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Körper und Seele - 38/2017

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Ganz ungelenk und schüchtern

Der Berlinale-Siegerfilm „Körper und Seele“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi ist eine grandios leise Offenbarung über die Liebe.

| Von Otto Friedrich

Leise. Mit diesem einem Wort ist der großartige Film „Körper und Seele“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi charakterisiert. Leise ist auch der Erfolg geblieben, den andere längst lautstark in die Welt posaunt hätten: Immerhin räumte „Körper und Seele“ bei der diesjährigen Berlinale gleich vier Mal ab: den Goldenen Bären, den Preis der internationalen Filmkritik, den Preis der Ökumenischen Jury sowie den Publikumspreis.
Dabei war es lange still um die 61-jährige Filmemacherin aus Ungarn. Mit ihrem Spielfilmerstling „Mein 20. Jahrhundert“ hatte Enyedi 1989 auf Anhieb die Goldene Palme in Cannes gewonnen, es danach aber nicht einmal auf eine Handvoll Langfilme gebracht, der letzte – „Simon mágus“ – datiert bereits ins Jahr 1999. Erstaunlich, dass die Regisseurin 18 Jahre später reüssieren kann, und das mit einer bis in kleinste Details überzeugenden Arbeit.

Hirsch und Hindin

Ein Traum ist das Anfangselement und das Verbindungsstück, dass zwei Seelen einen Film lang zueinanderkommen lässt: Hirsch und Hindin halten sich in einem gerade verschneiten Wäldchen auf, sie scheinen vertraut und intim nahe – und dann doch beiläufig nebeneinander wie zwei Wesen, die einander nahe sind, es aber doch nicht sein können. Außergewöhnlich an diesem Traum ist, dass er von beiden Protagonisten geträumt wird, unabhängig voneinander. Es ist ein Zufall, dass diese tief im Unterbewusstsein verankerte Verbindung offenbar wird.
Endre (Géza Morcsányi) ist der Finanzdirektor eines großen Budapester Schlachthofs. Er hat etliche gescheiterte Beziehungen hinter sich und mit dem anderen Geschlecht eigentlich abgeschlossen. Auch weil er einen gelähmten Arm hat, ist er seelisch leicht verwundbar; er hat gelernt, mit der Behinderung zu leben, aber sein Schicksal hat in ihm Spuren hinterlassen.
Auch die neue Qualitätskontrollorin im Schlachthof ist eine verwundete Seele: Maria (Alexandra Borbély) scheint eine unzugängliche Person zu sein, sie hat einen Ordnungs- und Kontrollzwang und nimmt es mit den Vorschriften sehr genau: Schon einige Millimeter zuviel an Fettschicht, und Maria stuft die Qualität des Rindfleisches, das sie begutachtet, herunter. Das macht sie im Schlachthof unbeliebt, auch den derben und anzüglichen Späßen der Kollegen gegenüber zeigt sie sich unempfänglich.
Maria leidet an einem autistischen Syndrom, sie ist von Kindesbeinen an in psychotherapeutischer Behandlung, wobei sie auch als Erwachsene weiter zu ihrem Kindertherapeuten geht. Und Maria ist attraktiv, sodass einige im Schlachthof ein Auge auf sie werfen. Der schüchterne Endre gehört dazu: Man darf Endre und Maria einen Film lang zuschauen, wie aus der reichlich ungelenken Begegnung der beiden langsam, sehr langsam, aber doch etwas entsteht.
Dass beide denselben Traum träumen, entdecken sie bei einer absurden Affäre: Aus dem Medikamentenschrank des Schlachthofs ist ein Potenzmittel für Zuchtbullen verschwunden. Die Polizei regt eine psychologische Überprüfung der Bediensteten an, vielleicht lässt sich so ja der Dieb ermitteln. Bei den Interviews mit der Belegschaft fragt die Psychologin Klára routinemäßig auch nach dem Traum der letzten Nacht. Als Maria und Endre das gleiche Szenario schildern, glaubt sie an einen Scherz oder die Sabotierung ihrer Bemühungen.
Marie und Endre hingegen sind innerlich aufgewühlt und sowohl verstört wie vonein-ander angezogen. Doch die Schüchternheit Endres ist nichts gegen Berührungsphobie von Maria und ihr ebenso phänomenales Gedächtnis wie ihr Ordnungssinn: Da bleibt kein Platz für andere Menschen – diese (Ver-)Störung ist nur langsam zu überwinden. Maria wie Endre arbeiten daran, es fehlt nicht an Versuchen, die Kluft Kluft sein zu lassen und der Annäherung Raum zu geben. Dem entgegen hält der Plot des Films aber noch eine dramatische Wendung bereit.

Blutige Geschäfte

So langsam und leise „Körper und Seele“ der Entwicklung einer Beziehung folgt, so wenig nimmt der Film Rücksicht auf zartbesaitete Gemüter. Zu den – grandiosen – Stilmitteln, die Regisseurin Enyedi einsetzt, gehört der Kontrast zwischen den Träumen von den Hirschen im Winterwald, dem sanften Aufeinanderzugehen von Endre und Maria und der durchaus brutalen Arbeitswelt der beiden: Ein Schlachthof ist kein Mädchenpensionat, das Töten von Rindern kann nun einmal keine harmlose Sache sein. Enyedi beschönigt hier nichts, sie zeigt die Tötung eines Tiers praktisch bis zum finalen Moment – und ein blutiges Geschäft ist nicht nur die Fleischproduktion, sondern auch die Liebe kann in blutige Verzweiflung entarten.
All diese Ebenen verwebt Enyedi zu einer großen Filmkomposition – sie vergisst auch nicht, einen spröden, lakonischen Humor unterzubringen. Wenn zwei Herzen zueinander wollen, aber auf dem Weg dorthin Stolperstein um Stolperstein vorfinden, da gibt es hin und wieder etwas zum Schmunzeln.
Nach Kornél Mundruczós Dystopie „Underdog“ („Un certain regard“-Gewinner, Cannes 2014), László Nemes’ Schoa-Film „Son of Saul“ (Großer Preis, Cannes 2015) ist „Körper und Seele“ der dritte exzeptionelle Film aus Ungarn binnen kurzer Zeit.


Körper und Seele (Teströl és lélekröl)
H 2017. Regie: Ildikó Enyedi.
Mit Alexandra Borbély, Géza Morcsányi.
Alamode. 116 Min.
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