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Augustus - 47/2016

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Alle Macht zum Wohle des Volkes

John Williams erzählt den Werdegang von Augustus, der als Adoptivsohn Cäsars nach dessen Ermordung das Erbe antrat. Jahrzehnte nach seinem Erscheinen liegt der Roman nun auf Deutsch vor – und ist aktuell wie je.


| Von Christian Jostmann


„Augustus“ von John Williams ist ein historischer Roman im mehrfachen Sinne. Historisch ist die Geschichte, die sein Autor erzählt: die Biografie des Gaius Octavius, der vor mehr als zwei Jahrtausenden das Römische Reich begründete und aller Welt unter dem Namen Augustus geläufig ist. Gleichsam historisch ist auch das Buch selbst, denn sein erstes Erscheinen liegt ein halbes Menschenalter zurück. John Williams, Dozent für Englische Literatur in Denver, veröffentlichte seinen dritten und letzten Roman 1971. Zwar erhielt „Augustus“ den National Book Award for Fiction, ein Publikumserfolg wurde er darum nicht. Dass der Roman jetzt erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen ist, kommt daher, dass ein amerikanischer Verleger den 2000. Todestag des ersten römischen Kaisers am 19. August (!) 2014 zum Anlass nahm, ihn neu aufzulegen. Und da zeigte sich, dass dieser Augustus uns auch heute einiges zu sagen hat.
Wobei der antike Herrscher selbst nur am Ende des Buches zu Wort kommt. Es sind seine Weggefährten und Gegenspieler, die Williams in durchweg fiktiven Briefen und Notizen Augustus’ Werdegang erzählen lässt: ein Briefroman also. Damit ist eine weitere historische Dimension eröffnet, denn der Briefroman war schon 1971 ein fast altmodisches Genre, das aber gut zum antiken Sujet passt. Williams, der auch Creative Writing unterrichtete, erweist sich als Meister dieses Genres.

„Schick den Jungen nach Apollonia“

Als ersten lässt er denjenigen auftreten, ohne den es keinen Kaiser Augustus gegeben hätte: Julius Cäsar schreibt im Jahr 45 v. Chr. an seine Nichte Atia, die Mutter von Gaius Octavius. „Schick den Jungen nach Apollonia“, beginnt abrupt der Brief und damit der Roman. Der nicht einmal Achtzehnjährige soll in der makedonischen Hafenstadt sein „erbärmliches“ Griechisch verbessern, Philosophie und Literatur studieren, und „an den Nachmittagen vervollkommnet er dann mit den Offizieren meiner Legionen jene andere Kunst, ohne die kein Mann vollständig ist.“ Etwaige mütterliche Bedenken werden souverän ausgeräumt: „Du hast gewiss bemerkt, meine liebe Atia, dass Dein Onkel es zu Beginn dieses Briefes aussehen ließ, als hättest Du eine Wahl hinsichtlich der Zukunft Deines Sohnes. Nun muss Cäsar es jedoch deutlich machen, dass dem nicht so ist.“
Wenn ein solcher Onkel diktiert, haben Mütter keine Wahl und Adoptivsöhne erst recht nicht. Und doch sollte der junge Octavius bald vor der Entscheidung seines Lebens stehen. Kurz nachdem er seine Studien in Apollonia aufgenommen hat, trifft ihn die Nachricht von Cäsars Ermordung.
Den Mord hat das Establishment im Senat angezettelt, um die Macht zurückzuerobern, die der populistische Diktator an sich gerissen hatte. Doch statt der Macht finden die Attentäter ein Vakuum vor, in das sofort andere Kräfte vorstoßen, darunter politische Schwergewichte wie Cäsars Mitkonsul Marcus Antonius. Legionen werden mobilisiert, Bündnisse geschmiedet und Intrigen gesponnen, Rom droht wieder Bürgerkrieg. Gaius Antonius, Cäsars designierter Erbe, ist in diesem mörderischen Spiel zunächst eine Randfigur, derer sich andere Player zu bedienen suchen. „Der Junge ist ganz ohne Bedeutung, ihn brauchen wir nicht zu fürchten“, lässt Williams den Verschwörer Cicero an den Cäsarenmörder Brutus schreiben und der Mutter Atia dichtet er einen Brief an, in dem sie ihren Sohn davor warnt, Cäsars Erbe anzunehmen: „Dies ist die Welt Roms, in der niemand Feind noch Freund kennt …“
Doch Octavius hat sich längst entschieden, noch am Abend, als ihn der Hiobsbote auf dem Truppenübungsplatz vor Apollonia antrifft. Wir erleben den historischen Moment aus der Sicht seiner Jugendfreunde mit. Marcus Agrippa, Gaius Cilnius Maecenas und Quintus Salvidienus Rufus sind bei ihm, beraten ihn, begleiten ihn nach Rom, werden seine engsten Verbündeten im Kampf um die Macht und – unter Williams’ Feder – auch die Gewährsmänner seines unwahrscheinlichen Siegeszugs, der in Marcus Antonius’ Untergang bei Actium 31 v. Chr. gipfelt. Sie schildern Octavius als das machtpolitische Genie, das Cäsar in ihm erkannt haben muss: umsichtig, zielstrebig, ohne Skrupel noch Erbarmen, zugleich aber auch als Herrscher, der seine Macht zum Wohle des römischen Volkes gebraucht und seinen Freunden treu ergeben ist – es sei denn, sie verraten ihn …
Hat ein Augustus Freunde? Unter seiner Herrschaft verwandelt sich die einstige Republik Rom in eine Erbmonarchie, mit der Konsequenz, dass selbst die engsten familiären Beziehungen des Kaisers den Gesetzen der Machtpolitik gehorchen müssen. Das spürt vor allem seine Tochter Julia, deren eigenwillige Stimme im zweiten Teil des Romans dominiert. Julia wird von Augustus zu mehreren Heiraten gezwungen, zuletzt mit ihrem verhassten Stiefbruder, dem späteren Kaiser Tiberius. Sie rebelliert, indem sie ein ausschweifendes Leben führt, das im offenen Widerspruch zu den strengen Sittengesetzen ihres Vaters steht. Als herauskommt, dass ihre Liebhaber einen Putsch planen, lässt Augustus seine Tochter auf eine karge Insel im Tyrrhenischen Meer verbannen. Er wird sie nie wiedersehen.
Von seiner Trauer über den Verlust lesen wir im letzten Teil des Buches. Im Vorgefühl des nahenden Todes schreibt Augustus dem Gelehrten Nikolaos von Damaskus, einem langjährigen Vertrauten, einen Brief, in dem er sich Rechenschaft über sein Leben gibt. Nun sehen wir den Menschen, den wir davor auf nahezu 400 Seiten aus der Perspektive seiner Zeitgenossen beobachtet haben, quasi von innen, und das Bild vollendet sich: Williams’ Augustus ist der tugendhafte Herrscher der aristotelischen Ethik. Kein Philosoph auf dem Thron, wie er Platon vorschwebte, sondern ein kluger Machtpolitiker, der Freundschaft zu Philosophen und Dichtern pflegt. Der sein persönliches Wohl dem des Staates opfert und dasselbe auch von seinen Untertanen, Mitarbeitern und Verwandten verlangt – bis zur letzten Konsequenz.
Lassen wir die elegante Konstruktion, die psychologischen und stilis-tischen Raffinessen einmal beiseite, ist es nicht zuletzt dieses Idealbild des guten Herrschers, das Williams’ historischen Roman so aktuell macht, scheint es doch eine verbreitete Sehnsucht zu bedienen. Vielleicht entsprach der historische Augustus sogar annähernd diesem Ideal. Immerhin gelang es ihm, den hundertjährigen römischen Bürgerkrieg zu beenden und ein Reich zu begründen, das noch 500 Jahre bestehen sollte.

Der literarische Augustus zweifelt

Der literarische Augustus jedoch bezweifelt am Lebensende den Sinn dieses Werkes: „In den letzten Jahren kam mir immer mal wieder der Gedanke, dass der dem Menschen angemessene Zustand gar nicht ein Leben in Wohlstand, Frieden und Harmonie ist, wie ich es für Rom mit all meinen Anstrengungen herbeizuführen suchte.“ Nach über 40 Jahren Pax Augusta bemerke er „im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeiten überdrüssig sehnen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete“. Kulturpessimisten werden sich in den resignierten Reflexionen des lebensmüden Monarchen wiederfinden, ebenso womöglich in seiner Warnung vor den „Barbaren“, die jenseits der Reichsgrenzen lauern. Sie sollten weiterlesen: „Die Sorgen, die ich äußerte, scheinen mir meinen Taten nun nicht länger angemessen. Rom wird nicht ewig bestehen, aber darauf kommt es nicht an. Rom wird untergehen, aber darauf kommt es nicht an. Die Barbaren werden die Stadt erobern, aber darauf kommt es nicht an. Rom hatte seinen Augenblick, und der vergeht nicht spurlos; die Barbaren werden zu Römern, die sie einst eroberten.“
Augustus spricht hier aus, was John Williams wusste und was auch wir, die Nachkommen der Barbaren von einst, wissen: Rom ist niemals untergegangen. Ohne die römische Zivilisation, ihre Sprache, ihr Recht, ohne ihre politischen Begriffe wäre unsere moderne Welt nicht die, die sie ist. Wir denken in den Kategorien Roms. Auch das macht diesen historischen Roman so aktuell und lesenswert.


Augustus

Roman von John Williams
dtV 2016.
480 S., geb.,
€ 24,70
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