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Weit über das Land - 06/2018

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Wenn Lebensmodelle unerträglich werden

Lakonisch und brutal erzählt Peter Stamm in seinem Roman „Weit über das Land“ von scheinbar glücklichen Verhältnissen und neuen Vätern. Er zeichnet zerrissene Figuren und zerbrochene Familien – und fragt damit auch nach dem wirklichen Leben.


| Von Evelyne Polt-Heinzl

Die Kritik schwankte bei Peter Stamms Romanen oft zwischen Lob für seinen sprachlichen Minimalismus und Kritik an Monotonie und Dürftigkeit seines Stils. Bei seinem 2006 erschienenen Roman „An einem Tag wie diesem“ fühlte sich eine Rezensentin gar an das Niveau von „Schüler-Erlebnisaufsätzen“ erinnert. Dieses Buch ist für Stamms Roman „Weit über das Land“ insofern von einiger Relevanz, als er hier die Versuchsanordnung umkehrt: Wird das Leben des damaligen Helden Andreas davon geprägt, dass er sich seiner Jugendliebe nie erklärt hat und deshalb glaubt, das richtige Leben verfehlt zu haben, gelingt dem neuen Protagonisten namens Thomas die angestrebte Heirat mit Astrid – wenn auch erst im zweiten Anlauf.

Scheinbar in Ordnung

Nun sind die beiden seit vielen Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und ein hübsches Eigenheim. Dass die Familie überraschend wenig Außenkontakte pflegt, scheint für beide in Ordnung zu sein. Und so wie Astrid keine Sehnsucht nach Berufstätigkeit hat, strebt Thomas keinen Aufstieg an. Er ist zufrieden, für kleine Unternehmer die Buchhaltung zu erledigen, ein Angebot, auf der Karriereleiter eine Stufe weiterzukommen, hat er dankend abgelehnt.
Dann passiert das Unerwartete. Es dürfte an der Lakonie des Erzähltons liegen, dass dieser entscheidende Punkt der Handlung selbst einem Rezensenten nur im Ungefähren erinnerlich geblieben ist. „Doch eines Tages, aus unerfindlichen Gründen, kommt der Familienvater nicht mehr von der Arbeit zurück“, war in der Zeit zu lesen. Die unerfindlichen Gründe stimmen, aber das mit der Arbeit nicht, da ist die Dramaturgie des Romans um einiges brutaler. Eben vom Urlaub zurückgekehrt, sitzt das Ehepaar bei einem Glas Wein im Garten, um den Tag nett ausklingen zu lassen. Als eines der Kinder aufwacht, geht Astrid nachschauen und Thomas verschwindet – für immer. Ohne Ankündigung, ohne Vorbereitung, ohne ein Wort, und sogar ohne großes Fernziel. Er geht und geht und geht durch die Wälder und Felder, die Dörfer meidend, sich notdürftig verköstigend, bis er schließlich eine entsprechende Ausrüstung und Proviant ersteht und sich ins Gebirge aufmacht.
Mit diesem Einkauf hat Thomas eine Spur gelegt, aber Astrid reagiert zu spät. Zuerst denkt sie, er kommt bald zurück, dann scheut sie den Weg zur Polizei, und dann vergisst sie den Hinweis des freundlichen Polizisten, allfällige Abbuchungen vom gemeinsamen Konto zu beobachten. Als sie endlich nachsieht, ist der Vorsprung des Flüchtigen zu groß und die Suche wird ergebnislos abgebrochen.

Lonesome Cowboy

Die zweite Riss, der das Leben der Figuren in ein radikales Davor und Danach teilt, ist Thomas’ Sturz in eine Felsspalte. Er ist tödlich, aber seine Flucht-Phantasien gehen das letzte Viertel des Romans weiter und münden in einen imaginierten Rosamunde Pilcher-Schluss. Das ist eigentlich ein raffinierter, allenfalls etwas zu deutlich ausformulierter Coup, und auch die sprachliche Simplizität, die eine Häufung von Verben wie sein, haben, gehen, sehen, hören usw. vorspielt, wird immer wieder unterlaufen.
Als die Polizei ein Foto von Thomas verlangt, findet Astrid unter den vielen Urlaubsfotos keines, auf dem er zu sehen ist. Das lässt sich als angedeutete Erklärung für sein Verschwinden lesen, auch wenn letztlich im Dunkeln bleibt, wann und weshalb für Thomas das gewählte Lebensmodell so untragbar wurde.
Brüche gibt es freilich nicht nur in Romanen, sondern auch in Charakteren aus dem wirklichen Leben. Kamen die Herren einst vom Gang zum Zigarettenautomaten nicht mehr zurück, lockt heute der Weitwanderweg mit dem Bild des Marlboro-Mannes im Kopf. Letztlich sind derartige „Ich bin dann mal weg“-Phantasien aktuell wohl auch eine Reaktion auf die Krise des männlichen Rollenbildes. Thomas entscheidet sich für das Modell „Lonesome Cowboy“ und steigt aus dem einige Jahre gelebten 
Rolemodel „neue Väter“ einfach wieder aus. Historisch haben diese neuen Väter noch nicht lange Zeit gehabt, sich zu bewähren, und Peter Stamm stellt ihnen mit diesem Roman kein gutes Zeugnis aus.


Weit über das Land
Roman von Peter Stamm
Fischer 2017. 224 S., kart.,
€ 10,30
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  05:58:00 07.19.2005