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Licht - 45/2017

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Virtuosität nur in der Blindheit

„Licht“: Barbara Albert hat die Geschichte der blinden Klaviervirtuosin Maria Theresia Paradis verfilmt.
Die Schilderung dieses Wiener Rokoko-Lebens stellt den bislang stärksten Film der Österreicherin dar.


| Von Matthias Greuling


Ein virtuoses Klavierspiel für die Ohren, ein verwirrend rastloser Blick in den Augen; das, was Maria Theresia Paradis (Maria Dragus), die man schlicht Resi nennt, über ihre gelenkigen Finger auf die Klaviertasten überträgt, gilt im Wiener Rokoko des Jahres 1777 als nachgerade genial. Resi genießt den besten Ruf als Musikerin, als Virtuosin, gerade weil sie ein Manko hat: Resi kann nicht sehen. Wenn sie spielt, dann wandern ihre Augen hin und her und verlieren sich in einem scheinbaren Blick gen Himmel. Es macht den Eindruck, als danke sie dem Herrgott für diese Beeinträchtigung, denn sie ermöglicht ihr den absoluten Fokus auf das Gehör und die Musik.

Virtuosität schwindet mit Sehen-Können

Barbara Albert hat in ihrem neuen Film „Licht“ das Schicksal dieser jungen Frau beleuchtet, weil sie von einem Frauenschicksal erzählen will, dass aus der Zeit gefallen scheint, es in Wahrheit aber nicht ist. Resi wird einem Wunderdoktor zugeführt, der Arzt Franz Anton Mesmer (Devid Striesow) arbeitet allerdings nicht mit anerkannten Methoden, sondern meint, auch mit Handauflegen therapieren zu können. Tatsächlich verbessert sich Resis Sehkraft schnell – die skeptischen Wiener Ärzte glauben an einen glatten Betrug und intrigieren gegen Mesmer. Für Resi ist die neu gewonnene Sehkraft zunächst ein Segen, aber bald schon schlägt das Gefühl um in eine schwere Depression: Resi bemerkt nämlich, dass sie mit zunehmender Sehkraft immer weniger virtuos wird am Konzertflügel. Nichts will ihr mehr so leicht und zart von der Hand gehen wie früher, als sie noch blind spielte. Es schleichen sich Fehler ein, das Publikum ist empört, und selbst Resis Bemühungen, mit verbundenen Augen zu spielen, bringt keine Abhilfe. Erst, als sie die Behandlung bei Mesmer abbricht und wieder erblindet, kehrt die Virtuosität in ihr Klavierspiel zurück.
Albert verhandelt in ihrem bisher stärks-ten Film auf mehreren Ebenen, wie gesellschaftlicher Druck die Selbstbestimmung verhindert. Resis Klavierspiel ist nur ein Aspekt ihrer Daseinsberechtigung im damaligen Wien: Durch den Verlust der Sehkraft erhält sie eine Gnadenpension von der Kaiserin. Ihre Eltern schleppen sie als exotisches Wunderexponat von Konzert zu Konzert, wo sie als Blinde durchaus eine Freakshow für die Gäste bietet. Resis Befreiung von dieser Last erfolgt in dem Moment, in dem sie wieder sehen kann, aber es ist eine vermeintliche Befreiung; denn mit dem Gewinn der Sehkraft kommt der Verlust der Gnadenpension und das Verschwinden ihrer Sonderstellung als „Freak“. Sie verliert also ihre Existenzgrundlage. Regisseurin Albert arbeitet dies in wunderbar genauen Bildern (Kamera: Christine A. Maier) heraus.

Die Besonderheit der Behinderung

Sie fabriziert in den Twists ihrer Geschichte vor allem das Abbild einer Frau, deren Besonderheit eine Behinderung ist, die sie zu einem außergewöhnlichen Menschen macht. Hätte sie diese Behinderung nicht, wäre sie zum Mittelmaß verurteilt – ein ziemlich gewöhnliches, für Frauen nicht unbedingt angenehmes Leben führen zu müssen. Die Blindheit ist Resis Schutzmantel, sie ist, so absurd das klingt, ihr Freifahrtschein, die große, weite Welt zu sehen.
Albert will kein moralisches Urteil über Resi und die Gesellschaft fällen, und doch reicht ein kleiner Fingerzeig ins Heute, in eine Welt, die sich formal vielleicht von der damaligen unterscheiden mag, die inhaltlich aber an denselben Phänomenen krankt: Die noch immer männerdominierte Welt weist auch heute noch auffällig starke Ungleichheiten auf, der moderne Mensch ist nach wie vor nicht in der Lage, sich respektvoll, uneitel, neidlos und unprätentiös in eine Gemeinschaft einzufügen.


Licht
A/D 2017. Regie: Barbara Albert.
Mit Maria Dragus, Devid Striesow,
Lukas Miko, Susanne Wuest.
Filmladen. 97 Min.
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