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Austerlitz - 44/2016

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Behauptete Trivialisierung der Schoa

Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa setzt sich in seinen Film „Austerlitz“ mit Tourismus in KZ-Gedenkstätten auseinander.

| Von Otto Friedrich

Man misst Sergei Loznitsas Dokumentarfilm „Aus-ter-litz“ unwillkürlich an zwei filmischen Auseinandersetzungen mit der Schoa – und darf es eigentlich nicht. Denn die Qualität dieser Referenzwerke steht in keinem Verhältnis zur Relevanz von Loznitsas Versuch, der Erinnerung an die Schoa filmisch gerecht zu werden.
Die Referenzwerke sind das Dokumentarfilm-Monument „Shoah“ von Claude Lanzmann aus 1985, in dem der französische Filmemacher mit seiner radikalen Erzählform mittels Zeitzeugen versucht, die Geschehnisse der Judenvernichtung greifbar zu machen. Und als zweites ist der Anfang 2016 Furore machende Spielfilm des jungen ungarischen Regisseurs László Nemes „Saul fia/Son of Saul“ zu nennen, der sich einer – auch durch die Kameraeinstellungen – radikal subjektiven Sicht verschrieben hat. Nemes versucht dabei, die Bilder des Grauens und des Mordens im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau anhand einer fiktiven Erzählung sichtbar zu machen.
„Austerlitz“ geht einen ganz anderen Weg als die beiden genannten Filme, indem er die Rezeption der Erinnerungsorte problematisiert. Loznitsa ist mit seiner Kamera an KZ-Gedenkstätten gegangen. Dabei hat er das – bunte?! – 
Treiben dort in Schwarzweißbilder gebannt und zum Film montiert.

In T-Shirts und Schlapfen …

Die Botschaft ist klar: Man sieht Horden von T-Shirt-gewandeten, kurzbehosten Tourist(inn)en, wie sie wurstsemmelmampfend oder in Schlapfen durch die Gedenkstätten stapfen und auch das eine oder andere Selfie knipsen – beim Eingangstor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ oder beim wirklich pittoresken Krematoriums-Ofen …: 
Die Banalisierung der Erinnerung will Loznitsa aufzeigen – wie aus Orten des absoluten Grauens eine Art Schoa-Disneyland wurde, das von vornehmlich westlichen (Pauschal-)Reisenden auf ihren Europa-touren mit zum Programm gehört.
Es mag löblich sein, auf die Gefahr der Verkitschung von Erinnerung hinzuweisen – und darob einen Film zu drehen. Denn wie das Gedenken ohne Zeitzeugen, die zumeist bereits verstorben sind, lebendig gehalten werden kann, ist eine große aktuelle Frage. Doch ob „Austerlitz“, dessen Titel auf den gleichnamigen Roman von W. G. Sebald über die Suche eines Schoa-Nachfahren nach seinen bio-grafischen Wurzeln hinweist, das leisten kann, darf füglich bezweifelt werden.
Der hierzulande auf der eben zu Ende gegangenen Viennale erstmals gezeigte Film geht über die behauptetete Trivialisierung der Schoa nicht hinaus. Das reicht jedoch nicht, zumal diese These auch formal nicht schlüssig bewiesen wird. Denn Loznitsa hat zwar in mehreren KZ-Gedenkstätten und Vernichtungslagern gefilmt, aber vornehmlich Bilder aus Da-chau und Sachsenhausen zu seinem Film montiert. Doch dort gibt er weder Ortsangaben noch differenziert er beispielsweise zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Den Beweis seiner Anmutung, dass die Gedenkstätten an die Schoa durch die Bank zu Touristenattraktionen wie der Grand Canyon oder griechische Tempel verkommen sind, bleibt dieser Regisseur somit schuldig.
Auf die Frage, wie heute das Gedenken zu gestalten wäre, gibt „Aus-terlitz“ somit nicht wirklich eine Antwort. Die aus heutiger Sicht antiquiert anmutende Zugangsweise eines Claude Lanzmann wurde im Dokumentarfilm bis heute nicht überboten. Und auch dass ein Spielfilm wie der oben zitierte „Saul fia/Son of Saul“ mehr vermag als die statische Montage übers angebliche Schoa-Business, liegt gleichfalls auf der Hand. Vielleicht ist Loznitsas Zugang ja gut gemeint – Gedenkkultur und deren Problematisierung benötigen jedoch ein anderes Niveau.


Austerlitz
D 2016. 
Regie: Sergei Loznitsa.
Imperativ Film. 94 Min.
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