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Wolfgang Borchert - 47/2007

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Gras ist nicht nur Gras
Vor 60 Jahren starb Wolfgang Borchert.
Von Cornelius Hell

So jung ist Wolfgang Borchert gestorben, dass es sein Verlag bis heute nicht glauben kann: „gestorben am 20. November 1949“ heißt es im Klappentext der Neuauflage seines Gesamtwerkes. Tatsächlich ist er genau zwei Jahre früher gestorben – keine 27 Jahre alt. Zeit, ein Autor zu werden, hatte er zwei Jahre: von 1945 bis 1947. Davor war er im Krieg oder im Gefängnis, und als der Krieg begann, war er erst 18. Autor wollte er nur werden, weil er schon zu krank für die Bühne war. Das meiste hat er im Bett geschrieben, da er kaum mehr aufstehen, geschweige denn gehen konnte. Vom Krieg hat er sich nie erholt.
Eine neue Biografie zeichnet dieses Lebens nach. Gordon Burgess, Germanistik-Professor an der Universität Aberdeen und Gründungsmitglied der Internationalen Wolfgang-Borchert-Gesellschaft, hat gegenüber der seit 1961 im Handel befindlichen Rowohlt-Monographie von Peter Rühmkorf zahlreiche neue Details ausfindig gemacht und erzählt das kurze Lebens Borcherts von der Welt der Eltern über die von der Hamlet-Aufführung von Gustaf Gründgens ausgelöste Theaterleidenschaft, die subversive Begeisterung für Swing-Musik, die kritischen Äußerungen über das Nazi-Regime und die verstörenden Erlebnisse in Russland bis zum Tod in der Schweiz.
Vielleicht erzählt Burgess streckenweise etwas zu bieder, aber er weiß individuelles Leben und Zeitumstände zu verzahnen, und vor allem bringt er wichtige Einsichten in die Entstehung des Werkes, weil er es gerade nicht aus der Biografie erklärt, sondern die Umstellung und bewusste Komposition des Erlebnismaterials vorführt.

Bewusst gestaltete Prosa
Wer sich diesem Werk neu oder wieder annähern will, für den ist das Gesamtwerk Borcherts unerlässlich. Trotz der falschen Angabe des Todesjahres hat der Rowohlt Verlag Borcherts 60. Todestag richtig errechnet und dieses Gesamtwerk in gründlich überarbeiteter und erweiterter Form herausgegeben. Besonders wichtig: Die postum unter dem Titel „Die traurigen Geranien“ erschienenen Erzählungen wurden aufgenommen. So kann man nicht nur das berühmte Drama „Draußen vor der Tür“, das weltweit am meisten gespielte Theaterstück Deutschlands, nachlesen, sondern auch alle Prosatexte, Essays, Rezensionen wie auch die frühen Gedichte.
Borcherts Werk stand immer im Ruf, „herausgeschrien“, flüchtig hingeworfen zu sein. Der Blick auf die genau kalkulierten Wortwiederholungen, auf den Rhythmus und die Assonanzen zeigt, wie durchgearbeitet und bewusst gestaltet Borcherts Prosa ist. Heinrich Böll, der ihn hoch gelobt hat, zieht da im Vergleich oft den Kürzeren. Die Sprache Borcherts ist nicht auf jenen verspäteten Expressionismus zu reduzieren, der ihm bisweilen attestiert wurde, und seine Inhalte gehen weit über naiven Pazifismus und das Pathos einer „Generation ohne Abschied“ hinaus. Borchert beherrscht die musikalisch schwingenden Sätze ebenso wie die lakonische Verknappung der „Lesebuchgeschichten“, in denen er die Verflechtung von Wirtschaft und Krieg modellhaft verdichtet. In den Dialogen, in der genauen Gestaltung von Szenen spürt man immer wieder den Theatermann, der er so gerne gewesen wäre.
Borchert heute zu lesen bedeutet auch, sich der Welt jener Generation anzunähern, deren Männer nach der Schule in den Krieg getrieben wurden. Das ist gerade auch dann notwendig, wenn man den nationalsozialistischen Angriffskrieg und das Gerede von „Pflichterfüllung“ verabscheut. Der Blick auf Borchert zeigt aber auch, dass jene nachgeborene Naivität, die meint, jeder hätte Widerstand leisten können, wenn er nur gewollt hätte, leicht zum Zynismus gegenüber Männern werden kann, die irgendwie zu überleben versuchten und deren Leben dennoch unheilbar zerstört wurde – wenn auch bei wenigen so dramatisch wie bei Wolfgang Borchert.

Bleibende Bedeutung
Dass sich seine Bedeutung nicht auf die Nachkriegszeit reduzieren lässt, zeigt schon die Tatsache, dass sein Satz „Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin“ gut vier Jahrzehnte später zum Leitspruch von Bürgerrechtlern in der DDR wurde. Menschen mit Utopien und Mut zum Widerstand konnten und können immer wieder an Sätze von Wolfgang Borchert anschließen. Und manche vielleicht auch an sein Verhältnis zur Religion: „Natürlich bin ich ein religiöser Dichter. Ich verberge es nicht. Ich glaube an die Sonne, an den Walfisch, an meine Mutter und an das Gras. Genügt das nicht? Das Gras ist nämlich nicht nur das Gras.“


WOLFGANG BORCHERT
Ich glaube an mein Glück
Eine Biographie. Von Gordon Burgess
Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin 2007. 300 S., brosch., € 10,30
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