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Egon Schiele – Tod und Mädchen - 40/2016

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Eines jungen Lebens Endzeit

„Egon Schiele – Tod und Mädchen“: Dieter Berner wagt sich an den Jahrhundertkünstler – ein stiller und adäquat düsterer Film.

| Von Otto Friedrich

Er gilt als der österreichische Maler des 20. Jahrhunderts, obwohl er gerade 28 Jahre alt wurde und den Ers-ten Weltkrieg nicht überlebt hat: Die Epidemie der Spanischen Grippe, welche die von Nahrungsmittelknappheit geschwächte Bevölkerung Wiens anno 1918 heimsuchte, war eine tödliche Kriegsfolge. Sie raffte ob des Fehlens fiebersenkender Medikamente auch die Daheimgebliebenen dahin, die nicht im Massensterben auf den Schlachtfeldern des ersten industriellen Krieges der Geschichte ihr Leben ließen.
Es ist diese Endzeit eines jungen Lebens, die Regisseur Dieter Berner an den Anfang des Films „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ setzt: Schiele und seine Ehefrau Edith siechen, von der Krankheit niedergeworfen, dahin; Edith stirbt, und Gerti, Schieles Schwester und vormalige Muse, sucht verzweifelt auf dem Schwarzmarkt nach der rettenden Dosis Chinin für den Bruder. Doch diese ist nicht mit Gold oder normalen Wertsachen zu bekommen, sie müsste schon das Brillantkollier von Ediths Mutter beibringen, um die lebensnötigen Kristalle zu bekommen …

Aus „Mann“ wird „Tod“

Grundlage für den neuen Schiele-Film ist der Roman „Tod und Mädchen“ von Hilde Berger, die auch das Drehbuch mitverfasst hat. Der Buch- und Film-Titel bezieht sich auf das heute im Belvedere hängende Ölgemälde, auf dem eine Frau und ein Mann in einer Art Mönchskutte daliegen. Schiele hat, erzählt auch der Film, das Bild, das ursprünglich „Mann und Mädchen“ hieß, 1918 nach dem Scharlachtod seiner einstigen Geliebten Wally Neuzil umbenannt.
Es sind Egon Schieles Beziehungen zu den Frauen, aus denen der Film den Blick auf das Leben des Malers entwickelt: Gerti, die Schwester, die ihm schon als Kind und Pubertierende Modell gestanden ist, dann natürlich und vor allem Wally, die ihm von seinem als Altvorderen verehrten Gustav Klimt zugeführt wurde, und mit der Schiele in Neulengbach lebte. Dann Edith, die er zum Entsetzen Wallys Anfang des Krieges heiratete, und deren Schwester Adele. Natürlich fehlt auch die zentrale Kriminalgeschichte in Schieles Leben nicht, als er wegen Verführung und Entführung einer Minderjährigen, die ihm in Neulengbach Modell stand, in Haft und vor Gericht war. Die Aussage Wallys, mutmaßlich ein Meineid, rettet Schiele vor einer langjährigen Haftstrafe; lediglich wegen der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ fasst er einige Tage Arrest aus.
Dieter Berner, gleichermaßen Routinier wie filmisch genauer Beobachter und Erzähler, legt mit seinem neuen Opus ein Lebensbild voller Zeitkolorit vor, das die Betörungen und Beklemmungen, die das junge Genie und seine Umwelt auszeichnen, zur Geltung bringt. Die Frauenperspektive in „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ ist es auch, aus der sich das große Glück und das mindes-tens ebenso überbordende Unglück speisen, welche die Existenz Schieles ausmachen. Und dass der Diskurs um die Sexua-lität, wie er vom Zeitgenossen und Altvorderen Sigmund Freud angezündet wurde, in seinen unbändig körperlichen Bildern eine künstlerische Entsprechung fand, ist ein wichtiger Aspekt der Bedeutung Schieles.

Exzess und Expression des Menschen

Die Fülle und Kraft, der bis heute berauschende Exzess sowie die überzeitlich gültige Expression des Menschen durch die Brille eines Egon Schiele macht auch -aktuell den Reiz dieser Malerei aus. Dieter Berner unterliegt aber nicht der Versuchung, in der Auswahl seiner filmischen Mittel den Auswüchsen, die das Leben dieses Künstlers begleiten, zu entsprechen.
Das heißt, der Regisseur versucht sich nicht im Bilderrausch, sondern bringt seine Sicht auf Schiele durch die sorgfältige Auswahl der Darsteller(innen) grandios zur Geltung. Über ein Jahr habe er mit dem Hauptdarsteller gearbeitet und ebenso lang mit der Schauspielerin der Gerti, meint Berner im Interview: „Wenn Schauspieler denken, sie müssen ein Genie spielen, dann kommt meistens etwas Schales heraus, oder eine Klischeevorstellung.“ Von daher ist der Filmemacher auf die Suche nach einem Schauspieler gegangen, der tatsächlich jung (und nicht gespielt jung) ist und dennoch die komplexen Gebrochenheiten und Ausschweifungen der Figur darzustellen imstande ist.
Gefunden hat Berner seinen Schiele in dem heute 25-jährigen gebürtigen Burgenländer Noah Saavedra, der zweifellos die Entdeckung des Films darstellt. Es gelingt diesem Darsteller, jugendliche und künstlerische Ungebärde in seiner Leinwandpräsenz so zu dosieren, dass viel in der Andeutung bleiben kann und der Fantasie des Zuschauers Raum bleibt. In diesem Sinn ist Dieter Berner ein stiller – und dem Thema adäquat düsterer – Film gelungen, der auch vom österreichischen Charme und dessen Idiom lebt. Das ist aber keine historisierende oder gar folkloristische Attitüde geworden, dem Regisseur sei Dank.

Neuinterpretation nach 35 Jahren

Analoges liefern die Darstellerinnen ab, allen voran Maresi Riegner, die Gerti im Film. Auch bei ihr hat sich die intensive Probenarbeit bezahlt gemacht. Valerie Pachner kann als Wally ebenfalls überzeugen, und Marie Jung bekommt die – nicht nur auf Wally eifersüchtige – Edith Schiele gleichermaßen authentisch hin. Schließlich gibt auch Ex-Jeder--
mann Cornelius Obonya in seiner Nebenrolle Schielementor Gustav Klimt die nötige Kraft.
Bedenkt man, dass der letzte Kinofilm über Schiele schon ins Jahr 1981 datiert, so war es Zeit für eine cineastische Neuinterpretation des Stoffes. Und auch wenn jener Streifen „Egon Schiele – Exzesse“ mit Ma-thieu Carrière als Protagonisten und Jane Birkin als Wally aufwarten konnte, so kann sich die Compagnie rund um Noah Saavedra damit ganz sicher messen.


Egon Schiele – Tod und Mädchen
A/LUX 2016. Regie: Dieter Berner.
Mit Noah Saavedra, Maresi Riegler, Valerie Prachner,
Marie Jung, Cornelius Obonya.
Thimfilm. 110 Min.
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