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Wie das Licht von einem erloschenen Stern - 24/201

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Leben trotz Beeinträchtigung

„Sick Lit“ ist populär. Zwei neue Jugend-Romane stellen nicht das Sterben, sondern das Leben in den Mittelpunkt.

| Von Kathrin Wexberg

In den letzten Jahren wurde das jugendliterarische Phänomen der „Sick Lit“ viel diskutiert: Romane, die von Krankheit und Tod der jugendlichen Hauptfigur, in vielen Fällen gleichzeitig aber auch von einer Liebesgeschichte unter diesen besonderen Umständen erzählen. Die Popularität solcher Romane erhielt nicht zuletzt durch die erfolgreiche Hollywood-Verfilmung von John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ einen weiteren Impuls. Im Serien-Bereich war jüngst „Der Club der roten Bänder“, eine deutsche Produktion rund um den Alltag von Jugendlichen in einem Krankenhaus erfolgreich.
Nun sind zwei Jugendromane erschienen, in denen nicht das Sterben, sondern vielmehr das Leben mit einer schweren Beeinträchtigung im Mittelpunkt steht: Die 17-jährige Vega in „Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ kann nach einem Unfall nicht mehr sprechen, der ebenfalls 17-jährige Tim ist Albino und verliert im Verlauf der Handlung von „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ sein Augenlicht. Der amerikanische Originaltitel „The Tragedy Paper“ macht – anders als das Macbeth-Zitat in der Übersetzung – deutlich, wie sehr hier ein Schuljahr den Handlungsverlauf strukturiert.

Hermetisches Setting

Im Senior-Jahr am Irving-Internat ist das Verfassen dieses „Tragedy Paper“ eine der großen Herausforderungen. Eine Tradition sieht vor, dass der vorherige Zimmerbesitzer seinem Nachfolger einen „Schatz“ hinterlässt. Als Duncan sein Zimmer bezieht, stößt er auf einen Stapel CDs, auf denen ihm Tim, der Albino, den er natürlich vom Sehen kannte, die Ereignisse des letzten Schuljahrs erzählt – die schließlich zu jenen wahrhaft tragischen Verwicklungen führten, die ihn das Augenlicht gekostet haben. „Was du hören wirst – die Worte, die Musik, mein Absturz sowie deine angenommene oder tatsächliche Rolle darin –, wird dir mehr nutzen, als du dir vorstellen kannst. Im Grunde hinterlasse ich dir das beste Geschenk, den besten Schatz, den du dir nur vorstellen kannst. Es enthält alle Zutaten zu deinem Tragödienaufsatz.“
Ausgerechnet das hermetische Setting eines Internats als Schauplatz zu wählen, wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen und erinnert natürlich an berühmte Varianten wie „Dead Poets Society“ oder „Mädchen in Uniform“, während die kurzen Abstecher ins nahe gelegene Dorf an Harry Potter denken lassen. Auch eine gewisse Klischeehaftigkeit in der Figuren- und Handlungsgestaltung mag man dem Text vorwerfen – wie aber die schulische Aufgabenstellung, das Schicksal von Tim und die Geschichte von Duncan erzählerisch verknüpft werden, ist sehr gelungen und spannend zu lesen.
Vega in „Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ hingegen ist, seit sie sechs Monate vor Einsetzen der Handlung bei einem Sommerfest mit dem Kopf auf den Boden eines Schwimmbeckens geknallt ist, völlig aus dem schulischen Alltag hinausgefallen. Auch die Besuche ihres Freundes und ihrer besten Freundin verlaufen unbeholfen, ist doch Kommunikation sehr schwierig. Die langersehnte Klassenfahrt nach Berlin kann sie nur auf Facebook mitverfolgen – dort macht sie die schmerzliche Entdeckung, dass ausgerechnet Freund und beste Freundin eine Beziehung begonnen haben. In einem Workshop lernt sie Theo kennen, der nach einem Tauchunfall ebenfalls an Aphasie leidet – und mit ihm findet sie neue Wege der Verständigung: Denn um einander Lieder zu schicken, muss man nicht sprechen können.

Neuanfang statt Tod

Vega wird in ihren Träumen von der Erinnerung an den Unfall gequält: „Von dem Gefühl, gestoßen zu werden, und dem Schlag, als ich auf dem Wasser auftreffe. Mein Gehirn lässt den kleinen Film wieder und wieder ablaufen, und je mehr ich ihn sehe, desto deutlicher fühle ich alles in meinem Körper.“
Die Überzeugung, dass sie an jenem folgenschweren Abend nicht gestürzt ist, sondern gestoßen wurde, wird zu einer fixen Idee, die von ihrem Umfeld als Verwirrung, als Nebenwirkung des Sturzes abgetan wird. Für Vega aber wird es, mehr noch als das mühsame Wieder-Erlangen ihrer Sprechfähigkeit, zentral herauszufinden, was wirklich passiert ist, die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte wieder zu erlangen – was schließlich zu einer sehr unerwarteten Entdeckung führt.
Das Ende der meisten „Sick-Lit“-Texte ist der Tod der Hauptfigur – in den beiden hier besprochenen Romanen ist es vielmehr ein Neuanfang: Beide Autorinnen lassen am Ende Handlungsfäden offen, eröffnen Möglichkeiten, wie die Geschichten ihrer Figuren weitergehen könnten, ohne sie auszuerzählen.


So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
Roman von Elizabeth LaBan.
Übersetzung von Birgitt Kollmann
Hanser 2016
288 S., geb., € 17,40

Wie das Licht von einem erloschenen Stern
Roman von Nicole Boyle Rodtnes.
Übers. von Gabriele Haefs
Beltz 2016

243 S., geb., € 15,40
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  14:51:23 07.15.2005