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Die dritte Option - 37/2017

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„Warum geht die Selektion so reibungslos?“

Die Pränataldiagnostik zwingt Paare in Entscheidungen über Leben und Tod. Doch was bedeuten all diese Screenings für unsere Gesellschaft? Thomas Fürhapter hat diese Frage im Film „Die dritte Option“ gestellt. Ein Gespräch über Autonomie, Norm und Behinderung.

| Das Gespräch führte Doris Helmberger

Jede schwangere Frau ist betroffen. Sie muss entscheiden, wieviel sie wissen will, wieviel sie sehen will – und was sie und ihr Partner tun, wenn ihr Kind sich jenseits der Norm befindet. Die gesellschaftliche Verantwortung bleibt meist unterbelichtet. Regisseur Thomas Fürhapter, dessen Filmessay „Die dritte Option“ diese Woche in die Kinos kommt, macht sie zum Thema.


DIE FURCHE: Was war für Sie der Anlass, das schwierige Thema Pränataldiagnostik filmisch aufzugreifen?
Thomas Fürhapter: Es war die Beobachtung, dass die Pränataldiagnostik heute längst routinemäßig abläuft, während das bei Leuten wie mir, die in den 1970er-Jahren geboren sind, noch nicht der Fall war. Ich bin also noch nicht „diagnostiziert“ – wie etwa die Hälfte der Bevölkerung, die auf der Straße herumgeht. Die andere, jüngere Hälfte ist aber schon vor der Geburt diesem Screening unterzogen und daraufhin kontrolliert worden, ob sie eh der Norm entspricht. Wenn man sich das vor Augen führt, ist das schon unheimlich. Mich hat vor allem dieser Aspekt der Pränataldiagnostik als Instrument der Bevölkerungsregulierung interessiert – und weniger die individuelle Perspektive. Dazu gibt es ja schon vieles, aber das Problem wird immer privatisiert und damit komplett entpolitisiert.

DIE FURCHE:
Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese individuelle Perspektive war Anne Zohra Berracheds Spielfilm „24 Wochen“. Eine Mutter ringt darin mit der Entscheidung, ob sie ihr behindertes Kind abtreiben soll. Am Ende entscheidet sie sich für den Fetozid. Sie hingegen legen Ihren Film-essay ganz nüchtern an, ohne O-Töne, nur mit gelesenen Passagen aus Interviews mit Experten und Betroffenen. Warum diese bewusste Sterilität?
Fürhapter: Weil es eben mein Grundanliegen war, einen kritischen Blick auf den klinischen, vermeintlich objektiven Blick zu werfen. Auch die Kameraarbeit war wesentlicher Teil dieses Konzepts: Eine Nahaufnahme hat ja immer etwas Subjektives, die Totale steht hingegen für Objektivität. Man geht bei diesem Thema zwar davon aus, dass es einen neutralen, wissenschaftlichen, wertfreien Blick auf Behinderung gäbe. Doch den gibt es nicht. Deswegen diese distanzierte, quasi-objektive Form.

DIE FURCHE:
Wobei sich der Film auch entlang von Zitaten von Frauen und Eltern bewegt, die ihre Geschichte erzählen – vom auffälligen Ultraschallbefund bis zum Fetozid und Begräbnis. Wie schwer war es, Betroffene zu finden?
Fürhapter: Es war nicht so schwer, wie ich anfangs vermutet habe. Ich habe im Bekanntenkreis von meinen Plänen berichtet und relativ schnell ein Paar und drei Frauen gefunden, die mir ein Interview gegeben haben. Es gibt also viele, die betroffen sind. Irgendwer kennt immer irgendwen. Wobei ich ja keine Filmaufnahmen von ihnen gemacht habe, nicht einmal ihre Stimmen hört man, alles ist komplett anonymisiert.

DIE FURCHE: Die Sätze, die man im Film hört, sind meist in scharfem Kontrast zu den Bildern. Anfangs sieht man etwa ein Paar beim Sex – und hört dazu etwas über „Geburtenmanagement“; später hört man die Beschreibung, wie das Kind im Mutterleib durch eine Kaliumchloridspritze getötet wird – und sieht Szenen aus einem Fitnesscenter …
Fürhapter: Mit solchen Text-Bild-Scheren arbeite ich häufig, weil durch sie etwas völlig Neues sichtbar wird. Wenn man zu einem Text über Pränataldiagnostik einfach eine Frau beim Ultraschall sieht, ist das nichts Besonderes. Aber mit Bildern von einer Sportveranstaltung bekommt das eine völlig neue Bedeutung. Die Herausforderung war, Kombinationen zu finden, die funktionieren und auch nicht zu kompromittierend sind. Das war eine lange Arbeit am Schneidetisch.

DIE FURCHE:
Es sind teils heftige, einprägsame Zitate, die Sie bringen. Einmal heißt es: „Der Mensch entsteht im Bild“, später wird eine Philosophin mit dem Satz zitiert: „Die Mütter reden ja immer vom Kind, aber korrekt wäre Fötus“. Wie das Ungeborene gesehen und bezeichnet wird, prägt ja ganz wesentlich die Debatte …
Fürhapter: Das stimmt. Wobei ich mich im Film bewusst nicht auf die Frage einlassen wollte, ab wann das Ungeborene genau ein Mensch oder eine Person ist, dem oder der ein Lebensrecht zukommt. Es wird jedenfalls vielfach so empfunden, dass das Ungeborene durch die Sichtbarmachung zum Menschen wird – nicht theologisch oder ontologisch, sondern in der Wahrnehmung der Betroffenen. Man sieht ja auch schon früh fast alles: Auge, Nase, Zehen. Mich hat hier vor allem das Paradoxon beschäftigt, dass die bildgebenden Verfahren der Pränataldiagnostik vorgeben, ein Problem zu lösen, das sie selbst geschaffen haben.

DIE FURCHE:
Die zentralen Fragen, die Sie in Ihrem Film stellen, lauten: Was ist Behinderung? Was ist Norm? Und: Was bedeutet Autonomie in Zeiten von Neoliberalismus und Selbstoptimierung?
Fürhapter: Das ist tatsächlich der zentrale Aspekt des Films. Warum funktioniert diese Selektion so reibungslos – und das meine ich nicht auf der individuellen, sondern auf der gesellschaftlichen Ebene? Es brechen ja fast alle Frauen bzw. Paare ab, wenn sie mit einem auffälligen Befund konfrontiert sind. Das ist nicht nur juristisch abgesegnet, dafür gibt es auch großes Verständnis – und es funktioniert ohne jeden Zwang.

DIE FURCHE:
„Die Macht der Norm diszipliniert die Menschen nicht, indem sie sie zu etwas zwingt, sondern indem sie sie dazu verführt, etwas für eine Freiheit zu halten, das keine ist“, heißt es im Film …
Fürhapter: Ja, alle sind immer ganz frei und autonom. Ärzte, Frauen, Eltern. Diese Macht der Norm, die mit Freiwilligkeit arbeitet, ist aber noch viel stabiler, als wenn sie auf Unterdrückung beruhen würde.

DIE FURCHE: Es gibt dazu noch einen anderen, ziemlich provokanten Satz in Ihrem Film. Er lautet: „Die Nazis haben die Behinderten umgebracht, als sie schon am Leben waren. Wir machen das schon früher.“
Fürhapter: Mir ging es hier nicht um eine historische Gleichsetzung, sondern darum, das Thema aufzumachen und auch nach Unterschieden zu fragen. Die Diskussion, ob es heute eine „Eugenik von unten“ gibt, wird ja schon lange geführt, wobei ich schon denke, dass man heute von einer Art Eugenik sprechen kann. Deutlich wird das auch in dem Zitat, das für den Titel verwendet wird: „Nach der Geburt haben wir nur die Option, zu lindern oder zu helfen. Und vor der Geburt haben wir noch eine dritte Option: zu töten. Die Pränatalmedizin ist der einzige Bereich in der Medizin, in dem wir töten können.“

DIE FURCHE:
Argumentiert wird dabei meist damit, Schmerz und Leid für die Betroffenen zu reduzieren oder zu verhindern. „Tödliches Mitleid“, wird das im Film genannt …
Fürhapter: Das ist tatsächlich eine typisch neoliberale Rhetorik, die vordergründig gern fürsorglich und positiv daherkommt – ganz nach dem Motto: „Das Kind soll nicht leiden müssen“, oder „Es ist das Beste für die Eltern“. Dabei schwingt aber meist auch die Vorstellung mit, dass es auch für die Gesellschaft das Beste sei – von den Kosten bis zur Ästhetik. Und wenn auch noch die ganze Freiwilligkeitsrhetorik dazukommt, kann man sich dem fast nicht mehr entziehen.

DIE FURCHE: Zumal das Thema Behinderung den Menschen radikal auf seine Zerbrechlichkeit und auch Endlichkeit zurückwirft.
Fürhapter: Ja, wobei Behinderung hier immer als individuelles Problem oder Unfall betrachtet wird, doch man kann sie auch komplett anders denken, wie ich von den „Disability Studies“ gelernt habe. Behinderung ist ja auch etwas Hergestelltes, ein Produkt, ein soziales Konstrukt, das mithilft, die Norm bzw. Normalität aufrecht zu erhalten, die bei uns eben neoliberal geprägt ist. Es steht aber nirgendwo geschrieben, dass ein Mensch nicht auch ganz anders ausschauen kann. Insofern ist das Thema Pränataldiagnostik und Spätabbruch ein Symp-tom unserer Zeit, in der es vor allem ums Funktionieren geht. Hier verdichtet sich viel, was mit und um uns herum passiert.


FILMKRITIK

Kritischer Blick auf den klinischen Blick

Der schlimmste und zugleich vielsagendste Satz kommt fast zum Schluss: „Bei diesem Kind funktioniert einfach überhaupt nix.“ Einen Monat nach dem Fetozid, bei dem das Baby im Mutterleib durch eine Kaliumchloridspritze ins Herz getötet worden ist, soll es nun in einem kleinen Sarg begraben werden. Als Zeichen des Abschieds will der Vater ein paar Luftballone in den Himmel steigen lassen. Doch es regnet …
Es sind drastische Texte, einprägsame Bilder und aufrüttelnde Text-Bild-Scheren, mit denen Regisseur Thomas Fürhapter in seinem Film-essay „Die dritte Option“ arbeitet. Geschätzte 95 Prozent aller Kinder werden nach einem auffälligen pränatalmedizinischen Befund abgetrieben. Auf individueller Ebene spielen sich hier Dramen ab, aber wo bleibt die gesellschaftliche Verantwortung? Wie ist diese offenbar reibungslose, fast flächendeckende Selektion überhaupt möglich? Was bedeutet Autonomie angesichts des Zwangs zu Selbstoptimierung und Normierung? Und was heißt Behinderung? Es sind zentrale Fragen, die Fürhapter stellt – und anders als etwa Anne Zohra Berrached in ihrem Spielfilm „24 Wochen“ wählt er in seinem Film eine bewusst distanzierte -Perspektive. Statt mit Nahaufnahmen arbeitet er mit Totalen, statt eines ergreifenden Schicksals präsentiert er Passagen aus Gesprächen mit Ärzten, Philosophinnen und Therapeutinnen und kontrastiert sie mit sparsamen -Zitaten von Betroffenen. Ein irritierender, beeindruckender, wichtiger Film über die aktuellen Normierungen des Menschen. (dh)


Die dritte Option
A 2017. Regie/Drehbuch: Thomas 
Fürhapter.
Thimfilm. 78 Min.
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