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Bot. Gespräch ohne Autor - 087/2018

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Zufällig Ich

Clemens J. Setz und Angelika Klammer veröffentlichen einen per Zufallsprinzip generierten Gesprächsband.

| Von Veronika Schuchter

Ein „Bot“, so lernt man in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, (ja natürlich, wo sonst), ist „ein Computerprogramm, das weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeitet, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein“. Einen solchen „Bot“, abgeleitet von „Roboter“, hat Clemens J. Setz bemüßigt, und zwar ausgerechnet dazu, um Auskunft zu geben über sich selbst. „Bot. Gespräch ohne Autor“ ist ein Interviewband der ungewöhnlichen Art. Die Fragestellerin Angelika Klammer, die unter anderem für sehr lesenswerte Interviews mit Péter Esterházy und Herta Müller verantwortlich zeichnet und hier als Herausgeberin fungiert, suchte sich die Antworten auf ihre vorformulierten Interviewfragen aus Setz’ elektronisch geführten Tagebuch zusammen, wobei, so stellt es das Vorwort von Setz zumindest dar, darauf geachtet wurde, dass „keine menschliche Finderintelligenz die Ergebnisse verwässern konnte“. Durch zufälliges Scrollen auf eine beliebige Seite oder durch Stichwortsuche im vorhandenen Textmaterial wurden so mehr oder weniger zufällige Frage-Antwort-Kombinationen generiert.
Ob das Buch tatsächlich so entstanden ist, oder es sich dabei um eine Form von Herausgeberfiktion handelt, weiß man nicht, es ist auch unerheblich, Fiktion ist Fiktion ist Fiktion.

Der Tod des Autors?

Ähnliches macht Ann Cottens 2008 online gegangenes Internetliteraturprojekt www.glossar-attrappen.de. Ein von Cotten befüllter Karteikasten mit laut Verlag mehreren hundert Texteinträgen, Fotos und Zeichnungen kombiniert bei Aufruf der Seite immer nach Zufallsprinzip einen kurzen Text und ein Bild. Das kann zum Beispiel so aussehen: „Idiot. ‚Ein Idiot ist ein Mensch, der von lauter Deppen umgeben ist,‘ sagt der Trottel, der es aus dem Trottellexikon hat.“ Das Foto darunter zeigt das aufgerissene Maul einer Dinosaurierfigur. Die Verknüpfung von Text und Bild ist rein assoziativ und vom Leser generiert, das literarische Produkt selbst ist flüchtig, es gehört nur dem Rezipienten in diesem einen Moment. Manchmal passen Text und Bild erstaunlich gut zusammen, manchmal gar nicht, aber sofern man die Muse mitbringt, sich tatsächlich darauf einzulassen, findet man auch dann einen Zusammenhang. Der Autor zieht sich hier als erzählende Instanz weitgehend zurück.
Das hatte Roland Barthes mit Sicherheit nicht im Sinn, als er 1968 den Tod des Autors postulierte, und damit der Herrschaft des Autors über seinen eigenen Text und dessen Bedeutung eine Absage erteilte. Dabei kann das Ergebnis als radikale Konsequenz seiner Theorie gelesen werden: Wenn der Text völlig für sich steht und der Autor unerheblich ist, muss der Autor auch über kein Bewusstsein verfügen – und kann daher auch ein Computer sein. Ganz künstlich sind die Texte von Setz und Cotten nicht, allerdings gibt es auch schon vollständig von Computerprogrammen kreierte Texte, die den Turing-Test bestehen, sprich, von denen ein menschlicher Leser glaubt, sie stammen von einem Menschen. Auch Setz beruft sich auf den Alan Turing, den theoretischen Vater der Idee von der künstlichen Intelligenz.

Künstliche Intelligenz

Setz springt damit auf einen schon in Höchstgeschwindigkeit fahrenden Zug auf. Der Kreativbetrieb und all seine Organe arbeiten sich seit geraumer Zeit am Thema der künstlichen Intelligenz ab. Durch Film, Fernsehen, Kunst und Literatur geistern Roboter und Androiden, Cyborgs und fühlende Festplatten. Neu ist das nicht, mehr die Renaissance der Renaissance der denkenden Maschinen, nur dieses Mal ist die Realität erstaunlich und für viele erschreckend nah dran an der Fiktion, Siri und Alexa und wie die ganzen vermenschlichten Büchsen heißen, sei Dank.
Setz gibt sich pragmatisch und bescheiden: Der Interviewband sei auf diese Weise zustande gekommen, weil er im Gespräch nicht fähig gewesen sei, sich und sein Werk halbwegs interessant zu verbalisieren. Das klingt sympathisch und ehrlich und warum dann nicht zurückgreifen auf seine Journale, „die so etwas wie eine ausgelagerte Seele“ bilden. Ausschauen tut das dann zum Beispiel so: Auf die Frage: „Sie sprechen gerne von der ‚kostbaren Kategorie absichtslos entstandener Kunst‘. Was zählt dazu?“ lautet die Antwort: „Zufallslyrik in den Abendnachrichten: So war es vor allem diese Frage / über die an diesem Tage / die Delegierten / diskutierten“. Das ist witzig, passt zusammen und liest sich als Kommentar auf Meta-ebene zum ganzen Projekt. „Bot“ ist ein buntes Sammelsurium an Anekdoten, Beobachtungen, Reisebeschreibungen.
Im Format von Cottens Glossar-attrappen, also in kleinen, flüchtigen Dosen, funktioniert das gut. Und zum amüsierten Durchblättern reicht es auch. Als ganzes Buch aber ist es – man verzeihe die unscharfe literaturkritische Kategorie – so unfassbar langweilig, dass man sich den toten Autor ganz schnell aus seinem Grab zurückwünscht.
Die theoretische Idee, den Tod des Autors mit dem Motiv der künstlichen Intelligenz zu verknüpfen, ausgerechnet für einen Interviewband, ist vielversprechend selbstironisch, trägt aber kein ganzes Buch, zumindest nicht auf diese Weise. Wie man die autobiografische Selbstauskunft ironisch und dennoch literarisch anspruchsvoll unterläuft, haben schon einige gezeigt, zum Beispiel Felicitas Hoppe in ihrer fiktionalen Biografie „Hoppe“. Doch hier weiß man leider nicht so recht, worauf das rausläuft. Geht es jetzt um eine spielerische Selbstinszenierung der eigenen Bescheidenheit? Um einen Kniefall vor dem Text, der ganz für sich selbst stehen soll? Für beides ist die Wahl des autobiografischen Textmaterials denkbar ungeeignet. Oder will Setz die zufällige Montage seiner Notizversatzstücke tatsächlich in der kostbaren Kategorie absichtslos entstandener Kunst verortet wissen? Der Bot spuckt aus und der Leser wird schon etwas Sinnvolles darin finden?

Schöne neue Facebook-Welt

Kunst kann zufällig entstehen, sie ist nicht zwangsläufig auf bewusste und ausgewiesene Autorschaft angewiesen, ja, es liegt im Wesen der Literatur, dass Sprache mehr ist als reine Repräsentation und die Bedeutung immer erst beim Leser entsteht. Von Kafka bis zur konkreten Poesie gibt es genügend Beispiele dafür und auch Setz’ frühere Texte sind bedeutungsoffen und verspielt, sie arbeiten mit Montage, der Vermischung von Fakten und Fiktion und dem Auftreten von einem Clemens Setz als literarische Figur, zum Beispiel im großartigen Roman „Indigo“. Wieso Setz solche literarischen Techniken überhaupt in Verbindung mit künstlicher Intelligenz setzt, bleibt nach einem lesenswerten Vorwort unklar. Weder handelt es sich tatsächlich um computergenerierte Texte, noch kommt versiertere Technik als die Suchfunktion zum Einsatz.
Als dystopische Medienkritik ist das von Setz und Klammer gewählte Prinzip freilich interessant: Das radikal Private, die Selbstpreisgabe, entsteht in der eigenen Abwesenheit, es wird einem künstlichen Autor willkürlich überlassen, der nur noch nach Zufallsprinzip kompiliert. Das Ich erscheint nur noch als fragmentiertes Mosaik willkürlich aneinandergefügter Einzelteile. Schöne neue Facebook-Welt. Aber vielleicht wollte Setz auch einfach nur den Beweis antreten, dass der Autor eben nicht ersetzt werden kann. Das wäre damit immerhin gelungen. Oder beweist genau das Gegenteil: Dass auch von Menschen kreierte Texte beim Turing-Test potenziell durchfallen können. Im Übrigen ist nicht nur der Autor, sondern auch der Kritiker ersetzbar: Stefan Krass hat schon 2007 einen Rezensionsautomaten erfunden, der Textbausteinen aus vorhandenen Kritiken zusammenwürfelt. Beunruhigend.


Bot. Gespräch ohne Autor
Von Clemens J. Setz 

Suhrkamp 2018.
166 S., geb. € 20,60
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  22:39:46 06.15.2005