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Sturmhöhe - 24/2016

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Mit Wucht in die Welt geworfen

170 Jahre alt und kein bisschen harmlos: Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ lässt noch immer aufhorchen.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Ein Pfarrhaus der Church of England in Haworth, am steilen Abhang eines Hochmoores in Yorkshire gelegen, Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Frau des Reverends stirbt und hinterlässt fünf Mädchen und einen Buben. Anne, das jüngste Kind, ist gerade ein Jahr alt. Die Schwägerin des Vaters wird von nun an den Haushalt führen und sich um die sechs Kinder kümmern.
Die Brontë-Schwestern besuchen ein Internat für Töchter von Geistlichen, doch die beiden ältesten, Maria und Elizabeth, werden schwerkrank nach Hause geholt, wo sie bald darauf sterben. Die übrig gebliebenen vier Kinder, Charlotte, Branwell, Emily und Anne, diskutieren mit dem Vater parlamentarische Fehden und erschreiben sich eigene Welten. Charlotte entwirft – gemeinsam mit Bruder Branwell – „Angria“, eine Art Sozialutopie mit Bezügen zur zeitgenössischen Politik. Emily und Anne schreiben jahrelang am Reich „Gondal“, einer sagenhaften Fantasiewelt, „dort inszenieren die Figuren ihre geradezu archetypischen Fehden, Treueschwüre, Liebesaffären, Wortbrüche, Massaker und – noch schlimmer – Einkerkerungen“, wie Schriftstellerin Muriel Spark in ihrer Biografie über die „Brontës“ festhält. Emily und Anne werden bis kurz vor ihrem frühen Tod gemeinsam daran schreiben.
1844 planen die Schwestern eine Schule zu gründen, im Pfarrhaus von Haworth, doch das Projekt scheitert mangels Nachfrage. Branwell und Emily werden 1848 sterben, Anne ein paar Monate später, Charlotte heiratet 1854 und wird neun Monate später dahingerafft, wie alle ihre Geschwister vor ihr. Der Vater überlebt seine Frau, seine sechs Kinder und seine Schwägerin.

Schonungslos erzählt

So erschütternd sich die Familiengeschichte der Brontës liest, so erstaunlich ist, was an Literatur in diesem Pfarrhaus enstand, das 1921 als Brontë Museum eröffnet wurde. Mit „Jane Eyre“ gelang Charlotte unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell ein Roman, der längst zu den „Klassikern“ gehört. Emily und Anne veröffentlichen 1847 als Ellis und Acton Bell ihre Romane „Wuthering Heights“ und „Agnes Grey“. Später wird Charlotte gegen das vom Verleger gestreute Gerücht anschreiben müssen, die Romane hätte alle ein Autor, nämlich Currer Bell, geschrieben.
Was für ein Buch die noch nicht 30-jährige Emily, die keinen Zugang zu literarischen Zirkeln ihrer Zeit hatte und kaum von Zuhause wegkam, da im Hochmoor in Yorkshire geschrieben hat, erstaunt. Schon die Grobheit der ersten Sätze von „Wuthering Heights“ (deutsch „Sturmhöhe“) lässt aufhorchen. Das soll der Roman einer Frau des viktorianischen Englands sein? Dieser Roman kommt mit einer Wucht daher, die auch wehtun kann.
Mit Heathcliff hat Emily Brontë einen der bösesten Bösewichte der Literaturgeschichte geschaffen, ohne seine Gewalttaten mit Erklärungen irgendwie abzufedern. Sie hat Frauenleben im 19. Jahrhundert mit einer Schonungslosigkeit erzählt, die sogar das Thema Vergewaltigung in der Ehe aufgreifen lässt. Sie hat ein erzähltechnisch brillantes Werk verfasst, das mit mehreren unzuverlässigen Erzählern arbeitet – immer bekommen wir die Geschichte von jemandem erzählt, die oder der wohl selber ein Interesse daran hat, wie sie erzählt wird. Die Autorin lässt ihre Figuren zudem in lokalen Umgangssprachen sprechen und differenziert dabei auch je nach sozialer Schicht – was das Lesen dieses Romans im Original zur enormen Herausforderung macht.
Ich-Erzähler Mr. Lockwood pachtet das Herrenhaus Thrushcross Grange, das Heathcliff gehört, der in Wuthering Heights wohnt. Aus dem Mund von Ellen Dean, seit Jahrzehnten Dienstmädchen, Kinderfrau, Haushälterin, erfährt er nach und nach die düstere Familiengeschichte. Einst gehörte Wuthering Heights Mr. Earnshaw, der dort mit seinen Kindern Catherine und Hindley lebte. Eines Tages brachte er ein Kind mit, Heathcliff, das er irgendwo in der Stadt aufgelesen hatte. Vom Sohn des Hauses wurde Heathcliff traktiert, mit der Tochter verband ihn aber eine innige Beziehung. Doch Catherine heiratete schließlich Edgar, den Sohn der Lintons, die in Thrushcross Grange lebten. Heathcliff verschwand für einige Zeit – und als er zurückkam, begann es richtig übel zu werden. Heathcliff handelte nicht nur durch und durch böse, er gab seine Vorhaben auch noch offen zu. Er störte die Ehe des sanften Edgar mit Catherine, er korrumpierte Hindley durch Glücksspiel und Alkohol, bis ihm dessen gesamter Besitz gehörte, er heiratete Edgars Schwester Isabella, nur um sie dann derart zu misshandeln, dass sie eines Tages floh. Ja, er verheiratete schließlich aus Rache sogar noch seinen und Isabellas Sohn mit Catherines und Edgars Tochter.

Verstörend grob

Obwohl es hier unheimlich zugeht, ist Brontës Roman kein Vampir-Roman – wenngleich er auf Frankenstein (Mary Shelleys Roman erschien 1818) sogar anspielt. Nein, Heathcliff ist kein Vampir, sondern ein grausamer Mensch. Der Roman ist auch keine banale „er liebt sie, kriegt sie nicht und hasst daher“-Geschichte, auch wenn der zigmal verfilmte Plot das vermuten ließe. „Sturmhöhe“ ist in Stil und Inhalt auffällig und verstörend grob. Geboten wird, um es mit den Worten des Übersetzers Wolfgang Schlüter zu sagen: „Spielsucht & Alkoholismus, Kindesmißhandlung, Tierquälerei, Krankheiten in extenso, unterlassene Hilfeleistung (Linton), Sterbeszenen, Rachephantasien („Vivisektion“), Grabschändung, Freiheitsberaubung, mglw. Mord (an Hindley) – und sexuelle Gewalt ...“. Und: „Emily Brontës Vokabular, vor allem in der ersten Hälfte des Romans, ist ein Stichwortreservoir dieser angstbesetzen, nicht nur von Heathcliff repräsentierten Sphäre männlicher Penetration.“
Dass die zeitgenössischen Leser nicht nur begeistert waren, versteht sich. Den Zündstoff dieses Werkes kann man aus Charlottes Vorwort zur Neuausgabe erahnen, in dem sie versucht, die durch den Text ihrer Schwester aufgeworfenen Wogen mit Erklärungen zu glätten.
Wolfgang Schlüter hat ein hervorragendes Nachwort geschrieben zur Problematik, einen solchen Roman in allen Nuancen zu übersetzen. Die Deftigkeit der Sprache von damals überträgt er gelungen in eine von heute. Die Entscheidung, den Hausbediensteten Joseph wie einen grantelnden Wiener sprechen zu lassen, tut dem Text allerdings nicht gut.
Mit der neuen Übersetzung wird jedenfalls eindrucksvoll darauf aufmerksam gemacht, was für einen gewaltigen Roman Emily Brontë vor 170 Jahren in die Welt geworfen hat.


Sturmhöhe
Roman von Emily Brontë.
Übers. von Wolfgang Schlüter 

Hanser 2016
636 S., geb., € 41,10
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  18:35:05 07.15.2005