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Die Geträumten - 50/2016

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Auch Liebende sind nur Fremde

„Die Geträumten“: Mit den verfilmten Briefen Paul Celans und Ingeborg Bachmanns ist Ruth Beckermann am Zenit ihres Schaffens angelangt.

| Von Otto Friedrich

Kann man einen Briefwechsel verfilmen? Man kann. Genauer: Sie kann. Die Wiener Filmemacherin Ruth Beckermann, seit Jahrzehnten als Protagonistin jüdischer Zeitgenossenschaft ausgewiesen – auch über ihre Heimatstadt hinaus –, hat sich mit ihrer neuesten Kino-Arbeit „Die Geträumten“ nicht nur formal an ein Experiment gewagt, das auch völlig schiefgehen konnte. Das Ergebnis gibt ihr recht – und befreit sie gleichzeitig auch aus der „Ecke“ der Dokumentarfilmerin, in die sie ja längst nicht mehr zu stellen war. „Die Geträumten“ reüssierte auf der diesjährigen Diagonale in Graz als Bester Spielfilm, aber die Preiskategorie sagt nichts aus, denn dieses Kunstwerk ist kaum mit herkömmlichen Genres fassbar. Nicht zuletzt das macht seinen Reiz aus.
Die literarische „Vorlage“ der „Geträumten“ entzieht sich, möchte man meinen, den herkömmlichen dramaturgischen und filmemacherischen Möglichkeiten: Der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann, der beiden großen Unglücklichen der deutschsprachigen Nachkriegs-literatur, wurde erst 2008 veröffentlicht. Dieser Briefverkehr dokumentierte zwischen 1948, als der damals 28-jährige Celan die sechs Jahre Jüngere in Wien kennen- und liebenlernte, und 1967, knapp drei Jahre vor dem Selbstmord Celans in Paris und sechs Jahre vor dem nicht minder tragischen Unfalltod der Bachmann in Rom, eine ebenso leidenschaftliche wie existenzielle Zerrissenheit.

Was Liebende einander zusagen und antun

Was zwei Liebende einander zusagen können, findet sich in diesen Briefen. Und was zwei in sich selber und in ein-ander Verstrickte sich mit Worten antun können, kann man in dem Briefwechsel ebenso nachlesen – ein über jede private Intimität hin-ausgehendes Zeugnis. Natürlich spielt der Graben, der sich zwischen Celan und Bachmann in der Beziehung, die nur wenige Monate face à face hielt, eine eminente Rolle: zwischen einem, der auch in seinen Gedichten verzweifelt die überlebte Schoa zu bewältigen suchte, und einer, die in ihrer Dichtung auch die Wunden einer Nachkommin der Täter thematisierte. Selbst in der Ferne wurde die (verzweifelte) Nähe wieder und wieder durch Distanz und Unverständnis unterbrochen. Und kehrte doch wieder und wieder zurück.
Aus derartigem Setting einen Film zu machen, kann nur als herkulische Herausforderung begriffen werden. Schon von daher ist die Bezeichnung „Spielfilm“ für das, was Ruth Beckermann aus dem Stoff gemacht hat, irreführend. Denn die Regisseurin ließ sich weder von der Dokumentarfilmerin dreinreden (auch wenn sie an den Orten der Bachmann und von Celan Probeaufnahmen gemacht hatte) noch zu einer narrativen Fiktionalisierung hinreißen.
Aber durch die Weise, wie Beckermann „Die Geträumten“ erzählt, wird sie den Protagonisten erst richtig gerecht. Völlig reduziert kommt der Film daher – als Lesung aus den Briefen, vorgetragen von Anja Plaschg, einem jugendlicheren Publikum als Sängerin Soap&Skin bekannt, und dem jungen Burgschauspieler Laurence Rupp. Das alles spielt im Studio 3 des ORF-Funkhauses als einzigem Ort, und zwischen dem Vorlesen begleitet die bewegte Kamera die Schauspieler in die Pausen, wo sie sich Zigaretten drehen oder über Plaschgs Tatoos witzeln oder über die Kunst an sich wie übers Leben sinnieren.
Leicht und gleichzeitig schwer scheint das alles, Hexenmeisterin Beckermann hat Rupp und Plaschg tatsächlich als Celan und Bachmann in den Film gezaubert. Wer „Herzzeit“, das Buch mit dem Briefwechsel, noch nicht gelesen hat, soll das nach dem Film tun und feststellen, wie sehr Liebe und Entfremdung, und wieder Liebe und noch mehr Entfremdung da in den Kinosaal gebracht wurden. Die Ebenen vom Damals und vom Heute verschwimmen: Eine absichtsvolle Dramaturgie, die nicht vorgibt, die Geschichte von Celan und Bachmann ihrer his-torischen Verortung zu entkleiden, die aber gleichzeitig sichtbar macht, wie gegenwärtig das alles sein kann. Zwei junge Schauspieler lassen die sich Liebenden und Entliebenden, die heute in ihren 90-ern wären, lebendig sein.
Dass Ruth Beckermann sich dieses Stoffes angenommen hat, scheint folgerichtig – auch von den biografischen Verbindungen her: Paul Celan, der bekanntlich als Paul Antschel in Czernowitz geboren wurde, stammt aus derselben Stadt wie Beckermanns Vater.
Bereits 1987 hat sich Beckermann in ihrem Film „Die papierene Brücke“ mit ihrer Familiengeschichte in der Bukowina auseinandergesetzt – zwei Jahre, bevor die Berliner Mauer, vier Jahre, bevor die Sowjet-union fiel und Czernowitz ukrainisch wurde.
Zeitgleich mit dem Filmstart von „Die Gerträumten“ läuft im Österreichischen Filmmuseum eine Retrospektive aller Becker-mann-Filme. Angefangen bei der Dokumentation „Arena besetzt“ über die Besetzung des ehemaligen Wiener Schlachthofs St. Marx im Sommer 1976 tastet sich die Regisseurin mittels unterschiedlicher Zugänge des Dokumentarfilms immer weiter vor – in Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität und Geschichte, über Zeitgenossenschaft, etwa als sie 2001 in „homemad(e)“ das jüdische Wien zur Zeit der schwarz-blauen Regierungskoalition porträtiert, bis zu „American Passages“ (2011), wo sie dem Traum des American Way à la Obama die Realität auch im Rust Belt der USA gegenüberstellt, wo Donald Trump so-eben seinen Sieg einfuhr: prophetisches Kino pur. Auch Beckermanns vorletzter Film – „Those Who Go Those Who Stay“ (2014) ist der Gesellschaftsbeobachtung verpflichtet, indem er weltweit Migration und Flucht thematisiert – und als Konstituens der Menschheit darstellt. Zur Retrospektive ist auch ein Essayband erschienen, der Beckermanns filmisches Œuvre facettenreich beleuchtet.

Ein Denkmal fürs Wiener Funkhaus

Die Vielschichtigkeit Österreichs, des Judentums, der Welt tritt in den Filmen Becker-manns peu à peu zu Tage. Mit „Die Geträumten“ betritt sie aber eine neue Bühne ihrer Darstellungsfähigkeit. Zweifellos ist Ruth Beckermann mit ihrer Näherung an Celan und Bachmann fürs Kinopublikum am Zenit ihres Schaffens angelangt – obwohl zweifellos noch lichtere Höhen möglich sind.
Ein Schelm auch, wer Böses dabei denkt, dass Beckermann mit den „Geträumten“ zusätzlich dem Wiener Funkhaus, das von der ORF-Spitze durch dessen Verkauf so missbraucht wird, ein Denkmal setzt. Übrigens zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, denn auch Händl Klaus’ Herrenliebesfilm „Kater“ (FURCHE 44/2016) spielt zu einem Gutteil im Clemens-Holzmeister-Bau in der Wiener Argentinierstraße.
Das Brief-Buch „Herzzeit“ wie der Brief-Film „Die Geträumten“ beginnen mit Celans Gedicht „für Ingeborg“ mit den Titel „In Aegypten“: „… Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi …“ heißt es dort – die Fremdheit wird da mit biblischen Frauengestalten bebildert. Der Film „Die Geträumten“ zeichnet die Bilder der liebenden Fremden grandios weiter.


Die Geträumten
A 2016. Regie: Ruth Beckermann.
Mit Laurence Rupp, Anja Plaschg.
Stadtkino. 89 Min.

Retrospektive Ruth Beckermann
Bis 5. Jänner • Filmmuseum

www.filmuseum.at
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