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Bora. Eine Geschichte vom Wind - 37/2016

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Von der Bora, der Liebe und dem Meer

Ein Fotograf, der nicht mehr fotografieren will und eine Schriftstellerin, der das Schreiben nicht gelingt, sind die Protagonisten in Ruth Cerhas jüngstem Roman. Ihre Geschichten sind mit der Geschichte der kroatischen Insel verknüpft, auf der sie aufeinandertreffen.


| Von Maria Renhardt

Die Bora bestimmt das Leben auf einer kroatischen Insel im Losinjer Archipel, die so klein ist, dass man sie sogar umwandern kann. „Mondsichelförmige Buchten“, vom Himmel fallende Stille, unberechenbare Böen, keine Autos, „meterhohes, bambusartiges Schilf“ und unsägliche Hitze, wenn es windstill ist, mediterranes, einfaches Leben am Meer.
Die österreichische Autorin Ruth Cerha macht diese winzige Insel zum Schauplatz ihres neuen Romans „Bora“. Eine kleine Geschichte vom Wind, ihres dritten nach „Zehntelbrüder“ und „Kopf aus den Wolken“. Vor 10 Jahren habe sie sich in diese Insel verliebt, auf der es neben der Vegeta-tion nur ein paar Steinhäuser gebe, wo „die Zeit ihre Strenge“ verliere „und die Augen unbegrenzt schauen dürfen“. Auf dem Cover mit „Retrocharme“, das „von den Adria-Plakaten der Fünfziger-Jahre inspiriert“ ist, wie sie in ihrem Blog verrät, finden sich die kühlen und pastelligen Farben des Sommers wieder, über den sie hier aus zwei verschiedenen Ich-Perspektiven schreibt. Die Koordinaten des Romanplots sind rasch abgesteckt. Eine Schriftstellerin und ein Fotograf kommen auf die Insel. Sie macht wieder hier Urlaub, er besucht Verwandte und die Heimat seiner Eltern. Beide lähmen gerade Schaffenskrisen. Als sie einander begegnen, sind plötzlich fragile Gefühle im Spiel.

Historisch und doch fiktiv

Mit der Geschichte der beiden verknüpft Cerha das Schicksal der Auswanderer, die einst vor dem Kommunismus in das amerikanische New Jersey geflohen sind, um sich in Hoboken ein neues Leben aufzubauen. Bruchstücke, Quellen und individuelle Erinnerungen von Zeitzeugen werden Teil eines Plots im Plot, quasi auf einer Metaebene, um, verschmolzen mit der eigenen Geschichte, Teil einer neuen zu werden. Cerha recherchiert die historische Dimension indirekt, gleichsam auf einer fiktiven Folie, weil die Protagonistin Mara Stoff für ihr neues Buch braucht. So betreibt Cerha gewissermaßen auch Inselgeschichtsschreibung, und zwar für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Für den „Massenexodus“ und die zahllosen „verlassenen Häuser in unterschiedlichen Stadien des Verfalls“ sieht Mara aber nicht nur Religionsfeindlichkeit und Titos Aushöhlung des Wirtschaftswunders verantwortlich, sondern auch „Pioniergeist“ und „Weltoffenheit“ der Inselbewohner: „Das offene Meer, von fast jedem Punkt der Insel aus sichtbar, hatte sie in die Ferne gezogen, sie verbunden mit fremden Küsten und Kontinenten, der Wind hatte sie fortgetragen und wieder zurück, der Wind, der immer schon ihr Leben gelenkt hatte …“
Die Geschichte der Menschen hier auf dem Losinjer Archipel, aber auch die Geschichte der Protagonistin, erzählt Cerha entlang der Aktivitäten der Bora, die aufkommt und weiterzieht, nicht ohne eine „erschöpfte“ und vom Wind „ausgetrocknete“ Insel zurückzulassen: „In allen Ecken und Winkeln des Dorfes lag feiner gelblicher Sand, und die Weinstöcke oben auf dem Inselplateau waren völlig zerzaust ... Während der Bora war jeder ein bisschen angreifbarer und gereizter als sonst.“ Sie ist die geheime Matrix dieses Textes, das elementare Uhrwerk des Insellebens, das Anschwellen und Abebben eines Windes, gleich den Wellenbewegungen des Meeres oder den emo-tionalen Schwankungen der Menschen.

Eine Affäre, mit der Insel verzahnt

Mara hat sich gerade von ihrem Freund getrennt und sucht nun auf der Insel Ruhe, Inspiration und Zeit für Reflexion. Als sie auf Andrej trifft, ist nichts mehr wie früher. Es beginnt eine Affäre, die untrennbar mit diesem Sommer, der Insel, der Bora und dem Leben fernab des Alltags verzahnt ist. Beide merken, dass sie sich emotional zu verstricken beginnen.
Cerha fällt es zunächst schwer, die richtige Metaphorik für die Sprache der Gefühle zu finden. Immer wieder irritieren schräge Vergleiche oder Bilder, etwa die „geschwätzige Nase“, „plappernde Augen“, eine „im Körper gelierende Sehnsucht“ oder „Felsplatten, die ... mit Sonnenhungrigen belegt“ sind „wie eine Pizza“. Irgendwo geraten „Gedanken ins Schleudern wie ein Fahrzeug auf regennasser Fahrbahn“. Je weiter man aber in die Geschichte eindringt, desto klarer entfaltet sich eine feine Sehnsuchtsspur, die einen aus der Zeit fallen lässt, in einem beschwingten Crossover aus Diskussionen über Film, Kunst und Literatur, über Schaffenskrisen, Historisches und die Liebe. Auf jeden Fall ist dieser Windroman ein Buch für den Sommer; leicht, locker und schnell zu lesen, und er macht Lust auf die Insel. Die Kardinalpunkte kennt man jetzt ja schon: den Geruch von Sternen, das Licht, „den kleinen Hafen, die Stille, die absolute Stille, in der die Bora ihr Lied sang“.


Bora. Eine Geschichte vom Wind
Roman von Ruth Cerha
Frankfurter Verlagsanstalt 2015
256 S., geb.,
€ 20,50.
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