ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Berühmt sein ist nichts - 24/2016

Herunterladen
Schreibend begleitete sie fast ein Jahrhundert

Daniela Strigls Biografie über Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) ist ein Epochengemälde, an dem sich das letzte Jahrhundert der Monarchie aus der Perspektive einer Adeligen mit großem sozialkritischen Bewusstsein studieren lässt.

| Von Maria Renhardt

Zum 80. Geburtstag hat sie vom Kaiser Franz Joseph höchstpersönlich den Elisabeth-Orden 1. Klasse verliehen bekommen, sie ist „der Liebling aller“, eine Schriftstellerin ohne Selbstüberschätzung, befreundet mit den literarischen Größen ihrer Zeit, die Wiener Universität ehrt sie mit dem ersten Ehrendoktorat, das einer Frau verliehen wird, „eine Frau mit Profil und Charakter“ und gewissermaßen sogar modern. Am Ende ihres Lebens ist Marie von Ebner-Eschenbach eine gefeierte und anerkannte Dichterin, die es ganz nach oben geschafft hat. Dass ihr Weg steinig war, belegt nicht nur ihre kritische Autobiografie „Meine Kinderjahre“, sondern auch die von der Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl verfasste, minutiös und umfassend recherchierte Biografie „Berühmt sein ist nichts“.
Aus Anlass des 100. Todestages der österreichischen Schriftstellerin hat der Residenz Verlag unter der Mitherausgeberschaft Strigls bereits eine vierbändige Leseausgabe publiziert, die unter anderem auch weniger bekannte Werke einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Nun gibt es eine Biografie, die erste deutschsprachige nach dem 1920 erschienenen Werk Anton Bettelheims, in der es sich Strigl zum Ziel gesetzt hat, endlich einmal eine „andere“ Ebner-Eschenbach zu präsentieren. Zu lange schon habe sich „das Bild der Literaturgeschichte von der Persönlichkeit der Dichterin und vor allem von deren Texten gelöst“, schreibt sie in ihrem Vorwort. Und in der Tat setzt Strigls biografischer Zugang völlig neue Akzente, weil sie Ebner-Eschenbach in ihrer symbiotischen Verbundenheit mit ihrer Zeit und im Spiegel ihres Werkes betrachtet, das einen „Raum von klassischer Modernität“ eröffnet und zugleich „ein realistisches Bild der Gesellschaft“ zeichnet.

Ein Jahrhundert schreibend begleitet

Marie von Ebner-Eschenbach hat fast ein ganzes Jahrhundert miterlebt und schreibend begleitet, innerhalb der biografischen Eckdaten des Kaisers Franz Joseph (1830-1916), ein Jahrhundert, das von gewaltigen Umbrüchen und Umwälzungen geprägt ist, bis es schließlich in die Moderne mündet, deren Literatur und Sound sie trotz Offenheit für technologische Entwicklungen in „ironischer Selbstkritik“ wie ein „ur-uralter Papagei“ gegenüberzustehen glaubt.
Strigl rollt Ebner-Eschenbachs Leben unter eingehender und kritischer Auswertung der Quellen wie beispielsweise ihrer Tagebücher, Werke oder sämtlicher Briefwechsel chronologisch auf und setzt es von Anfang an in Beziehung zu Sujets ihrer Texte, die aufgrund biografischer Wegmarken, historischer Koordinaten oder gesellschaftlicher Veränderungen und Missstände zur Auseinandersetzung drängen und innig mit ihrem Werk verschmolzen sind. So lässt diese Biografie zugleich auch ein Epochengemälde entstehen, an dem sich das letzte Jahrhundert der Monarchie aus der Perspektive einer Adeligen mit großem sozialkritischen Bewusstsein studieren lässt.
Die kleine Marie wird im mährischen Zdislavice als Tochter des Freiherrn Franz Dubsky geboren und wächst nach dem frühen Verlust ihrer Mutter, wie sie später resümiert, eigentlich mit zu wenig Liebe auf. Der strenge Vater heiratet nach dem Tod seiner Frauen mehrmals, damit seine Kinder eine Mutter haben. Schon bald interessiert sich die burschikose Marie, die reitet, mutig ist und Autoritäten oft in Frage stellt, für die Literatur. Sie begleitet ihre Eltern gerne ins Burgtheater, aber als sie selbst zu schreiben beginnt, versagt ihr die Familie jede Unterstützung. Lediglich Moriz Ebner, ihr Cousin und späterer Ehemann, steht ihren literarischen Versuchen wohlwollend gegenüber. Uneingeschränkte Anerkennung zollt er ihr aber auch erst in seinem Testament: „Fördern konnte ich Dich nicht, ich muß mich mit dem Troste begnügen, dich absichtlich nicht behindert zu haben. So verdankst Du nur der eigenen Kraft die hohe Stellung, welche Du errungen hast, und Deinem warmen Herzen den Segen, welchen Du über weite Kreise verbreitest.“

Nicht aus Eigensinn und Eitelkeit

Zunächst veröffentlicht sie unter einem Pseudonym Dramen, sie geraten sofort ins Kreuzfeuer harter Kritik, die ihre Selbstzweifel aufs Neue nährt: „Ich brauchte nur einen schlagenden vollgültigen Beweis zu liefern, daß ich mich nicht aus Eigensinn oder aus Eitelkeit mit der Schriftstellerei beschäftige.“
Erst viel später mit der Prosa stellt sich der Erfolg ein. Ihre Publikationen in der Frankfurter Rundschau ermöglichen ihr eine neue Öffentlichkeit. „Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun“, heißt es in ihren Aphorismen, die auch als Reflex eigener Lebenshaltungen gesehen werden können. In Wien schafft sie den Durchbruch mit dem „Gemeindekind“, stets unterstützt von Ida Fleischl, ihrer Freundin und wichtigen „Instanz“, was die Korrekturen anbelangt. An ihrem 50. Geburtstag äußert sich der Vater das erste Mal mit gewissem Stolz über das Talent seiner Tochter, zum 60. Geburtstag wird sie auch von den Ihren als Dichterin gefeiert.
„Stoffe fliegen zu Hunderten in der Luft herum“, meint sie einmal, und so spiegeln sich im Schreiben der frühe Verlust der Mutter, die Sorgen und Nöte des Volkes, obgleich sie nichts von „revolutionären Massenbewegungen“ hält und doch „so manches Anliegen der Sozialdemokratie“ teilt. Das kritische Thema der „arrangierten Ehen“, des Ehebruchs und die damit verbundenen Moralvorstellungen beleuchten das ambivalente „Sittenbild der Aristokratie“. Den Antisemitismus lehnt sie strikt ab, so wie die Auflösungstendenzen der Monarchie, trotz ihrer Suche „nach neuen Kunstformen“ wurzelt ihr Blick auf die Moderne in harscher Kritik. Ihr literarisches Schaffen jedoch ist vom Mut geprägt, über die Standesgrenzen hinauszuwachsen.
Diese profunde Biografie kennzeichnet ein überaus sachkundiger Umgang mit dem Material, detaillierte Werkkenntnis und eine differenzierte, kritische literarhistorische Spurensuche, die neue lohnende Horizonte auf das Leben der Dichterin eröffnet: „Ebner-Eschenbach zu lesen und zu erleben und zugleich mit der alten Vorstadtstraße auch die Kondensstreifen der Flugzeuge zu sehen und den Fernsehton zu hören, das könnte das Anliegen dieses Buches sein.“


Berühmt sein ist nichts
Marie von Ebner- Eschenbach –
Eine Biographie
Von Daniela Strigl
Residenz 2016
440 S., geb., € 26,90
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  13:24:13 07.20.2005