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Bevor die Welt unterging - 45/2017

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Aufbruch, nicht nur privat

Kirstin Beitenfellner erzählt von einer Jugendlichen und denmenschengemachten Problemen der 1980er-Jahre, die sich auf geradezu frappierende Weise in unserer Gegenwart spiegeln.

| Von Erika Wimmer Mazohl

Die Geschichte wiederholt sich nicht nur in großen Zeitschleifen, manches, was wir abgehakt glaubten, kehrt rasch und in verdichteter Form zurück. Die Zeitdiagnose, die Kirstin Breitenfellner in ihrem Roman „Bevor die Welt unterging“ vorlegt, lässt sich in Begriffen wie atomare Bedrohung, Kriegstreiberei und Umweltkatastrophen zusammenfassen. Es sind die menschengemachten Probleme der 1980er-Jahre, die sich auf geradezu frappierende Weise in unserer Gegenwart spiegeln, und mit ihnen die damalige Endzeitstimmung, die auch heute umgeht.
In einem „Vorspiel“ (Prolog) fächert die Erzählerin die politisch-gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 1979 auf, sie wird eine kommentierende und die nächste Zukunft vorwegnehmende Erzählinstanz bleiben. Von hier aus lässt sie ihre jugendliche Protagonistin, Judith, behütet aufwachsend in einer deutschen Kleinstadt, gemeinsam mit ihrer Clique die 1980er-Jahre durchschreiten und trotz allem ein unbeschwertes Jahrzehnt mit ersten Liebschaften und sexuellen Kontakten, Ausflügen und Partys, Streitereien mit den Eltern und Eifersüchteleien unter Freundinnen erfahren.
Während die Welt unterzugehen scheint, bleibt das Leben vordergründig normal und auch etwas banal. Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 endet das Buch: Judith, deren Hang zum Grübeln und Hinterfragen sie manchmal verzweifeln lässt, weiß mit einem Mal, dass sie erstens erwachsen ist und zweitens eine Zukunft hat. Ihre innere Aufbruchsstimmung geht mit dem gesellschaftlichen Aufbruch in Deutschland – der „Wende“ – konform.

Sehr reflektierte Schülerin

Kirstin Breitenfellner lässt gekonnt Politisches und Privates ineinander greifen, sie lotet die Bedingtheiten der damals jungen Generation aus, ohne ihren Figuren die persönliche Entscheidungsfreiheit zu versagen und damit auch die Kraft, die Leser mit unerwarteten Handlungswenden zu überraschen. Befremdend ist allerdings immer wieder die vorgeschobene Vernunft der zentralen Figur Judith. Sie wird als reflektierte Schülerin gezeichnet, die ihren „Geist bilden“ will, „um ein großer Kopf zu werden“ – soweit, so gut. Dass das Mädchen allerdings in ihrem Tagebuch festhält, mit welchem Abstimmungsergebnis Helmut Kohl bei der Bundestagswahl 1982 Kanzler wurde, ist dann doch nicht glaubwürdig. Beispiele wie dieses erwecken den Eindruck, die Autorin benutze die Figur dazu, ihre recherchierten Inhalte zu transportieren. Schön sind andererseits informative Geschichten, die der kommentierenden Erzählperson zugeschrieben werden, etwa das Schicksal der Hannelore Kohl – eine Geschichte, die übrigens nicht nur informiert, sondern auch unter die Haut geht.
„Bevor die Welt unterging“ ist ein kenntnisreiches Buch, verfasst in einer klaren und punktuell auch poetischen Sprache. Ein Buch, das uns als Leserinnen und Leser im Hinblick auf das gegenwärtige Jahrzehnt hoffen lässt und zugleich vor jeder Art von Naivität zu warnen scheint. Bis zum Schluss behält in diesem Buch die Vernunft die Oberhand. Im letzten Kapitel schreibt Judiths Freund Nosso alias Werner der jungen Frau zwei hinreißende Liebesbriefe, sie werden zwar Wort für Wort zitiert, aber nur, um dann mit wenigen Sätzen beiseite gelegt zu werden: Eine Reflexion über Gorbatschow löst das ehrliche Liebesgeständnis ab. Judith hat jetzt anderes vor, sie ist noch nicht bereit für die ganz große Liebe. Das ist wohl realistisch so. Die Gefahr ist nur, dass das Buch, indem es betont realistisch bleibt, am Ende zwar Recht behält, aber kaum zu berühren vermag.


Bevor die Welt unterging
Roman von Kirstin Breitenfellner
Picus 2017 240 S., geb.,
€ 22,–
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