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Weshalb die Herren Seesterne tragen - 44/2016

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„Glück klingt besser als Angst“

„Warum die Herren Seesterne tragen“: Anna Weidenholzers leiser neuer Roman beleuchtet 
Unspektakuläres so, dass es als das Entscheidende im Leben der Menschen kenntlich wird.

| Von Evelyne Polt-Heinzl

Anders als im Klappentext behauptet, ist der gerade pensionierte Lehrer Karl Hellmann kein „Glücksforscher“, aber das kann man in Anna Weidenholzers leisem Roman mit dem wie verwunschen klingenden Titel „Warum die Herren Seesterne tragen“ leicht überlesen. Natürlich ist der Ausgangspunkt das Projekt des Königreichs Bhutan, das Bruttonationalglück zu ermitteln, doch eigentlich geht es Karl um das Katastrophen- und Krisengefühl, „dass etwas zu Ende geht, ... und wir wissen nicht, was danach kommen soll, die-se Angst vor der großen Unbekannten, auf die wir zusteuern, als Betroffene und Beo-bachtende zugleich. Und weshalb dann Bhutan? … Glück klingt besser als Angst“.
Und so fährt Karl los, in der Tasche einen Fragebogen. Er hat ihn mit seiner Frau Margit adaptiert und mit ihr gemeinsam die Regeln erarbeitet, wie absolute Anonymität der Befragten und Auswahl nach dem Zufalls-prinzip. Unterwegs ist er alleine, in seinen Gedanken aber ist Margit mit ihrer alltags-praktischen Zielgerichtetheit stets bei ihm. Das klingt nach harmonischer Beziehung, doch Margit scheint ihm noch aus der Ferne mit ihrem übergroßen Vorrat an Sprüchen aller Art ständig „beratend“ über die Schulter zu schauen. Möglicherweise war es nicht nur der Pensionsschock, der Karl zu seinem Aufbruch veranlasst hat.

Interviews und mehr

Wir sehen ihn bei seiner Recherche in einem kleinen Touristenkaff, das schon bessere Tage gesehen hat, und auf der Rückfahrt in verschiedenen Raststätten – kenntlich gemacht durch die Kilometerangaben in den Überschriften. Vor Ort nimmt er in einem heruntergekommenen Gasthof Quartier und driftet fortan mehr durch sein Vorhaben, als er es steuert. Und so ergeht es ihm auch bei den Interviews, die er nach und nach doch führt. Eine seiner Fragen lautet dabei oft: „Was hilft?“ Und das jeweilige Gegen-über versteht sofort, was damit gemeint ist: F3 pflegt ihre Kakteen, M1 ist im „Holzalter“ und hat die „Holzkrankheit“ der „Männer jenseits der sechzig … aber es verhält sich nicht bei jedem so. Manchen genügt eine heiße Badewanne, dann schlafen sie ruhig.“
Diesem M1 kommt Karl – neben der Wirtin und ihrem Hund Annemarie – am nähesten. Vielleicht auch, weil ihn M1 in seine unermüdliche Arbeit an der Vermehrung seiner Holzvorräte verwickelt und nicht in die menschlichen Verwicklungen seiner Umgebung. Von der Feindschaft zwischen M1 und einem Nachbarn erfährt Karl Genaueres erst von F4 – Orte wie dieser sind schließlich häufig Schauplatz von Amokläufen in Familien oder unter Nachbarn, und es „gibt hier einige, von denen man das vermuten mag“. Die Seesterne findet Karl dann in der aufgelassenen Tankstelle, wo ein verlorener Trupp alternder Männer nach eigenwilligen Regeln und mit viel Bier die Tage hinter sich bringt. In den fein gewobenen Verbindungslinien zwischen den Menschen wird Trostlosigkeit ebenso sichtbar wie die verschlungenen Schicksale der überalterten Einwohnerschaft, die sich im Verlauf eines Lebens in kleinen Gemeinwesen vielfach kreuzen und nie geheim bleiben.
Beeindruckend an diesem Roman ist die verhaltene Diktion in der Beschreibung des kleinen Alltags und die Art, wie hier Kommunikationsakte immer irgendwie daneben gelingen. Es ist Anna Weidenholzers ganz eigener Ton, mit dem sie Unspektakuläres so zu beleuchten versteht, dass es als das Entscheidende im Leben der Menschen kenntlich wird. Und wohltuend ist auch die Grundentscheidung, nicht in den Metropolen nach den zeittypischen Verwerfungen zu suchen, sondern in der Provinz, wo die Orte sterben, selbst wenn die Eigenheimsiedlungen wachsen. Das schreibt auch an gegen einen der eigenwilligsten Trends der Zeit: das Dorf-Revival, das mit dem neuen Jahrtausend einsetzte – in der Literatur genauso wie im Fernsehen, wo Formate wie „Bauer sucht Frau“ Reichweitenrekorde erzielen und Landärzte oder Fernsehkommissare in bildlich sorgfältig zurechtgeschnittener Landidylle ihrer Arbeit nachgehen. In der Realität ist „das Land“ längst zersiedelt von den allerorten wie Ufos gelandeten Eigenheimkonglomeraten, die gemeinsam mit den EU-Vorgaben die Reste bäuerlicher Strukturen genauso final ruinieren wie die von den Gemeinden aus Steuereinnahmegründen eifrig umgewidmeten Areale für Gewerbeparks und Einkaufszentren. Für das Lebensgefühl der Menschen bedeutet das selten ein Mehr an Glück.


Weshalb die Herren Seesterne tragen
Roman von Anna Weidenholzer

Matthes und Seitz 2016
,
190 S., geb., € 20,60
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