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24 Wochen - 38/2016

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Die Not einer unmöglichen Entscheidung

Der Film „24 Wochen“ beleuchtet das Tabu-Thema Spätabbruch. Tatsächlich kann Pränataldiagnostik Frauen bzw. Paare in unerträgliche DilemmaSituationen führen. Was hilft ihnen?


| Von Doris Helmberger

„Ich werde der Bühne treu bleiben – trotz Milcheinschuss.“ Als die Kabarettistin Astrid Lorenz (dargestellt von Julia Jentsch) ihren Fans dieses Versprechen gibt, ist ihre Welt noch in Ordnung. Mit loser Zunge und Babybauch unter dem Glitzermini steht sie im Rampenlicht – unterstützt von Markus (Bjarne Mädel), ihrem Manager, Partner und Vater ihrer neunjährigen Tochter Nele. Doch von einem Tag auf den anderen legt sich ein dunkler Schatten über ihre gute Hoffnung: Bei einer pränatalen Untersuchung wird ein Down-Syndrom festgestellt. „Es wäre auch ein Spätabbruch möglich“, sagt der Arzt – doch Astrid und Markus ringen um ihre Entscheidung: Sie besprechen, wie ein Leben mit „Downie“ aussehen könnte, sie besuchen eine Selbsthilfegruppe und sie sagen schließlich – anders als fast alle Paare nach einer solchen Diagnose – ja zu ihrem Kind. Moritz soll er heißen.
Eine weitere Untersuchung bringt die Entscheidung freilich wieder ins Wanken: Im Rahmen des Organscreenings stellen die Ärzte einen schweren Herzfehler fest. Astrid wird immer unsicherer, Markus, der religiös sozialisiert wurde, will das Kind weiterhin bekommen. Am Ende, in der 24. Woche, wird sich Astrid für einen Abbruch entscheiden – gegen den Willen von Markus, der das Gefühl hat, „wir würden uns schuldig machen“: Sie wird allein ihre Koffer packen, sie wird sich mit den Worten „Dein Bruder würde kein schönes Leben haben“ von Nele verabschieden und sich in der Klinik einer Hebamme anvertrauen. „Wie würden Sie entscheiden?“, wird sie sie fragen – und die Antwort wird lauten: „Das kann einem kein anderer abnehmen.“ Später wird Markus doch noch kommen, um „bis zum Schluss“ dabei zu sein: wenn der Arzt dem ungeborenen Kind Kaliumchlorid ins Herz spritzt, wenn Astrid das tote Baby gebären muss – und wenn man ihr das Bündel Mensch auf den Bauch legt, um Abschied zu nehmen.

„Unerträgliches“ Leiden: für wen?


„24 Wochen“ nennt sich Anne Zohra Berracheds erschütternder Film, der diese Woche in die österreichischen Kinos kommt. Mit großer Behutsamkeit, genauem Blick und grandiosen Darstellern nimmt die deutsche Regisseurin das Tabuthema Spätabbruch in den Blick. Am Beispiel eines konkreten Paares erzählt sie, vor welch unerträgliche Fragen die moderne Pränataldiagnostik Betroffene stellen kann: Soll mein krankes oder behindertes Kind leben? Soll es schon vor seiner Geburt sterben, weil sein Leiden (für es selbst? für mich?) unerträglich wäre? Und vor allem: Wie kann ich das entscheiden?
Tatsächlich entscheiden sich viele Paare nach einer auffälligen Diagnose zur Abtreibung: In Deutschland kam es laut nationaler Abbruchstatistik 2015 zu 2795 Spätabbrüchen jenseits der zwölften Schwangerschaftswoche (siehe Kasten); in 634 Fällen fand der Eingriff nach der 22. Woche statt, die als Grenze zur Lebens-fähigkeit gilt. 547 Mal wurde dabei ein „Fetozid“ vorgenommen, um zu verhindern, dass das Kind lebend zur Welt kommt und die Ärzte zur Erste-Hilfe-Leistung verpflichtet wären. Nicht zuletzt der Fall des kleinen Tim aus Oldenburg, der 1997 in der 25. Woche seine eigene Abtreibung überlebte und stundenlang unversorgt blieb, hat dazu geführt, dass man oft „sicherheitshalber“ einen Fetozid vornimmt.
In Österreich gibt es mangels Statistiken nur Spekulationen über die Zahl der Abbrüche jenseits der zwölften Schwangerschaftswoche. Eine Ausnahme bildet die Universitätsfrauenklinik am Wiener AKH: Laut Vorstand Peter Husslein kommt es hier zu etwa 60 Spätabbrüchen pro Jahr. Die meisten würden in der 15. oder 16. Woche vorgenommen und Kinder mit Down-Syndrom betreffen, rund 20 Mal käme es (bei fortgeschrittener Schwangerschaft zum Fetozid.
Anita Weichberger ist eine jener zwei klinischen Psychologinnen am AKH, die Frauen bzw. Paare vor, bei und nach solch traumatischen Eingriffen begleiten. Den Film „24 Wochen“ findet sie gut und wichtig – nur jene Szene, bei der im Zuge der psychologischen Beratung der Paarkonflikt eskaliert, habe ihr gar nicht gefallen. „Ist es deine Entscheidung oder unsere?“, fragt Markus hier seine Partnerin. „Es ist meine“, lautet Astrids Antwort. „Die Psychologin hat hier überhaupt nicht interveniert und wurde auch viel zu spät herangezogen“, kritisiert Weichberger. Sie selbst bemühe sich in ihren Beratungen, zu einer Entscheidung zu kommen, mit der beide Partner leben könnten – und ihnen Rituale des Abschiednehmens nahezubringen. Außerdem würden sie und ihre Kollegin Karin Tordy oft schon bei der Diagnose-Mitteilung hinzugezogen und eine weitere Betreuung vereinbaren. Andernorts werden die Frauen bzw. Paare in dieser existenziellen Krisensituation freilich oft allein gelassen. „Dabei wollen viele die Schwangerschaft nach einer problematischen Diagnose im Schock gleich stoppen.“ Was Paare in einer so belastenden DilemmaSituation bräuchten? „Zeit für eine stimmige Entscheidung, keinen Druck von außen, Informationen von vielen Seiten – also auch von Kinderärzten oder Selbsthilfegruppen – und vor allem eine haltgebende Umgebung“, meint die Psychologin. Fällt die Entscheidung zum Abbruch, seien auch Rituale des Abschiednehmens zentral. Was Betroffene hingegen gar nicht bräuchten, seien Tabuisierung, Verharmlosung, wohlgemeinte Ratschläge – und Schuldvorwürfe.
Dennoch ist das Thema „Schuld“ für viele Frauen nach einem (Spät-)Abbruch zentral, schreibt Heike Wolter in ihrem empfehlenswerten Buch „Mein unsichtbares Kind“ (siehe Tipp). Auch die Wiener Hebamme und Trauerbegleiterin Renate Mitterhuber kennt die Nöte. „Viele Frauen stehen rational zu ihrer Entscheidung und sagen, sie würden es wieder so machen. Doch emotional geht es vielen nicht gut damit.“ Die Schuldfrage würde die Frauen oft ein Leben lang begleiten, so Mitterhubers Erfahrung. Um mit ihr leben zu können, brauche es therapeutische Unterstützung sowie Trauerarbeit. Ein Fetozid würde Schuldgefühle jedenfalls noch verstärken. Viele Frauen empfänden es als „stimmiger“, wenn sie – gut begleitet – ihr sterbendes Kind in den Armen halten könnten, als es töten zu lassen. Für Ärzte ein rechtlicher Graubereich, doch das Angebot der „Comfort Care“, der palliativmedizinischen Versorgung sterbenskranker Kinder, kann ein guter Weg sein.

„Warum ausgerechnet er?“

Angela und Willi Prokop konnten zum Glück einen anderen Weg beschreiten. Es war im März 2015, als sich bei ihrem bereits siebenten Kind, einem Wunschkind, in der 22. Woche ein Hinweis auf einen schweren Herzfehler zeigte. Die 42-Jährige blieb optimistisch, doch eine Woche später bestätigte sich in Graz der Verdacht. Drei Operationen wären nötig, um das Loch in der Mitte zu schließen und die vertauschten Arterien zu „switchen“, erklärten die Ärzte. Das Paar war schockiert, doch ein Abbruch stand auf Grund ihres Glaubens nie zur Debatte: „Wir sagen ja zu Leben – egal mit welchen Konsequenzen“, sagt Angela Prokop. Dennoch verbarrikadierte sich die Kunsthandwerkerin nach der Diagnose zwei Monate lang hinter ihrer Nähmaschine. „Warum er?“, fragte sie sich. Am 9. August 2015 kam Vincent schließlich in Linz zur Welt, vier Tage später wurde ihm im Kinderherzzentrum der Brustkorb geöffnet, das Herz neun Stunden lang operiert und danach sein Körper abgekühlt. Acht Wochen blieben sie, unterstützt vom Verein „Herzkinder“, in Linz.
Heute gilt der 13 Monate alte Bub als „herzgesund“. Bis auf seine lange Narbe unterscheidet ihn nichts von seinen sechs Geschwis-tern. Dass sich Astrid Lorenz zuerst für ein Kind mit Down-Syndrom, aber dann gegen eines mit (operablem) Herzfehler entscheidet, ist für Angela Prokop schwer nachzuvollziehen. „Das Kind hätte später mit seiner Trisomie 21 ganz gesund sein können, aber sie hat den schlimmsten Ausgang – den Tod – gleich vorweggenommen.“
Wie es Astrid später geht, bleibt in „24 Wochen“ tatsächlich offen. Kann sie zu ihrer Entscheidung stehen? Hält ihre Beziehung das aus? Anne Zohra Berrached zeigt am Ende jedenfalls eine selbstbewusste Frau, die sich sogar outet. „Ich habe im siebten Monat mein Kind abgetrieben“, sagt sie ins Mikrofon eines Radiosenders. „Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war. Wahrscheinlich beides.“


24 Wochen
D 2016. Regie: Anne Zohra Berrached.
Mit Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf.
Filmladen. 103 Min.
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