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Goldene Gene - 40/2016

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Visionen aus den Archiven des Lebens

In Genspeichern lagert das Erbgut von Millionen von Pflanzen, Tieren und Menschen. Ihre Dimensionen wachsen von Jahr zu Jahr. Der grandiose Wissenschaftsfilm „Goldene Gene“ beleuchtet weltweit Biobanken – und deren utopische Anmutung.

| Von Martin Tauss

Spitzbergen, eine Insel im hohen Norden: Der Wind pfeift über eine unwirtliche Landschaft. Schnee und Eis, wohin man blickt. Keine Pflanzen, nicht einmal ein Hauch von Grün, das zu entdecken wäre. Doch der Schein trügt: Hier, auf halber Strecke zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol, befindet sich die weltweit größte Vielfalt an Kulturpflanzen. Und zwar in Form einer Samenbank, der „Svalbard Global Seed Vault“, die tief im Inneren eines Berges versteckt ist. Hier lagern Duplikate von Saatgutmustern aus den Samenbanken in aller Welt; hier ist die Idee eines landwirtschaftlichen „Backups“ verwirklicht. Selbst wenn es zu Naturkatastrophen oder Kriegen kommen sollte – dieser Speicher ist „ausfallsicher“ angelegt, ein Tresor der Biodiversität. Permafrost und dicke Gesteinsschichten stellen sicher, dass das Saatgut ohne zusätzliche Kühlung eingefroren bleibt.
Damit beginnt der Dokumentarfilm „Goldene Gene“, der mit den Biobanken eines der gigantomanischen Forschungsprojekte unserer Zeit beleuchtet: Auf engem Raum werden Gene von Millionen von Pflanzen, Tieren und Menschen eingelagert, kompiliert zu einem immer größeren Archiv des Lebens. Sechs Jahre lang waren die Regisseure Ursula Hansbauer, Wolfgang Konrad und Clemens Stachel dem Thema auf der Spur. Die Dimensionen der DNA-Speicher sind während ihrer Recherchen von Jahr zu Jahr gewachsen. Mit den vielen Experten-Statements, die sie rund um den Globus eingeholt haben, ist eine Art von wissenschaftlichem „Road-Movie“ entstanden, das sich irgendwo zwischen Naturfilm und politischer Doku, zwischen Utopie-Vermessung und ästhetischer Meditation bewegt.

Russische Pioniere

Die nächste Station befindet sich in St. Petersburg, Russland. Hier liegt ein his-torischer Ursprung der modernen Genspeicher, das Vavilov-Institut für Pflanzenforschung. Es ist benannt nach einem unbeugsamen Pionier der Biobanken: Der Botaniker Nikolai Vavilov machte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgedehnte Reisen und sammelte dabei Pflanzensamen ein. In den 1920er-Jahren dachte man, dass alle Getreidesorten irgendwann ihr Potenzial aufgebraucht haben. Doch Vavilov dachte weiter. „Er war der Erste, der gesagt hat: Wir sollten diese alten Pflanzensorten unbedingt aufbewahren. Denn eines Tages werden wir aus ihrer genetischen Diversität neue Sorten züchten können“, erzählt Nikolai Dzyubenko, der heutige Direktor des Instituts. So entstand die erste systematische Sammlung von Pflanzensamen. Im Laufe der Geschichte hat diese Einrichtung schon viel überstanden: Während der deutschen Belagerung, im grimmig kalten Winter 1941/42 wurden die Bestände von Institutsmitarbeitern bewacht, um die Sammlung vor Hungernden zu schützen. Einige Mitarbeiter starben an Auszehrung, denn sie hatten sich auch selbst den Zugriff auf die Lebensmittel versagt.

Hochtrabende Hoffnungen

Ihren Nutzen für die Menschheit hat die Sammlung seither mehrfach unter Beweis gestellt hat: 1987 zum Beispiel, als große Teile der Sojafelder in den USA von Fadenwürmern heimgesucht wurden, und die russischen Forscher – ungeachtet des Kalten Krieges – eine schädlingsresistente Probe über den Atlantik schickten.
Weiter geht es zu „Frozen Ark“, einem Konsortium an der Universität Nottingham, das die DNA-Sammlung bedrohter Tierarten organisiert; zum Fraunhofer-Institut für Biomedizin-Technik in Deutschland, wo eine Zellbank für Wildtiere untergebracht ist; oder zur Biobank Graz, die mit über fünf Millionen Zellproben die größte medizinische Sammlung in Europa ist. Je mehr Stationen im Film auftauchen, je mehr Forscher zu Wort kommen, desto klarer wird, dass in den Biobanken nicht nur genetisches Material, sondern auch hochtrabende Hoffnungen gelagert sind. Für die Regisseure sind es „moderne Zeitkapseln“, in denen „alte Träume Richtung Zukunft reisen“: die restlose Entschlüsselung der Natur, die Rettung vom Artensterben, das Ende des Hungers auf der Welt, ein Leben ohne Krankheiten. Von diesen Träumen ist es nicht mehr weit zu modernen Phantasien der Wissenschaft: der genetischen Verbesserung des Menschen, der Züchtung von Designer-Babys, dem Zurückholen ausgestorbener Arten, vielleicht sogar der Überwindung des Todes.
Im aufstrebenden China wird derzeit lebhaft geträumt. Dort wurde eben die weltgrößte Biobank in Form einer terrassenförmigen Anlage, die an Reisfelder erinnert, fertiggestellt. „Als wir diesen Bau im chinesischen Shenzhen filmen konnten, verschoben sich vor unseren Augen die Dimensionen der Thematik ein weiteres Mal“, berichten die Filmemacher. „Man konnte es direkt spüren: Hier wird Zukunft gebaut.“

Chinesische Ambitionen

Durch Sequenzierung menschlicher, tierischer und pflanzlicher DNA werden dort jedes Jahr gigantische Datenmengen produziert. Die Vision: Das chinesische Zent-rum soll die treibende Kraft einer Art von globalem „Bio-Google“ werden, um die biologische Information der Welt universell zugänglich und nützlich zu machen. „Unsere Hauptaufgabe liegt darin, ein sicheres Lager für die gesamte Biodiversität zu errichten“, sagt Xin Zhou, Direktor der China National Genebank. Das ist ein ehrgeiziges Projekt, wenn man bedenkt, dass noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs erforscht ist, wie der Evolutionsbiologe Ruaraidh Hamilton im Film-Interview bemerkt: „Wir kennen erst ein Prozent aller Organismen auf der Erde.“
Auch an der UK Biobank im englischen Stockport wird geträumt: Dort läuft die weltweit größte Langzeitstudie zur genetischen Untersuchung der Bevölkerung. Gendaten von 500.000 Teilnehmern werden mit klinischen Werten und Lebensstilmerkmalen verknüpft. Die Erkenntnisse sollen die Gesundheitsvorsorge auf neue Beine stellen. Ein „goldenes Zeitalter der öffentlichen Gesundheit“ sieht Studienleiter Rory Collins heraufdämmern. Hat die Sequenzierung des Erbguts im Humangenom-Projekt noch ein Vermögen gekostet, ist sie heute viel einfacher und günstiger zu haben. Werden bald Millionen von Menschen wissen wollen, was ihre Gene über ihre Gesundheit verraten? „Ein realistisches Szenario ist, dass 
biologische Daten künftig nicht nur von großen Genom-Zentren erfasst werden, sondern von jedem Menschen zu Hause“, so der Grazer Pathologe Kurt Zatloukal. „Man wird seine biologischen Daten auf dem Mobiltelefon ansehen können, sie hochladen und abgleichen mit zentralen Datenbanken.“
Die Stärke des Films liegt gerade darin, nicht den Verlockungen der Fortschritts-euphorie oder -skepsis nachzugeben und das ambivalente Potenzial dieser Entwicklungen spürbar zu machen. Die Auseinandersetzung damit bleibt uns nicht erspart.


Goldene Gene
AT 2016. Dokumentarfilm von Ursula Hansbauer,
Wolfgang Konrad, Clemens Stachel.
film-delights. 90 Min.
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  18:47:07 07.14.2005