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nachts leuchten die schiffe - 33/2017

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Zwischen Bosporus 
und grünem Meer

Neue Lyrik von Nico Bleutge und Ilse Helbich. In ihren Gedichten spüren sie auf völlig unterschiedliche Weise den kleinen und großen Dingen des Lebens nach.


| Von Maria Renhardt

Mit 80 Jahren ein literarisches Debüt vorzulegen, ist selten und verlangt wohl einiges an Mut. Ilse Helbich, eine österreichische Publizistin und Schriftstellerin, hat es versucht. Ihrem 2003 erschienenen ersten Roman „Schwalbenschrift“ sind mittlerweile sechs, von der Kritik durchaus positiv bedachte Prosabände gefolgt.
Erstmals versammelt nun ein im Droschl-Verlag veröffentlichtes Bändchen ihre Lyrik. 
In diesen, zum Teil bereits in den Achtzigerjahren entstandenen Gedichten spürt Helbich den kleinen und großen Dingen des Le-
bens nach. So symbolisiert der Titel „Im Gehen“ nicht nur das Unterwegssein im Alltag, sondern auch die Lebensreise schlechthin.

Getragen von geschärftem Blick

In einer einfachen und klaren Sprache zeigt Helbich die Berührung des Menschen durch die Natur, die sich in ambivalenten Facetten offenbart. Üppig verschwenderisch in ihrer Fülle, dann wieder karg und bedrohlich, fast abweisend („Vom Himmel stürzender Vogel / zielend geworfen. / Sein Schattenblitz über dem Gras. / Jetzt auf mir“). Alles ist getragen von einem geschärften Blick, der eine langsame, genaue Wahrnehmung zulässt. Innezuhalten und sich im Gehen auf das Selbstverständliche einzulassen, um es in seiner Schönheit zu erkennen, ist nur ein Zugang zum Leben, der sich hier auftut. Selbst auf einem Schattenpfad bahnt sich der Sonnenstrahl einen Weg: „Auf und ab Blendung. / Die Flügelspitzen der Arme / streifen die Sonne, / die auf den Weinbergen wächst.“ Die Zeit der Ernte und des großzügigen Gebens lässt sich im kompromisslosen Blau des Himmels und in der Buntheit der Früchte schauen: „Rot, grün und blau / in diesen Farben ist die Atemlosigkeits- / maschine gemalt / die schluckt Rot, Gelb, Grün, Blau / schluckt Äpfel und Trauben und / raubt mir den Atem.“ Das Gehen in der Natur hilft bei der Klärung der Gedanken und entlockt einem leuchtende Weisheiten: „Wie schwer ist es, leicht zu sein.“
Auch Schreiberfahrungen, Existenzielles, das Alter oder Begegnungen ziehen sich thematisch durch diese Lyrik. Erinnerte Spaziergänge auf dem Grinzinger Friedhof, dem Ort „Nirgends“ und einstigen Sehnsuchtsplatz, an dem die Stille alles zudeckt, als Mutter und Tochter gemeinsam die Stiefmütterchen gießen. Kinderspiele, Verstecke – das Zurückgehen in die Vergangenheit findet sich hier neben dem