ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Als ob ein Engel - 49/2007

Herunterladen
„Natürlich ermordet“
Mit 22 in Argentinien verschwunden: Erich Hackl suchte die Spuren von Gisela Tenenbaum.
Von Cornelius Hell

Erzählung nach dem Leben“ nennt sich das neue Buch von Erich Hackl und bezeichnet damit treffend seine Versuche, den Graben zwischen Literatur und Reportage, zwischen biografischer Wahrheit und Fiktion zu überbrücken. Seit „Auroras Anlaß“ und „Abschied von Sidonie“ dokumentiert Hackl wirkliche „Fälle“ ebenso präzise, wie er sie literarisch überzeugend gestaltet. Seine Nähe zum spanischen Sprachraum, besonders zu Lateinamerika, wie sein kritischer Blick auf österreichische Geschichte und Gegenwart ist immer in einzelnen Lebensgeschichten verortet, in den Biografien bisher anonym gebliebener Menschen, denen er eine Stimme gibt. Die Konsequenz, mit der er das durchhält und aus den Faktengräbern individuelle Gesichter freischaufelt, ist beeindruckend.

„Immer hat wer gefehlt“
„Nichts ist mehr so wie früher. Silvester, Geburtstag, Hochzeitstag, medalla de honor, irgendeine Auszeichnung, irgendein besonderer Anlaß, sich gemeinsam zu freuen, mit der ganzen Familie – immer hat wer gefehlt, immer ist die Freude gedämpft … Natürlich ist sie ermordet worden, er wäre absurd, daran zu zweifeln. Aber ihre Leiche, oder das, was von ihr übriggeblieben ist, ist bis heute nicht gefunden worden. Wie trauert man um eine Schwester, eine Tochter, eine Tante, eine Großtante inzwischen, die weg und doch da ist. Niemand in der Familie wird mit dieser Situation fertig, jeder reagiert anders.“ In der Erzählung „Als ob ein Engel“ leuchtet Hackl die Situation derer aus, denen eine nahe Angehörige genommen wurde, ohne dass sie sich verabschieden können; und er zeichnet vor allem das Leben der Verschwundenen nach: Gisela Tenenbaum, 1955 in einer aus Österreich emigrierten jüdischen Familie in Argentinien geboren, hat sich den Montoneros angeschlossen, den Partisanen gegen die Militärdiktatur; der 8. April 1977 ist der letzte Tag, den sie mit Sicherheit noch erlebt hat.
Das Buch beginnt mit der Feststellung, dass Gisela nicht wiedergekehrt ist, und mit einer dramatischen Verfolgungsjagd auf ihre Mitkämpfer. Hackl hat das Ohr ganz nahe an den Stimmen der einzelnen Erzählerinnen und Erzähler und rekonstruiert so nicht nur das Leben Giselas und ihrer Familie, sondern rückt die Rechtlosigkeit des einzelnen unter der argentinischen Militärdiktatur beängstigend nahe. Den „Evita“-Verseuchten oder denen, die Lateinamerika aus dem Blick verloren haben, weil das Engagement dafür aus der Mode gekommen ist, wird die Erzählung auch zum notwendigen Nachhilfeunterricht, obwohl sie nie in Didaktik erstickt.

Militärdiktatur hautnah
Die Einwände gegen das Buch liegen anderswo. Da ist zum einen der kitschverdächtige Titel, dessen Spur sich leider auch durch das Buch zieht. Außerdem ist das Ineinander von direkter und indirekter Rede gelegentlich missglückt: Das „würde er sagen“, das die Erzählung des Schwagers von Gisela refrainartig durchzieht, verleiht ihr gerade nicht mehr Authentizität, sondern ist nervig redundant. Und die Makellosigkeit der Familie Tenenbaum – Giselas Eltern sind persönlich, politisch und beruflich so vorbildlich, dass man davon fast erdrückt wird – weckt den Verdacht der Romantisierung. Außerdem ist ihre österreichische „Vorgeschichte“ erstaunlich blass und fast klischeehaft geraten.

Herdentrieb ins Einzelglück
Für das Buch spricht, dass Gisela nicht zur makellosen Heldin hochstilisiert wird und nicht alle Fragen eine Antwort finden. Wie wurde ihr der Griff zur Waffe selbstverständlich? Warum hat sie den Kampf nicht beendet, als er aussichtslos und sie für keine Mitkämpfer mehr verantwortlich war? Gisela hätte die Möglichkeit gehabt, auszusteigen und mit falschem Pass nach Wien zu kommen.
Was das Buch vor allem sympathisch macht, ist die durchgängig spürbare „Opposition gegen den Individualismus, … den politischen und den andern, den Herdentrieb ins Einzelglück“. In Zeiten, wo es literarischer Schabernack und glatter Bildungsprunk so leicht auf Bestenlisten schaffen, ist das eine wichtige Gegenstimme.


ALS OB EIN ENGEL
Erzählung nach dem Leben
Von Erich Hackl. Diogenes Verlag,
Zürich 2007. 170 S., geb., € 18,40
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  11:55:01 05.14.2005