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Der Trafikant - 03/2018

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„In flackernden Buchstaben“

Nicht Reden oder Handeln macht die Figuren in Robert Seethalers Romanen so politisch,
sondern ihr Prinzip, nicht leichtgläubig zu sein.


| Von Johann Holzner

Wir müssen uns Robert Seethaler als einen furchtlosen Autor vorstellen. In seinen Büchern kommen nämlich in erster Linie Figuren zu Wort, die nicht viel zu sagen haben, die lieber schweigen als reden, oft sogar verstummen, wenn sie einmal reden müssten. Helden sehen anders aus. Seethalers Helden haben schon Schwierigkeiten, Vorformuliertes wiederzugeben; draufgängerisch in Worte zu fassen, was sie bewegt, woran sie leiden, ist ihnen gänzlich fremd. Ist es nicht tollkühn, solche Figuren als Protagonisten zu präsentieren?
Literatur lebt allerdings nicht nur von großen Worten, vielmehr von Szenen. Von Szenen, die sich im besten Fall dem Gedächtnis so einprägen, dass sie unauslöschlich bleiben. Die Schluss-Szene des ers-ten Aktes von Verdis „Otello“ zum Beispiel: Otello und Desdemona, allein auf der Bühne, versichern einander ihre Liebe, aber sie singen nicht gemeinsam, jedenfalls kaum einmal, sondern einander abwechselnd, und sie beschwören dabei die Liebe im Tempus des Erzählens, als wäre sie schon vergangen; sie ist auch vergangen. Derartige Szenen, unvergessliche Szenen, finden sich auch in allen Büchern Robert Seethalers.

Beziehungen gestalten

Im Roman „Ein ganzes Leben“ kämpft der Protagonist Andreas Egger die längste Zeit mit dem Vorsatz, der Liebe seines Lebens gegenüberzutreten und um ihre Hand anzuhalten. Weil es ihm nicht und nicht gelingt, diesen Vorsatz unter vier Augen auszuführen, es fehlen ihm einfach die Worte, müssen die zuverlässigsten Kollegen aus seinem Bau-Trupp nach dem Muster des alten Brauchs der Herz-Jesu-Feuer eines Tages mit Sägespänen gefüllte Leinensäcke auf einen Berg schleppen und alle diese Säcke nach Einbruch der Dunkelheit anzünden. Egger, der mit der Geliebten im Tal geblieben ist, braucht ihr daraufhin nur zu zeigen, was „in flackernden Buchstaben in den Berg geschrieben“ ist, „riesengroß und weithin sichtbar“: FÜR DICH, MARIE.
Ausgebootet wird in Seethalers Romanen vor allem jede Position, die dogmatisch Richtlinien vorschreibt: was sein darf und was nicht, was schön und gut ist und was nicht, was zu tun und zu lassen wäre und was nicht. Im Sog des Begriffs „Viabilität“, den Ernst von Glasersfeld in den Diskurs um das Ende der großen Entwürfe in die Philosophie eingebracht und den Hans Rudi Fischer später für die Familientherapie übernommen hat, könnten diese Romane nicht zuletzt auch gelesen werden als Anregungen, nachzudenken darüber, dass es nicht nur zweidrei, sondern unendlich viele Möglichkeiten gibt, Paarbeziehungen zu leben, sie ganz anders zu gestalten, als das etwa im Vatikan oder auch von Otello und Desdemona vorgezeichnet wird. Paarbeziehungen stehen nämlich in allen Seethaler-Romanen mehr oder weniger im Zentrum, wenngleich nur das erste Buch das schon durch seinen Titel verrät.
„Die Biene und der Kurt“ (2006), der Roman, der mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet werden sollte, vermittelt einen Einblick in das kurze gemeinsame Leben eines 16-jährigen Mädchens, das in einem streng geführten Mädchenwohnheim von Gleichaltrigen immer nur gemobbt worden ist, ehe es endlich ausbrechen kann, und eines in die Jahre gekommenen Rock’n’Roll-Veteranen, der, ähnlich wie seinerzeit Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon, nicht wahrhaben will, dass er ein Versager ist, der allenfalls noch in elenden Dorfwirtshäusern auftreten darf, aber längst schon keine Zukunft mehr vor sich hat. Beide träumen gleichwohl von einer steilen Karriere, während sie mit ihrem Wohnmobil wie mit ihren Showprogrammen von einem Fiasko ins andere stürzen. Ein Happy End bleibt ihnen versagt; aber die Gegenwelt, die sie auf ihrer Tour durch die deutsche Provinz, am Rand einsamer Landstraßen oder hinter hohen Maschendrahtzäunen kennenlernen, erscheint ihnen noch weit trostloser als das eigene Leben; das ist wenigstens so intensiv (am Ende müssen sie einräumen: so intensiv und zauberhaft gewesen) wie nur möglich.

Modernisierungsverlierer

Auch Herbert und Hilde, das Traumpaar des zweiten Romans „Die weiteren Aussichten“ (2008), das sich auf einem dörflichen Schlachtsaufest findet und in seiner Unbeholfenheit ein wenig an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ erinnert, auch dieses Paar zählt zu den sogenannten Modernisierungsverlierern, ebenso wie der Ich-Erzähler in „Jetzt wirds ernst“ (2010) oder auch der Protagonist des Romans „Der Trafikant“ (2012): Seethalers bekanntestes Buch führt zurück in das Jahr 1937, in dem Franz Huchel, der bis dahin im Salzkammergut bei seiner Mutter gelebt hat, sich gezwungen sieht, nach Wien zu übersiedeln und als Lehrling in die Trafik Otto Trsnjeks einzutreten, in der Sigmund Freud seine Virginias kauft und die Neue Freie Presse und für Franz bald so etwas wie ein Vertrauter wird. Franz begegnet schließlich auch einem böhmischen Mädchen, aber so recht glücklich wird er mit Anezka doch nie; denn immer wieder verschwindet sie, und er kommt allmählich dahinter, dass sie in einem zweifelhaften Etablissement einer nicht weniger zweifelhaften Beschäftigung nachgeht. – Die Ereignisse überstürzen sich ohnehin, namentlich im März 1938. Die Trafik wird von Parteigängern der Nationalsozialisten zerstört, Trsnjek verhaftet, Franz dazu verdonnert, das Geschäft zu übernehmen. Er beginnt, einer Anregung Freuds folgend, seine Träume aufzuschreiben und die Zettel mit diesen Notizen an der Auslagenscheibe der Trafik festzumachen; daraus entwickelt sich, erst recht, nachdem er erfährt, dass Trsnjek in den Fängen der Sicherheitspolizei verstorben ist, eine regelrechte Widerstandsaktivität. Franz wird deshalb eines Tages abgeführt, und seine Spur verliert sich, offenbar. Nicht ganz allerdings. Fast sieben Jahre später, im März 1945, taucht Anezka vor der Tabaktrafik auf; und unter der dicken Staubschicht, die das Auslagenfenster überzieht, entdeckt sie die letzte Nachricht des Zettelpoeten, nur mehr wenige Zeilen, der Rest ist längst abgerissen. Die Schluss-Szene gehört der Frau ganz allein: „Anezka atmete tief ein, dann löste sie behutsam das Klebeband, faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in ihre Manteltasche. Noch einmal blickte sie ins Innere der Trafik, doch da war nichts. Sie tippte mit dem Finger sanft gegen die Scheibe und ging.“ Eine Szene, die an das stillste (obwohl rundherum ein Höllenlärm stattfindet) und zugleich schönste Schlusstableau der österreichischen Novellistik umweglos anknüpft, an die letzte Szene der Erzählung „Der arme Spielmann“; Anezka ist offensichtlich eine Verwandte von Grillparzers Barbara.

Immer hinter den Figuren

Die Zeit der Handlung dehnt sich indessen von Roman zu Roman mehr und mehr aus. Im bislang letzten Roman Robert See-thalers umfasst sie (wie schon der Titel sagt) „Ein ganzes Leben“ (2014). Das ist die Geschichte des Andreas Egger, der, genauer weiß das niemand, so um 1898 zur Welt kommt und auf einem Bauernhof eine düs-tere Kindheit erlebt, ehe er in jenem Bergbahn-Arbeitstrupp unterkommt, in dem er zum ersten Mal das Gefühl spürt, aufgenommen zu werden, dazuzugehören. Das Glück, das ihm die Begegnung mit der Liebe seines Lebens, mit Marie beschert, währt dann allerdings nur kurz; man schreibt das Jahr 1935: seine Frau, sein Haus, alles woran sein Herz hängt, wird unter einer Lawine begraben. Was folgt, ist eine „leere Zeit“, Egger wird zunehmend, wie die Leute sagen, eigen, bevor der Tod ihn endlich erlöst. Aber: „Er hatte geliebt.“ Der Erzähler sieht keineswegs nur die Schattenseiten im Leben des Andreas Egger; und im Übrigen hütet er sich, aus einer abgehobenen Sternwarte heraus grobschlächtige Einschätzungen über seine, über jedwede Figuren zu formulieren … als wären sie nicht nur Figuren. Sein Verfahren, nüchtern zu beschreiben statt zu kommentieren oder gar autoritativ zu korrigieren, gibt vielmehr den Figuren, auch den Geringsten, jene Würde zurück, die ihnen zusteht; nach dem noch immer leuchtenden Vorbild von Büchners Lenz.
Indem die Erzähler Robert See-thalers immer knapp hinter seinen Figuren stehen, sehen sie vielfach dasselbe wie die Figuren, die in der sozialen Normalität nicht Fuß fassen können oder auch gar nicht Fuß fassen wollen, die immer schon, wie Herbert, der Mann von der Tankstelle aus dem Roman „Die weiteren Aussichten“, während alle anderen Kinder in Zweierreihen marschiert sind, Hand in Hand, „als letzte ungerade Schülerzahl“ sich allein durchs Leben geschlagen haben; sie sehen wie die Nachzügler von Eichendorffs Taugenichts die Normalität der Geschäftstüchtigen mit dem Blick von außen, aus ungesicherten Standorten, genau.

Misstrauisch durch die Milieus

Was die Figuren denken und reden, wenn der Tag lang ist, fällt dabei nicht allzu stark ins Gewicht. Entscheidend ist vielmehr, wie sie sich verhalten, wenn sie handeln; an welchen Wertvorstellungen sie sich orientieren, sobald sie sich, wie seinerzeit Lessings Nathan, von den überlieferten radikal abstoßen und an eigene klammern.
Die auktorialen Erzählstrategien werden aufgegeben, um jeder Behauptung idealer oder normativer Konstellationen wie auch jedem Gerede über die Notwendigkeit der Rückkehr von Autorität in die Politik den Boden zu entziehen. Die Figuren und die Erzähler Seethalers haben die unterschiedlichsten Milieus kennengelernt und in ihren Träumen dürfen sie sich die buntesten Alternativen ausmalen, aber über eines sind sie sich einig: nämlich dass sie jedem Wegweiser, jedem Weggefährten misstrauen, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht.


Der Trafikant
Roman von Robert Seethaler,
Kein & Aber 2017.
256 Seiten, kart.,
€ 11,40

Ein ganzes Leben
Roman von Robert Seethaler,
Hanser 2014.
160 Seiten, geb.,
€ 18,40

Die Biene und der Kurt
Roman von Robert Seethaler,
Kein & Aber 2014.
288 Seiten, kart.,
€ 11,40
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  14:27:30 07.18.2005