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Stumme Wiesen - 45/2017

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Wer kann, Flieht – und kommt nicht wieder

Tibor Noé Kiss’ Blick in eine ungarische Siedlung ist alles andere als gemütlich.


Von Brigitte Schwens-Harrant

Diese Siedlung sucht niemand freiwillig auf. „Ein sich in die Siedlung verirrender Fremder hätte das Wehen des Windes, das Grunzen der Schweine und die Bruchstücke romantischer Symphonien gehört. Aber in die Siedlung verirrte sich nie auch nur ein einziger Fremder. Es gab bloß zwei Arten, hierher zu gelangen. Man wurde gebracht oder geschickt.“
Der Ort, den die 1976 geborene ungarische Autorin Tibor Noé Kiss in ihrer Prosa „Stumme Wiesen“ entwirft, lässt an Trostlosigkeit nicht viel zu wünschen übrig. Einst für die Angestellten der landwirtschaftlichen Genossenschaft erbaut, wirkt die Häuserreihe nun ebenso übriggeblieben und vom Rest der Welt abgeschnitten und vergessen wie auch die Männer, die dort leben. Sie beobachten einander, sie kennen einander, sie spannen einander die Frauen aus, sie warten misstrauisch, dass ihnen etwas passiert, sie hassen einander. Was sie teilen, ist das Unglück.

Einzelne Schicksale

Langsam umkreist die Autorin die unterschiedlichen Protagonisten, einen nach dem anderen, kommt ihnen Schritt für Schritt näher. Sie zeigt sie in ihrem Schicksal und Elend, erzählt Verlust und Verrat, Arbeitslosigkeit und Alkohol – und deren Folge, die Gewalt.
Die wenigen Projekte, Aufbruchsversuche und Visionen versinken im wortwörtlichem Schlamm, wie auch jenes Schwimmbecken, das den Anrainern Vergnügen bereiten sollte, in dem sich dann allerdings alle Kinder der Siedlung infizieren.
Da ist Laci Pék, dessen Mutter verschwand, als er Kind war, und dessen Vater später eines Nachts an einem Eisenschrank festfror. Laci wollte nicht ins Waisenhaus und versteckte sich im Dorf. Da ist Feri Gulyás, der sich über seine Nachbarn ärgert und die Worte seiner Frau nicht vergisst. Diese hat ihm einen Abschiedsbrief hinterlassen mit dem knappen Fazit: „Keine Familie, keine Arbeit, kein Geld, nur dieser Sumpf.“ Da ist Pista Tatár, der seine alte Mutter ermordet und verbrennt, da ist der Witwer Bandi Sokola, der seine Kinder alleine aufziehen muss. Da ist die Anstalt, die früher ein Altersheim war, und deren Patienten wenig Kontakt zu den Bewohnern der Siedlung haben und gerne alles gegen Alkohol tauschen. „Für einen Liter Wein gaben sie egal wem ihre Hose, für Schnürstiefel bekamen sie noch mehr.“ Und da ist Szandra, die nachts durch die Siedlung und durch das Wäldchen huscht.

So viel Unheil

Trostloser geht es kaum. Selbst der Regen, der auf die Dächer der leeren Hallen prasselt, klingt hier nicht nach lebenspendender Natur, sondern wie Maschinengewehrknattern. Da ist so viel Unheil, dass man sich fragt, welche Welt dieses eigentlich hervorbringt, welchem System die Menschen ihr Schicksal eigentlich verdanken. Die gesellschaftliche Wirklichkeit außerhalb dieser Siedlung bleibt seltsam ausgespart, wird kaum explizit genannt, als wäre der Ort tatsächlich von aller Welt vergessen. Und doch wirkt sie unheimlich und prägender auf den Ort ein, als man zunächst meinen könnte. Etwa als neue Ökonomie, wenn es heißt, Antal Pongrácz habe die Siedlung gekauft „und sofort alle Pappeln fällen lassen“. „Für einen Apfel und ein Ei hatte er alles aufgekauft, den Großteil verkaufte er sofort weiter, so wie die Pappeln. Und dann alles andere, die Maschinen, die Tiere. Den Boden behielt er, aber dort wuchs nur Unkraut, Gestrüpp. Verödung, Vernichtung und Leere sind die Folge dieses Ausverkaufs. „Was ist das für eine Welt, in der jemand einfach so unsere Pappeln verkauft“?, fragt sich Feri Gulyás. Von der eins-tigen Allee bleibt „in Plastiktüten gesammelter, mit Staub und Mist vermengter Abfall“.
Das einstige Kollektiv hat sich in lauter vereinzelte Tragödien zersplittert, die einander belauern oder bekämpfen anstatt zu helfen. Politik, die den einzelnen unter die Arme greift? Keine in Sicht.
Tibor Noé Kiss, studierte Soziologin und ausgebildete Journalistin, die unter anderem als Fußballtrainerin für Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien tätig war, verdichtet die Atmosphäre von Zeile zu Zeile. Dabei sind die von Eva Zador übersetzten Sätze einfach gebaut, sie kommen harmlos daher, geradezu unauffällig. Doch je weiter man liest, desto mehr nimmt der Eindruck zu, als würde die Autorin mit ihren schlichten Sätzen Schlingen legen um das Leben der hier Erzählten. Die Ausweglosigkeit wird immer deutlicher. Umsonst hofft man auf Hoffnung.
Auf der Strecke bleiben in diesem Sumpf der verzweifelten Männer vor allem die Frauen. Sie sind wieder einmal Objekte: der Begierde ebenso wie der Gewalt. Sie werden geschlagen, eingesperrt, missbraucht, ja sogar getötet. Wer kann, flieht – und kommt nicht wieder.

Stumme Wiesen
Von Tibor Noé Kiss
Nischen Verlag 2017
Aus dem Ungarischen von Eva Zador
177 S., geb., € 19,–
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