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Leanders letzte Reise - 38/2017

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Aber warum sind wir, wie wir sind?

„Leanders letzte Reise“: Regisseur Baker-Monteys’ bemerkenswerter Denkanstoß zu Europa.


| Von Thomas Taborsky


Endlos ließe sich die regelmäßig über Europa wälzende Tragödie der Geschichte in die Vergangenheit zurück erweitern. Es ist aber allein schon eine Großtat, wie „Leanders letzte Reise“ drei lebende Generationen darin verstrickt. In einer Wohnung in Kiew sitzen sie um den Tisch, die Stimmung der Geburtstagsfeier ist vergiftet. Der eine Sohn der Familie ist in der Ostukraine, bei der Großmutter, kämpft für die Separatisten. Der andere, der Freigeist Lew (Tambet Tuisk), der lange in Deutschland lebte, wird vom Vater gedrängt, Partei zu ergreifen. „Wir. Russen.“ – „Seit wann!“, wehrt sich Lew. Mit am Tisch sitzen zwei Besucher aus dem Westen, die er unter seine Fittiche genommen hat. Bald fällt auch das Wort mit F.: „Man kann mich als Faschist beschimpfen. Ich hab's verdient. Aber meine Enkeltochter nicht“, entgegnet der Greis, der am Ende seines Lebens aufgebrochen ist, um noch etwas zu erledigen.
Nach dem Begräbnis seiner Gattin hat Eduard Leander (Jürgen Prochnow) einen Koffer gepackt, die Kosakenmütze, die er seit dem Weltkrieg weggeschlossen hatte, hineingelegt und sich in den Zug gesetzt. Adele (Petra Schmidt-Schaller) sollte ihn aufhalten; jetzt will sie dabei sein, wenn er eine gewisse Svetlana sucht und sein Schweigen bricht, darüber, wo er damals war. Was er damals getan hat. Ob er ein Kriegsverbrecher ist. „Opa, ich versuch, dich zu verstehen! Ich will wissen, warum wir sind, wie wir sind.“ – Eine schlichte, erschütternd weitreichende Frage.

Jürgen Prochnows außergewöhnliche Darstellung

Regisseur Nick Baker-Monteys stellt sie in den Raum, um die unheimliche Komplexität des „Wie wir sind“ erfassen zu wollen: die geschmückte Barrikade vorm Majdan. Den Mann, der Deutsch versteht, weil er einst sowjetischer Besatzungssoldat war. Grüne Grenzen und nächtlich vorbei donnernde Panzerkolonnen ohne Hoheitszeichen. Immer wieder der Zwang, eine Seite wählen zu müssen, und das Leben mit solchen Entscheidungen. „Leanders letzte Reise“ kann markant und rau sein, speziell in den Dialogen. Er passt dann zu seinem zentralen Charakter, dem unwirschen Alten, in dem es brodelt – einer Rolle, in der Jürgen Proch-now darstellerisch Außergewöhnliches vollbringt, bei der er physisch aber manchmal die Gebrechlichkeit unangenehm herausstreicht.
Kleinere szenische Ausritte, die sich schlecht ins Gesamtbild fügen, leis-tet sich auch der Film, wenn er sich kurz auf Ecstasy-Trip begibt oder Schwierigkeiten mit einem Subplot hat, in dem sich Adeles überforderte Mutter davor fürchtet, was ihr und Leander zustoßen könnte, aber auch vor dem, was ihr Vater möglicherweise zu enthüllen hat. Dem Film tut das wenig Abbruch: Schon seine breite Perspektive ist kühn. Neben ihr verfolgt er aber auch wirkungsvoll die Strategie, nicht nach Gründen oder Entschuldigungen zu suchen. Immer wieder leitet Baker-Monteys vom vermeintlich Kollektiven, von äußeren Zwängen, aufs Individuum, auf dessen Verantwortung. Dass er schließlich auch emotional abholt, ist eine Randfacette bei diesem bemerkenswerten Denkanstoß zu Europa.


Leanders letzte Reise
D 2017. Regie: Nick Baker-Monteys.

Mit Jürgen Prochnow, Petra Schmidt-Schaller,
Tambet Tuisk.
Tobis. 107 Min.
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  15:04:03 07.14.2005