ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Autolyse Wien - 45/2017

Herunterladen
„Ein Angebot zu machen: Schaut hin!“

Geschichten an der Wäscheleine, Überleben trotz Verwüstung und eine dringend 
nötige Reform des Bildungssystems: Schriftstellerin Karin Peschka im Gespräch.

| Das Gespräch führte Brigitte Schwens-Harrant

In ihrem Erzählband „Autolyse Wien“ zeichnet Karin Peschka ein zerstörtes Wien. Menschen wurden von einer nicht näher benannten Katastrophe aus Alltag, Träumen und Plänen gerissen und versuchen in dieser Verwüstung zu überleben.

DIE FURCHE: Autolyse, das ist die Selbstauflösung abgestorbener Zellen mittels Enzyme. Wie kommen Sie zu diesem Titel?
Karin Peschka: Der Titel war ganz am Anfang da. Ich habe eine Dokumentation gesehen oder gehört. Es ging um diesen Prozess der Auflösung, wenn ein Organismus stirbt. Ich fand das spannend und das Wort sehr schön und da ist’s gleich losgegangen im Kopf. „Autolyse“ war als erstes da und „Autolyse Wien“ dann recht schnell. Dann ging’s zu den Wäscheleinen, wo ich die Geschichten aufhänge …
DIE FURCHE: Sie hängen Ihre Geschichten auf Wäscheleinen?
Peschka: Ja, nein, ich habe so Post-it-Phasen. Es gibt Kurse, in denen man lernt: Wenn man einen Roman schreibt, soll man für jede Figur eine Biografie verfassen. Es ist gut, wenn das jemand kann, ich kann es anscheinend nicht. Ich bin nicht diszipliniert genug. Ich nehme es mir jedes Mal vor, aber fange dann meist an zu schreiben, recherchiere gleichzeitig und irgendwann kommt die Phase, in der ich den Überblick verloren habe. Bei „FanniPold“ habe ich mir dann ein großes Stück Packpapier an den Kasten geklebt und mit verschiedenfarbigen Post-its habe ich mir die Personen, die Stationen, die Orte aufgeklebt. Ich bin davorgestanden und habe gesehen: da ist was offen, diese Fäden muss ich noch verknüpfen.
DIE FURCHE: In Ihren Werken fällt der sehr reduzierte Stil auf. Da kommt Ihnen die kurze Form der Erzählung, die Sie dieses Mal gewählt haben, sicher entgegen?
Peschka: Ja, ich mag diese Kürzest- und Kurzform, weil man sehr präzise sein muss. Ich fange an und schreibe, wenn möglich, in einem Guss einfach durch, um später in Ruhe am Text zu meißeln. Da darf nichts zuviel sein und nichts zu wenig. Dass jede Geschichte dasselbe Setting hat, alle in einem zerstörten Wien spielen, das fand ich spannend auszuprobieren. Ein Thema von verschiedenen Seiten anzugehen und zu sehen, ob sich daraus Verknüpfungen ergeben.
DIE FURCHE: Auf dem Cover des Buches steht „Erzählungen“. Ich las unlängst in einer Rezension, das Buch wäre ein Roman.
Peschka: Wer möchte, kann es auch so sehen. Das ist mir egal.
DIE FURCHE: Sie haben einmal gesagt, die Teile wären wie ein Bausatz. Was meinen Sie damit?
Peschka: Im Prinzip steht dahinter, dass jeder die Freiheit hat, etwas so zu interpretieren, wie er möchte. Und dazu ist das der Bausatz. Man baut sich aus dem, was man liest, gesehen und erlebt hat und wie man funktioniert, eine eigene Welt zusammen. Auch dieses Buch wird ganz verschieden aufgenommen: Es gibt Leute, die können das am Abend vor dem Bettgehen lesen, und ich kenne welche, die das nur stückweise lesen, sonst wird es ihnen zuviel.
DIE FURCHE: Zuviel, weil zu düster? Aufgrund der Atmosphäre?
Peschka: Ja, die einen sehen da viel Ironie und die anderen sehen nur das Düstere. Das ist wie bei meinem Debütroman „Watschenmann“. Für mich ist das ein Buch über die Liebe und über das Füreinandereinstehen und Zueinanderstehen und für andere ist die Aggression, die darin auch vorkommt, fast nicht zu ertragen. Auch das habe ich von Leserinnen und Lesern gehört. Das finde ich spannend: Bei jedem schwingt etwas anderes mit.
DIE FURCHE: In „Autolyse Wien“ ist nicht alles kaputt, im Gegenteil scheint für manche die Auflösung der Stadt sogar heilsam zu sein: für jene, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten, die dann aber um ihr Leben rennen, für das Kindl, das nun unter Hunden lebt, und sich da, so scheint es, besser entwickeln kann als zuvor unter den eigenen Eltern. Da und dort las ich allerdings den Vorwurf, ein kaputtes Wien klänge gar so düster. Finden Sie sich da verstanden?
Peschka: Mir geht’s ja nicht darum, verstanden zu werden. Ich versuche eher, mir selber etwas zu erklären beim Schreiben oder meine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Fragestellung zu fokussieren. Klingt das egoistisch? Von der Grundeinstellung her bin ich recht fatalistisch, ein überbordend optimistischer Typ bin ich sicher nicht. Aber es geht mir nicht darum, anderen Menschen die Welt zu erklären.
DIE FURCHE: Aber Ihre Intention ist nicht, Pessimismus zu verbreiten?
Peschka: Nein, gar nicht. Eher schon, den Blick zu schärfen. Ein Angebot zu machen: Schaut hin! Was ich schwer ertrage, ist kitschige Wohlfühlliteratur. Ich ver-stehe sie als Form des Eskapismus, als notwendige Form sich einmal wegzubeamen. Ich mache das ja auch ab und zu, dass ich mir etwas reinziehe, was mich nicht belastet. Aber ich glaube, wir sollten uns nicht soviel wegbeamen, sondern mehr hinschauen.
DIE FURCHE: Wohin schauen Sie in Ihren Texten?
Peschka: Zum Beispiel auf die Art und Weise, wie wir hier leben, und auf diese angebliche Sicherheit, in der wir uns wähnen. Ich habe Kontakt mit Menschen, die aus Gegenden kommen, die zerstört sind. Der Hinweis auf zertrümmerte Städte wie Mossul oder Aleppo ist aber gar nicht nötig. Ich muss keine Parallelen ziehen. Vielleicht will ich einfach sagen: So wie wir leben, das ist leider nicht der Standard. Und fragen: Wie würden wir uns verhalten, wie würde ich mich verhalten, wenn alles schrittweise oder plötzlich zusammenbricht: wenn der Kühlschrank nicht mehr voll ist oder das Licht nicht mehr angeht oder beim Duschen das Wasser kalt bleibt. Wie ist es, wenn wir das Wasser nicht mehr trinken können, das aus der Leitung kommt, wenn alles, was wir für selbstverständlich erachten, wegfällt: Wie verhalten wir uns dann?
DIE FURCHE: In Ihren Erzählungen werden Menschen gezeigt, die sich unterschiedlich verhalten. Zusammenschluss gibt’s aber keinen …
Peschka: Einerseits wollte ich ja kein Aufbruchsbuch schreiben. Wenn ein Unglück gerade erst passiert ist, muss man sich sammeln und orientieren. Da geht man nicht sofort hinaus und sagt: „So, jetzt hau’n wir uns auf ein Packl“ und richten die Stadt wieder her. Mich ärgert es, wenn man verlangt, die Leute sollen zurück gehen und ihre Städte wieder aufbauen. Wenn mir jemand Wien zerschießt und ich kann nichts dafür, dann bin ich weg, dann baue ich gar nichts mehr auf. Und das sage ich, obwohl ich Wien liebe, ich lebe unglaublich gern in dieser Stadt. Und, um auf die Frage zurückzukommen: Wenn ich nur mehr drei Flaschen Wasser habe: Teile ich dann? Mache ich das? Ich glaube, die Leute sind in meinem Buch so vorsichtig, weil sie Angst haben zu sterben. Ganz einfach. Helden gibt’s im Kino. In der akuten Not ist einem – zumindest zuerst – die eigene Haut wahrscheinlich näher, das eigene Kind wichtiger als ein fremdes. Ich weiß es nicht. Im besten Fall bleibt das eine hypothetische Frage.
DIE FURCHE: Durch Ihre Arbeit als Sozialarbeiterin haben Sie viele Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen kennengelernt. Ich vermute, da fließen auch einige Erfahrungen und Geschichten in Ihre Literatur ein?
Peschka: Ja, ich habe zwei Jahre in einer Außenstelle der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Traun gearbeitet, in einem interdisziplinären Team mit Ärzten und Therapeuten. Ich habe mir von Menschen, die Alkohol- oder Medikamentenprobleme hatten, deren Lebensgeschichten erzählen lassen. Ich habe viele derartige Gespräche geführt und sie für den internen Gebrauch verschriftlicht, für die Arbeit mit diesen Menschen. Das gab in Summe schon sehr viele Geschichten. Auch das Wirtshaus meiner Eltern war voller Geschichten. Ich war immer neugierig, mich interessieren Menschen sehr. In Eferding war ich dann in der Jugendwohlfahrt als Sprengel-Sozialarbeiterin für drei Gemeinden zuständig, da lernt man auch einiges kennen. Und nach zehn Jahren beim ORF, wo man auch viel erlebt, war ich wieder als Sozialarbeiterin tätig. Ich habe zwei Jahre lang mit Burschen in einer AMS-gestützten Ausbildung zur Maurerlehre gearbeitet. Es waren alle möglichen Nationen dabei, viele vom Balkan, von Nordafrika, aus Tschetschenien. Diese Arbeit mit den Burschen, die aus schwierigen Verhältnissen gekommen sind, die Schule noch nicht abgeschlossen hatten, viele hatten auch Bewährungshelfer, war unglaublich, hat mir das Herz geöffnet. Das waren die freundlichsten Menschen überhaupt. Wenn ich an sie denke, muss ich heute noch lächeln, die waren aufrichtig in einem Ausmaß, das mich fasziniert hat. Viele hätten mit der richtigen Ausbildung, mit der richtigen Förderung alles werden können. Alles.
DIE FURCHE: Wo müssten Gesellschaft und Politik dringend anpacken?
Peschka: Es bräuchte dringend eine Reform des Bildungssystems. Was kann ein Mensch dafür, wohin er geboren wird? Ich habe Glück gehabt-, ich hätte auch diejenige sein können, die an der U-Bahn-Station am Boden hockt und um Geld betteln muss. Das ist alles Zufall. Es wäre wichtig, zum Beispiel die Kindergärten anders auszustatten und die Kindergartenpädagogik aufzuwerten. In anderen Ländern haben sie auch erkannt, wie schnell Kinder lernen, unabhängig davon, aus wie vielen und welchen Ländern die Kinder in der Gruppe sind. Das ist nicht so das Drama. Wenn es eine gute Betreuung gibt und die kleinen, noch offenen Menschen mit Freude in die Schule gehen und Bildung aufsaugen können, dann brauchen wir auch nicht über Religionen zu reden. Die Menschen suchen sich schon ihren Weg, wenn sie wissen, was alles möglich ist. Aber wenn ich sie ausschließe, radikalisieren sie sich, egal in welcher Richtung. Also: Mehr Geld in die Frühpädagogik, bessere Ausstattung der Schulen, Aufwertung des Lehrpersonals.


Autolyse Wien
Erzählungen vom Ende.
Von Karin Peschka

Otto Müller 2017,
180 S., geb.,
€ 19,–
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  01:29:54 07.14.2005