontrolle über ihr Leben, sie verliert ihre Freundin (eine zurückliegende lesbische Beziehung ist hier angedeutet), ihren Job, ihre Wohnung – und begibt sich unter die absolute Kontrolle der Hohenembs: sie zieht ins Schreckenskabinett, was bedeutet: Esstagebuch, tägliche Gewichtskontrolle und Überwachung der Toilettenbesuche …

Abhängig und hörig
Doch wenden wir uns der dritten Figur zu, der griesgrämigen Haushälterin Ida. Auch sie befindet sich in einem zwanghaften Abhängigkeitsverhältnis, ist ihrer Herrin hörig und hat jeden Widerstand aufgegeben. Ihr historisches Vorbild ist die Vertraute Elisabeths, Ida Ferenczy, deren vorgeblich zeitgenössischen Einschübe den Text kommentieren und deren aufrichtige Zuneigung zur Kaiserin („ihr ganz anzugehören“) in augenfälligem Kontrast zum Psychoterror der Hohenembs steht. Erstaunlicherweise nimmt diese Ida dabei manchmal auch auf die Erzählgegenwart Bezug. Die Autorin versagt sich hier der Eindeutigkeit und es ist dem Leser überlassen zu entscheiden, ob die Protagonistin nun von ihrer Sucht in den Wahnsinn getrieben wird oder ob sie in die Hände einer Psychopathin bzw. einer bösartigen Sisi-Wiedergängerin gefallen ist.
Ein starkes Buch, doch nichts für allzu empfindsame Naturen oder gar Sisi-Nostalgiker, denn dieser Alptraum hat kein Ende – so leid es mir tut, unberufen!


Stierhunger
Roman von Linda Stift
Deuticke im Zsolnay Verlag, Wien 2007. 172 Seiten, geb., € 18,40
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