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Hain - 12/2018

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Berückender Traueratlas

Für ihren Geländeroman „Hain“ erhielt Esther Kinsky vergangene Woche den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Zu Recht, meint Ingeborg Waldinger.

| Von Ingeborg Waldinger

Die Genrebezeichnung ist außergewöhnlich: Esther Kinsky, als Schriftstellerin und Übersetzerin vielfach preisgekrönt, hat für ihr Buch „Hain“ den Begriff „Geländeroman“ gewählt. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk begründete sie dies jüngst mit der Neutralität des Wortes Gelände: „Es legt einen weder fest auf Natur noch auf […] Urbanes, es definiert das Umfeld erst mal einfach nur als die zu erkundende Fläche.“ Dabei sehe sie sich nicht in einer bestimmten Tradition, auch nicht in jener des Nature-Writing. Dieser Begriff bezeichnet ein angloamerikanisches Genre, offen für dokumentarische, philosophische und metaphysische Naturerkundungen. Eine Literaturform, die nun auch den deutschsprachigen Raum erobert. Seit 2017 gibt es gar einen deutschen Preis für Nature Writing, gestiftet vom Verlag Matthes & Seitz und dem Bundesamt für Naturschutz; erste Laureatin war Marion Poschmann. Ob Essay, Gedicht oder Wanderbericht, Tagebuch oder Roman: Für die Nature Writers ist das Verhältnis Natur – Zivilisation von Relevanz. Dabei fällt ihr Blick oft auf Ränder und Brachen, die Wildnis und das Verwilderte.
Freilich, irgendwie trifft das auch auf Esther Kinskys Werk zu. Darin sind solche Gelände allgegenwärtig, etwa zuletzt im Gedichtband „Naturschutzgebiet“ oder im Roman „Der Fluss“. Im Gegensatz zu diesen nüchtern anmutenden Titeln weckt ihr Buch „Hain“ hehre Assoziationen: Hier geht es offenbar in geweihte Areale. Und tatsächlich erkundet die Erzählstimme – wohl die Autorin selbst – auch verschiedene Totenhaine: Das Buch ist ein großes, berührendes Klagelied. Esther Kinsky trauert um ihren 2014 verstorbenen Mann, den Literaturübersetzer Martin Chalmers. Gleichzeitig setzt sie ihrem seligen Vater ein Denkmal. Für die literarische Trauerarbeit begibt sie sich nach Italien, einst Ziel empfindsamer Reisen mit dem Vater und vor allem mit ihrem Mann (im Buch „M.“).
Drei Stationen gliedern das Buch: Olevano Romano (Städtchen bei Rom), Chiavenna (Lombardei) und Comacchio (Po-Delta). Es ist eine Winterreise, bar jedes südlichen Überschwangs, aber reich an Atmosphäre: Farben, Gerüche und Geräusche markieren eine Welt in Wartestellung – auf den Frühling, auf einen Neubeginn. Dabei tastet sich die Autorin an der Trennlinie zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit entlang. Der Dualismus von Leben und Tod ist allgegenwärtig – und mitunter absichtslos ironisch: In Olevano grenzt der Fleischerladen direkt an das Bestattungsunternehmen. Kinskys Grenzwanderungen sind auch reich an mythologischen Bezügen. Da wäre etwa das magische Geleit von Vögeln, diesen Mittlern zwischen den Sphären; oder die plötzliche Präsenz von drei Torhüterhunden auf der Via Appia (der von antiken Gräbern gesäumten Ausfallsstraße Roms). Laut- und reglos belauern die Hunde die Wandelnde. „Sie markierten eine Grenze, die ich nicht verstand und über die ich nicht belehrt werden wollte.“

Erinnerungen und Erfahrungen

Die Aufmerksamkeit der Autorin gilt besonders den Verlust- und Übergangszonen, dem Nutzungswandel von „Flächen“ und den dadurch verursachten Identitätsbrüchen bzw. umgeschriebenen Zugehörigkeiten. Davon zeugen die verackerten Salinen des Po-Deltas ebenso wie die unwirtlichen Neusiedlungen in Olevano oder das „monumentenwidrige“ Gassenleben in der Ewigen Stadt. „Nichts, was nicht mehrfach überprägt war, immer in der Schwebe zwischen Tilgung und Spur.“ Kinsky lotet diese Prägungen mit feinem Gespür aus, erfasst Tiefen und Oberflächen mit allen Sinnen. Im steten Abgleich zwischen Erinnerung und neuer Reiseerfahrung entsteht ein grandioses, an Referenzen (Geschichte, Literatur) und melancholischen Naturbildern reiches Tableau mit zeitkritischem Firnis: So gerät etwa die Wanderschaft der Aale zum Sinnbild der Migration.
Darüber hinaus sucht die Reisende auch klassische Grand-Tour-Ziele auf: Stätten, an die sie ihr Vater – ein Fachmann für etruskische Nekropolen und mittelalterliche Mosaiken – oft geführt hatte. Und so erweitert die Autorin ihren Traueratlas um entsprechende Kunstbetrachtungen. „Wer Etruskisches aufsuchte, kam am Tod nicht vorbei, der jedoch in Landschaften und Aussichten gebettet fast freundlich schien, gehegt, ersucht, verstanden.“ Freilich befiel sie in diesen Grabstätten ein Schauder – auch wegen der dumpfen „Unterirdischkeit und damit verbundenen Unwägbarkeit von dem, was man dort lebendig antreffen mochte“.
Den großen Kontrapunkt zum unwägbaren chthonischen Gelände der Etrusker-Nekropolen bildet das Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna. Obschon gleichfalls Grabstätte, löst dieser Ort keinerlei Beklemmung aus. Vielmehr wird der Anblick der Grabmosaiken zum finalen Erweckungserlebnis, an das sich die Autorin mit hoher Sprachkunst heranschreibt: Kapitel um Kapitel setzt sie das transzendierende Blau mittelalterlicher Sakralkunst in Korrespondenz zum Sehnsuchtsblau ihrer Wintergelände.
Trauer ist auch eine entrückende Kraft, ähnlich dem Traum. Und so überlässt sich die Erzählerin dem Bilderrausch im Mausoleum der Galla Placidia: „bei zu langem Aufenthalt könnte der Betrachter sich in diesen Blaus auflösen, den Boden unter den Füßen verlieren und schwerelos zwischen den Ornamenten, Sternen und Vögeln der Mosaiken umherirren, bis aller Sinn für die 
Irdischkeit abhandengekommen war. Dann würden die Wärter nach Feierabend die läs-tige Aufgabe haben, die Blautrunkenen aus der Luft zu pflücken und irgendwo abseits und von jedem Blau geschützt wieder zur Besinnung kommen zu lassen.“


Hain
Roman von Esther Kinsky

Suhrkamp 2018
287 S., geb.
€ 24,70
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