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Ein Lied für Dulce - 25/2017

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Musik gegen Gewehre

Sylvain Prudhommes „Ein Lied für Dulce“ erzählt vom postkolonialen Guinea-Bissau.

Von Veronika Schuchter


Guinea-Bissau, kleiner als die Schweiz, weniger Einwohner als Wien: Für die meisten ist der Kleinstaat an der afrikanischen Westküste nur ein Land, das man, wenn überhaupt, nur flüchtig aus den Nachrichten kennt, ein weiteres Land, zerstört vom europäischen Kolonialismus, geprägt von Armut, Gewalt und Korruption. Sylvain Prudhommes „Ein Lied für Dulce“ ändert das auf die bestmögliche Weise. Sein von Claudia Kalscheuer aus dem Französischen übersetzter Roman zeichnet das Porträt der ehemaligen portugiesischen Kolonie ohne Weichzeichner, aber mit Enthusiasmus.
„Ein Lied für Dulce“ erzählt von Couto, dem in die Jahre gekommenen Gitarristen der einst berühmten Band „Super Mama Djombo“. Während das ganze Land kurz vor der Wahl auf einen Putsch der Militärs wartet, erfährt Couto vom Tod seiner ehemaligen Geliebten Dulce, einst Sängerin der Gruppe, bis sie Osvaldo Chico Gomes heiratete, der vom Widerstandskämpfer im Unabhängigkeitskrieg zum brutalen Oberbefehlshaber des Regimes avancierte. Die Nachricht von Dulces Tod weckt Erinnerungen in Couto, an die Glanzzeiten der Band, seine Liebe zu Dulce, den Kampf im Krieg gegen die Kolonialmacht Portugal. Zusammen mit seinen alten Bandkollegen beschließt er, dem Putsch zu trotzen und ein Erinnerungskonzert für Dulce zu spielen. Ihre Musik vermischt sich mit dem Lärm der Gewehrschüsse des beginnenden Putsches. Und schließlich wagt er sich sogar ins Haus des politischen Feindes und Liebesrivalen vor, um einmal noch seine große Liebe zu sehen.

Spirale der Repression

Prudhommes Roman schwankt zwischen sinnlicher Zuneigung und Kapitulation vor der nicht zu durchbrechenden Spirale der Repression. Die kolonialistisch vorgeprägten Strukturen der Gewalt ziehen noch immer ihre Spuren, auch wenn mittlerweile andere an den Hebeln der Macht sitzen. Der europäische Unterdrücker wurde vom Militär abgelöst, die Revolution frisst ihre Kinder.
Trotz aller Desillusionierung über den politischen Zustand ist Couto voller Liebe und Stolz für sein Land: „Warum zählten die Wirtschaftswissenschaftler der ganzen Welt das nicht zu ihren verdammten Wohlstandsindikatoren. Warum ging das nicht mit in ihre Wertungen ein, die das Glück der einen und der anderen bemessen sollten, oder besser noch, die menschliche Entwicklung, denn ihre Arroganz machte vor diesen Worten nicht halt. Die Eleganz der Männer und Frauen. Die Pracht der Frisuren. Der Reichtum der Düfte. Das Verlangen, das sich bei jedem Spaziergang durch die Stadt neu entzündete und alle immer wieder ins Leben zurückrief.“
Bei seiner Reise nach Lissabon ist Couto von Europa beeindruckt und enttäuscht gleichermaßen: „die Aufmachung der Leute. Ihre schlecht geschnittenen Kleider, aus trostlosen Stoffen am laufenden Meter für andere Körper als die ihren produziert. Ihr gebeugter Gang in weiten Mänteln, die ihre Figur verbargen. Waren das die Europäer, diese müden, erloschenen Menschen?“
Prudhomme erzählt atmosphärisch, in einer musikalischen, zugleich mündlich geprägten Sprache, in die er immer wieder kreolische Elemente einfließen lässt. „Kuma. Diese großartig elliptische Art des Kreols, sich nach jemandes Befinden zu erkundigen. Nicht: Wie geht es dir. Einfach nur: Kuma, gerade mal das erste Wort der Frage. Wie?“
Prudhomme versucht nicht das Fremde abzuschleifen und dem europäischen Blick gefällig zu machen, wie es häufig passiert, wenn Schriftsteller über – da ist es jetzt doch, das unbedingt zu vermeidende Wort – „exotische“ Länder schreiben. Das mag mit seiner Herkunft zu tun haben. Prudhomme, 1979 geboren, verbrachte seine Kindheit in verschiedenen afrikanischen Ländern und kehrte nach seinem Studium in Paris nach Afrika zurück. In „Ein Lied für Dulce“ verwebt er geschickt reale Ereignisse und Personen mit fiktiven, eine nicht ungefährliche narrative Technik, vor allem, wenn sie sich mit ikonischen historischen Figuren befasst. So existiert die Band Super Mama Djombo tatsächlich und, wie Prudhomme im Nachwort preisgibt, auch die meisten Personen sind nicht erfunden.

Subversive Kraft der Musik

Trotzdem handelt es sich nicht um dokumentarische Literatur im herkömmlichen Sinn, weshalb es für den Leser bald irrelevant wird, welche Figur aus Prudhommes Feder stammt und welche ein reales Vorbild hat, geht es dem Autor doch weder darum, ein akkurates historisches Bild zu zeichnen, noch will er einen psychologischen Roman schreiben. Was er beschreibt ist ein Lebensgefühl, das sich aus dem Genuss, dem Schmerz, der Freude von Momenten speist und davon, diese mit anderen zu teilen.
Die Band, wiewohl sie ein reales Vorbild hat, dient als Symbol für die subversive Kraft der Musik. Mama Djombo ist der Name eines animistisch geprägten Geistes, zu dem viele Widerstandskämpfer sich Schutz im Krieg erhofften. Die Gruppe entstand in den 1960ern, erlebte ihre Blütezeit jedoch nach Ausrufung der Unabhängigkeit 1974 unter Adriano Atchutchi, der sie weiter politisierte und auch als Figur im Roman auftaucht.
Für Couto sind es nicht die austauschbaren, sich gegenseitig die Klinke aus der Hand reißenden Mächtigen, die ein Land ausmachen, es sind die Menschen auf der Straße, die Art, wie sie gehen, wie sie sprechen, wie sie lieben und musizieren. Dass diese Botschaft aus der Perspektive des Außenstehenden nicht paternalistisch und die politischen Verhältnisse verklärend wirkt, wie es häufig in postkolonialer Literatur passiert, ist eine literarische Leistung, für die der Autor in Frankreich mehrfach preisgekrönt wurde. Umso erfreulicher, dass der Roman nun auch auf Deutsch vorliegt.

Ein Lied für Dulce
Roman von Sylvain Prudhomme
Übersetzt von Claudia Kalscheuer
Unionsverlag 2017
224 S., geb., € 20,60
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