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Aus hartem Holz - 01/2018

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Raubbau im ökologischen Netzwerk Natur

In ihrem umfangreichen Roman „Aus hartem Holz“ erzählt Annie Proulx die Geschichte zweier Clans, eingebettet in die aktuellen Themen Raubbau und Nachhaltigkeit, und macht die nordamerikanischen Urwälder zum globalen Mahnmal der gefährdeten Erde.

| Von Martin Zähringer

Die amerikanische Schriftstellerin Annie Proulx, geboren 1935 in Connecticut, hat im Alter von 53 Jahren ihre erste Sammlung von Short Stories veröffentlicht. Für ihren ersten Roman „Postcards“ von 1992 („Postkarten“) erhielt sie den PEN/Faulkner Award, für den Roman „The Shipping News“ von 1993 („Schiffsmeldungen“) den Pulitzer Preis und den National Book Award. Im einem Alter über Achtzig reüssiert sie jetzt mit dem fast 900 Seiten starken Roman „Barkskins“, auf Deutsch „Aus hartem Holz“. Der erzählte Zeitraum zieht sich von 1693 bis 2013, Hauptschauplatz sind die nordamerikanischen Urwälder, aber Themen und Fragestellungen werden in einem globalisierten Kontext des Nature Writing entwickelt, also jenem lyrischen und erzählenden, auch wissenschaftlichen, journalistischen und künstlerischen Diskurs über Mensch und Natur, der sich seit dem 17. Jahrhundert in Nord-amerika etabliert hat.
Charles Duquet aus den Pariser Elendsvierteln und René Sel, der in der französischen Provinz als Holzarbeiter tätig war, wandern in die Kolonien aus. Die jungen Männer kommen als sogenannte engagés nach Nordamerika, wo sich zwischen den Großen Seen und der Halbinsel -Akadien am Nordatlantik ein urwüchsiges Waldgebiet erstreckt, die französische Kolonie Neufrank-reich. Hier – im heutigen Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada – müssen Charles und René bei ihrem Dienstherrn Trépagny die Überfahrt abdienen, sie müssen sich freiarbeiten, um ein eigenes Stück Land zu bekommen. Es gibt reichlich davon, aber es braucht die Axt dazu: „René spürte die Kraft in dieser Axt, ihren gierigen Hunger, alles zu durchbeißen, was ihr im Weg war, dass der Saft spritzte und weiße Späne wie Porzellansplitter davonstoben. Mit einem spitzen Stein markierte er den Stiel mit einem R, seinem Initial. In dem Maß, in dem er Bäume fällte, wich die Wildnis der Welt zurück, und das gewaltige unsichtbare Netz der Fibern, die das Leben der Menschen mit den Tieren verbanden, die Bäume mit Fleisch und die Knochen mit dem Gras, zitterte jedes Mal, wenn ein Baum fiel, und eine nach der anderen rissen die Fibern des Netzes.“ Die Axt im Walde zerstört die Fibern eines verbindenden Netzes, metaphorische Hinweise dieser Art bilden eine Art ästhetischen Kompass im weitläufigen Panorama dieses Romans. Das große Thema ist der Raubbau in den Urwäldern Nordamerikas, ausgeführt am Beispiel zweier Familien, die auf je eigene Weise daran teilhaben.

Die Axt im Netzwerk der Natur

René ist durchaus ein Held der Arbeit und Bezwinger des Urwalds, bedeutsam wird er jedoch als Gründungsfigur einer besonderen Waldgesellschaft: Seine Kinder stammen aus der Verbindung mit der Mi’kmaq-Indianerin Mari. Mari ist eine starke Frau, sie besitzt noch das alte Wissen vom Leben in den Wäldern, von der rechten Art des Aalfangs, dem Heilen mit Pflanzen, dem Flechten von Körben, dem kundigen Deuten der Wettererscheinungen. Man könnte in einem Roman des Nature Writing durchaus erwarten, dass die Mi’kmaq-Frau Mari eine wegweisende Symbolfigur des ökozentrischen Weltbildes darstellt, dessen Grundsatz lautet: Alles ist mit Allem verbunden. Aber die tragenden Schicksale sind in Annie Proulx’ Roman Maris Kinder aus der Verbindung mit René. Von Anfang an in den Lebensplan ihrer Väter eingebunden, geraten sie von Generation zu Generation tiefer in die zivilisatorischen Schlinge des weißen Mannes. Sie finden meist nur als Holzfäller und Flößer Arbeit und sägen dabei stetig an ihrem eigenen Ast. Denn je mehr Holz erwirtschaftet wird, umso mehr Siedler bauen Häuser und Zäune, je mehr Wald fällt, umso mehr Ackerland steht zur Verfügung.
Der Lebensraum Wald wird knapp, auch wenn er noch so schön ist: „Nach einer regnerischen Nacht erwachten sie in einer Welt aus glitzernden Spinnennetzen. Schwerer Nebel dämpfte Schritte und Geräusche, wenn man sich durch das Gebüsch bewegte. Es war ein guter Morgen für die Jagd, und es folgten viele weitere gute Morgen. Kuntaw merkte, dass Achille körperlich stark war, aber auch stark in seinem Verständnis der unsichtbaren Kräfte, die alles zu einer Einheit verbanden – Tiere, Geister, Menschen, Fische, Bäume, Meer, Winter, Wolken.“
Das wäre das Leben im Geist der indianischen Philosophie, aber die „Einheit der Dinge“ ist zersplittert. Selten treten ursprüngliche Waldbewohner auf den Plan, die Pawnees, die Crew, die Penobscots und selbst die Mi’kmaq sind auf dem Rückzug. Das Epos von der kosmischen Einheit ist zerlegt in weit über den Roman verstreute Fragmente, in bruchstückhafte Erinnerungen einer holzfällenden Gesellschaft, die eine fatale Rolle im neuen, ökonomischen Kreislauf spielt und ihren unsicheren Platz zwischen den Kulturen eingenommen hat.
Im Winter gehen die jungen Männer in die Holzfällerlager, sind stolz auf das gefährliche Leben und auf irrsinnige Akkordleis-tungen und kommen nicht immer dazu, mit dem Lohn der Arbeit zum Weiterkommen ihrer Gemeinschaft beizutragen. Ihre Frauen geraten in sexuelle Abhängigkeiten und den Sog der schäbigen Handelsposten, Ehen sind zerrüttet, bevor sie richtig anfangen, die Familienbande locker, das soziale Gefüge ist fragil und von den immer zügelloser auftretenden Siedlern erfahren sie auch folgendes: „Bei diesen Begegnungen erfuhren die Sels, dass sie keine Indianer waren, sondern Métis, oder, wie ein englischer Unternehmer abfällig sagte, Mischlinge. In Maine waren ihre weißen Siedlungsnachbarn zuversichtlich davon überzeugt, dass sie von der Erde verschwinden würden.“

Eine sündhafte Geldgier

So empathisch der Roman die Geschichte der indianischen Holzarbeiter schildert, so ironisch erscheint die Kontrasterzählung vom weißen Amerika. Die Holzunternehmer treten hier in ihrer eigenen Saga auf, in einer Art Parallel-Roman, und auch am Anfang der Unternehmersaga steht eine mythische Gründerfigur, René Sels Zeitgenosse Charles Duquet. Allerdings hat sich Charles Duquet damals als engagé in Neufrankreich nicht lange mit der Axt aufgehalten. Er entlief in die Wälder und lernte dort nach ers-ten fast tödlich verlaufenden Fehlschlägen zügig, seine französischen Kompagnons im Pelzhandel übers Ohr zu hauen. Profit wird zum absoluten Mantra des Charles Duquet, einer Gestalt, die in ihrer Raubtiernatur etwas überzeichnet erscheint. Aber es ist eine begründete literarische Übertreibung, auch René Sel, der mit der Axt in der Hand einen gewaltsamen Tod stirbt, ist als Mythos überzogen. Diese Gründerfiguren stehen gewissermaßen noch roh im ebenso rohen Setting ihrer neuen Umwelt, während ihre Nachfahren als Charaktere tiefer erfasst werden und doch eher sozial als psychologisch gezeichnet sind.
Proulx’ Erzählung fokussiert nicht auf das individuelle Schicksal, sondern erkennt das Individuum immer in Bezug auf das soziale und auf das ökologische Netzwerk. Die-se Relationalität kann man mögen oder nicht, immerhin erzeugt sie eine fesselnde Dramaturgie für das Nature Writing. Konsequenterweise ist demnach die Figur des Charles Duquet ein grotesker Egomane, bei dem alles nur sündhafte Gier ist, wie sein zukünftiger Schwiegervater, ein welterfahrener Großhändler aus Amsterdam, es sieht. Aber er sieht eben auch einen erfolgreichen Händler, der sein Talent mit einem riskanten Pelzhandelscoup in China bewiesen hat und jetzt in den Markt der Zukunft einsteigen will, den Holzhandel in Nord-amerika, denn – so die Spekulation: „Diese Wälder konnten nicht verschwinden. Sie waren gewaltig und ewigwährend.“ Und gewaltig ist hier auch die Ironie; Duquet & Fils werden den Urwald umlegen, Jahrzehnt um Jahrzehnt, ein Raubzug über Jahrhunderte hinweg.
Die Geschichte der beiden Clans wird in zwei locker versetzten Handlungslinien erzählt, auch auf der Ebene der Handlung sind Arbeiter-Erzählung und Kapitalisten-Saga nicht eng verknüpft, und doch erblickt man durch diese gewagte Makrostruktur das ökologische Desaster im ökonomischem Prozess, genau das, was heute der kritische Kontext des Nature Writing erfordert. Nun verhandelt der Roman „Aus hartem Holz“ die Fragen von Raubbau und Nachhaltigkeit nicht rundheraus politisierend oder aufdringlich akademisch. Annie Proulx schreibt menschliche Tragödie mit Elan und Konsequenz in die Naturgeschichte ein, macht die nordamerikanischen Urwälder zum globalen Mahnmal der gefährdeten Erde und legt einen Roman von exemplarischer Bedeutung vor.


Aus hartem Holz
Roman von Annie Proulx
Aus dem Amerik. von Andrea Stumpf und
Melanie Walz
Luchterhand 2017. 889 S.,
geb., € 26,90
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