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Weltschatten - 47/2016

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Ein paar kleine Puzzleteilchen

Wie ist es um Ethik in Zeiten rasanter Globalisierung und unübersichtlicher Geldflüsse bestellt? Nicht sehr gut, erzählt Nir Baram in seinem Roman „Weltschatten“, und Überblick gibt’s auch keinen.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

In den Jahren 2014 und 2015 bereiste Nir Baram die Westbank und sprach mit Palästinensern und jüdischen Siedlern. Seine Reportagen, auf Deutsch unter dem Titel „Im Land der Verzweiflung“ (Hanser 2016) erschienen, legen Zeugnis ab von der Notwendigkeit, in einer dermaßen verfahrenen Situation den Menschen zuzuhören. Und Zuhören heißt, „ein komplexeres Weltbild zu riskieren, das manchmal voller Widersprüche sein mag. Es ermöglicht aber auch, in weniger starrer Form über die Zukunft zu sprechen, unterschiedliche Ideen unvoreingenommen zu prüfen und vor allem den Bezug zu verstehen zwischen der eigenen politischen Auffassung und der sich auf der Erde formenden Realität.“

Komplexe Struktur

Auch mit seinem jüngsten Roman „Weltschatten“ weicht der 1976 in Jerusalem geborene Schriftsteller und Journalist der Komplexität nicht aus. Wie ist es um Ethik in Zeiten rasanter Globalisierung und unübersichtlicher Geldflüsse bestellt? Nicht sehr gut, erzählt Baram, ohne allerdings den Zeigefinger zu heben. Das überlässt er einzelnen Figuren. Komplex ist Barams Roman und nichts für Ungeduldige, die alles sofort erkennen und begreifen wollen. Aber wer undefinierbares Unbehagen empfindet angesichts mancher Vorgänge in der Gegenwart, der beginnt nun möglicherweise zu ahnen, woraus dieses sich speist.
Da ist Gavriel Manzur, den der junge New Yorker Hedgefonds-Manager Michael Brookman beauftragt, in Israel eine Stiftung zu gründen. Vordergründig um junge Projekte zu fördern, doch eigentlich geht es um politische Entscheidungen, um ökonomische Vorteile. Wo bei einem Kongress „Weltfrieden“ draufsteht, ist dann etwa das Thema „kein Einfuhrzoll für Äpfel“ drin. Das alles könnte Manzur ahnen, wenn er nur wollte, aber er macht zunächst lieber Karriere und Geld, in diesem System, das ihn schließlich zu Fall bringen wird.
Der Autor hat es nicht eilig, die politischen und ökonomischen Verflechtungen aufzudecken, die die drei Handlungsstränge seines Romans zusammenhalten. Da gibt es Kapitel mit einem ominösen Wir, die Stimme junger Leute, die gegen den Neoliberalismus aufbegehren. Ihr gewalttätiger Protest richtet sich gegen Kultureinrichtungen, denn: „Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen ...“ Künstler protestieren, gerade von der Kunst nehme doch die Sozialkritik ihren Ausgang; Politiker versprechen, Kunst durch Polizei zu schützen; Freiwillige patrouillieren – doch was einmal durch soziale Netzwerke losgetreten, artet bald in unkontrollierbare Gewalt aus. Eine Milliarde Menschen soll am 11. 11. weltweit streiken – just an dem Tag also, an dem der Fasching beginnt, doch dieser Fasching wird nicht lustig.
Wieder eine andere Form wählt der Autor, um von der dubiosen US-Firma MSV zu erzählen. Was dort passiert, erfährt man durch Emails und SMS, die die Mitarbeiter einander schreiben. MSV organisiert Wahlkampagnen, im Kongo ebenso wie in Bolivien und in Wien.
Vorgeblich arbeitet MSV nur für Kandidaten, deren Wertauffassung der eigenen ähnlich ist. Doch auch hier ist nichts so gut, wie die Mitarbeiter es zunächst sehen möchten. „Du trittst raus in die Welt und kriegst es mit Menschen zu tun, mit Gesetzen, Institutionen, Unternehmen, die alle ihr eigenes ‚Ich-glaube-an‘ haben“, schreibt einer der Mitarbeiter von MSV, „und alle die-se Ethiken reiben sich aneinander, winden sich, werden dehnbarer und ändern ihre Gestalt. Im Fall von MSV jedoch könnte man meinen, wir hätten uns die perfekte Kombination aus politischer Ethik und Beruf erschaffen, eine regelrechte Symbiose. […] Manchmal frage ich mich, ob wir den Punkt werden erkennen können, an dem sich unsere Idee, von der Welt weggeschwemmt, schon zu weit von dem Ideal entfernt hat, das noch in unserem Bewusstsein leuchtet.“

Verkaufte Werte

Ideale und Werte werden aufgegeben. MSV wird käuflich und verkauft. Es gibt Mitarbeiter, die merken, was passiert, und die Scheinheiligkeit erkennen, „am Morgen Umfragen und Erhebungen für Waffenhändler durchzuführen und am Abend Preise und Auszeichnungen von liberalen Organisationen entgegenzunehmen“.
Baram beleuchtet derart detailliert ökonomische, politische und soziale Vorgänge, dass einem Hören und Sehen vergeht. Sein Roman ist die gestaltgewordene Erkenntnis, dass es, wie es in „Weltschatten“ denn auch heißt, unmöglich ist, „bei all den Kandidaten, Regierungen, Non-Profit-Organisationen, privaten und staatlichen Firmen, internationalen Konzernen und Regulatoren den Überblick zu bewahren. Wir alle halten ein paar kleine Puzzleteilchen in der Hand, und die wirklich beängstigende Erkenntnis ist doch, dass es niemanden gibt, der das ganze Puzzle zusammensetzen könnte.“


Weltschatten
Roman von Nir Baram
Aus dem Hebr. von Markus Lemke
Hanser 2016
510 S., geb., € 26,80
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