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Blut, Boden & Geld. Eine kroatische Familiengeschi

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Schlecht sitzende Uniformen

Der schwedische Journalist Richard Swartz untersucht seine Familienbande zu Kroatien und versucht so eine ethnografische, literarische und persönliche Annäherung an den Balkan.

| Von Oliver vom Hove

Überall, selbst in den entlegensten Dörfern, hat die Weltgeschichte in ihrer Schreckensform des Krieges unübersehbare Spuren hinterlassen. Auch in dem Nest in Istrien, wohin es den schwedischen Publizisten Richard Swartz durch Heirat verschlagen hat, stehen am Friedhof die Mahnmale des Zweiten Weltkriegs. Sein Schwiegervater hatte seine Erinnerungen an die kurze Heldenzeit als Titos Partisan unten am Meer, in Rijeka, gepflegt. Sogar zum Oberst hatte er es gebracht; keiner, nicht einmal er selbst, wusste wie.
Doch geredet hat der stramme Mann nicht viel über diese Zeit. Seine Gefolgschaft für Tito hatte sich in der Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei erschöpft. Er sorgte für seine Familie und starb früh. Seine Witwe, die ihn bis in die Zeit der Neugründung Kroatiens überlebte, hielt nicht viel von der Zerstückelung Jugoslawiens und der vielen neuen Grenzziehungen. „Die neue Ordnung schien ihr armseliger. Es gab sogar deutlich weniger Offiziere als früher, und sie waren kleiner, ihre Uniformen knitterten und saßen schlecht.“
Seit 25 Jahren kehrt der Journalist und langjährige Wiener Korrespondent des „Svenska Dagbladet“ Richard Swartz immer wieder in dem kleinen, istrischen Dorf Sovinjak ein, wo er, zusammen mit seiner Frau, der kroatischen Schriftstellerin Slavenka Drakuli´c, einen Zweitwohnsitz unterhält.
Familienbande haben einen „Beigeschmack von Wahrheit“, wusste schon Karl Kraus. Also erzählt Swartz in „Blut, Boden & Geld“ seine ganz persönliche „kroatische Familiengeschichte“ und fängt dabei viel von den Eigentümlichkeiten der Menschen und ihrer Landesgeschichte ein.
Den Staat, auch den neuen kroatischen, betrachtet man in den Dörfern Istriens mit Misstrauen. Zuviel Wechsel hat man schon erlebt: „Lange bevor die Kroaten ihren eigenen Staat erhielten, gehörte Sovinjak geraume Zeit zu Venedig (das es als Staat nicht mehr gibt), dann jahrhundertelang zum habsburgischen Österreich (das es als Staat nicht mehr gibt), danach zu Mussolinis Italien (das es als Staat nicht mehr gibt) und schließlich fast ein halbes Jahrhundert lang zu Titos Jugoslawien (das es als Staat nicht mehr gibt). Sic transit gloria mundi.“

Erinnerungen an Krieg und Grausamkeiten

In den Erinnerungen des Reporters, die bis zum jugoslawischen Bürgerkrieg zurückreichen, tauchen die grausamsten Absurditäten wieder auf, und noch immer sind die verlassenen und geplünderten Dörfer im Land 
drastische Zeugnisse der nationalistischen Hassorgien und rassistischen „Säuberungen“.
„Täglich fand sich zum Frühstück der Krieg am Küchentisch ein“, schreibt Swartz im Rückblick. „Es reichte, die Zeitungen aufzuschlagen, um sofort schlechte Laune zu bekommen. Was wir da lasen, wirkte wie ein nationalistischer Aufguss des Kommunismus, allerdings aus dessen allerfrühesten, heroischen und blutigen Phase, die selbst erlebt zu haben wir zu jung waren. Trotzdem kannten wir alles auswendig: den Personenkult, den schrillen Ton, die folgenschweren Insinuationen und Denunziationen, die langatmige Auslegung mit erhobenem Zeigefinger, das Fragmentarische und Unausgesprochene, die ständigen Warnungen und Drohungen. In den letzten Jahren Jugoslawiens war das meiste davon langsam, aber, wie es schien, sicher verschwunden. Jetzt war es wieder da.“
Und es ist, wie der Zeitzeuge weiß, nicht zuletzt in der Konfrontation der gegensätzlichen Geschichtsbilder noch immer anwesend. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern am Balkan haben sich auch durch die Aussichten einer EU-Mitgliedschaft nicht verringert. Kroatien als EU-Land spielt hier nicht selten den Zuchtmeister an der Waage.
In den Dörfern Istriens kümmert das die Einwohner wenig. Was die Besucher der Halbinsel verblüfft, erwähnt auch Swartz: Fast jeder hier kann Italienisch. Dieser Sprachenwechsel bringt ein gewisses Maß an Distanz zur aufdringlichen Gegenwart mit sich. Im Übrigen herrscht die Natur vor, 
diese „unerbittliche istrische Natur aus Dürre, Kalkstein und Disteln, die nicht einmal vor den Schlafzimmern des Dorfes haltmacht.“ Swartz schreibt: „Die Natur verdirbt den Menschen im Dorf die Laune. Jedes Gespräch über das, was in der Natur vorgeht, und sei es über Wind und Wetter, beginnt mit einem tiefen Seufzer, einer archaischen Klage, die mit dem menschlichen Schicksal zu tun hat, den Unterschied zwischen Mensch und Kreatur jedoch aufzuheben scheint.“
Richard Swartz hat den erfahrenen Reporterblick für die Merkwürdigkeit der Menschen und Situationen, die er schildert. Seine gelassene Distanz fügt die bekömmliche Würze hinzu. Allerdings führt der Autor den Leser gegen Schluss des Buches an eine Grenze des Zumutbaren: Da prangert er wortreich die Geldverschwendung seiner Schwiegermutter an, die gänzlich auf seine Kosten ging. Doch die Absicht, anhand einer sehr persönlichen Abrechnung die kroatische Eigenart der Geldverachtung darzustellen, verfängt nicht: Zu klar schimmert das private Rachemotiv der Offizierswitwe gegenüber einem vermögenden Schwiegersohn durch, der stets auf der sicheren Währungsseite gelebt hat. Indes, solch ein Zerwürfnis bildet auch ein passendes Fazit: Der Balkan bleibt unerklärlich.

Blut, Boden & Geld.
Eine kroatische Familiengeschichte
Von Richard Swartz
S. Fischer 2016
224 S., geb.,
€ 20,60
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  22:42:25 06.15.2005