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Die Rückkehr - 13/2018

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Verunglückter neuer Anfang

Ernst Lothars Roman „Die Rückkehr“ erinnert an das, was nach der Befreiung 1945 weiterlebte und unsere Realität bis heute mitprägt.

| Von Evelyne Polt-Heinzl


Den schwierigen emotionalen Spagat zwischen der alten und der neuen (Exil-)Heimat beschreibt Ernst Lothars 1949 erschienener Roman „Die Rückkehr“ ebenso wie die enttäuschende Erfahrung, wie wenig Rückkehrende in der alten Heimat erwünscht waren.
Felix von Geldern trifft 1946 in Begleitung seiner aristokratisch-noblen Großmutter als amerikanischer Staatsbürger in Wien ein und gerät mit dieser Reise auch zwischen zwei Frauen: seine Jugendliebe, die sich dem NS-Regime mehr als angedient hat, und seine amerikanische Verlobte. Lothar gesteht dabei seinem Helden zu, 1938 ,freiwillig‘ ins Exil gegangen zu sein und erspart ihm damit den kränkenden Hinauswurf aus rassistischen Gründen, den er selbst erleiden musste. Irritierend ist die soziale Verortung derer „von Geldern“, die so tut, als wäre 1918 die Monarchie nicht implodiert und als hätte die Erste Republik nicht existiert. Dass Felix unmittelbar nach seiner Rückkehr vor Gericht gegen jenen austrofaschistischen Minister aussagt, dessen Sektionschef er bis zum 10. März 1938 war, ohne von dessen illegalen Anschlussbemühungen gewusst zu haben, erregt auf Handlungsebene genauso viel Empörung wie wohl bei großen Teilen der Zeitgenossen.

Beschreibung der Stimmung

In dieser Beschreibung der Stimmung im Jahr 1946 liegt die eigentliche Stärke des Romans, den der Zsolnay Verlag nun nach „Der Engel mit der Posaune“ auch zugänglich gemacht hat. Als Täter und Profiteur, etwa der flächendeckenden Arisierungen, wollte sich niemand bekennen, als Opfer – der alliierten Bombardements, der ,Willkürherrschaft‘ der Besatzungsmächte oder auch des ideologischen ,Betrugs‘ durch die Versprechen der Nationalsozialisten – definierten sich alle. Und im Handumdrehen wurden die Leiden jener, die vom NS-Regime verfolgt wurden, überblendet mit den Schicksalen der Ausgebombten wie der heimkehrenden Wehrmachtssoldaten. Das bekommt auch Felix zu spüren: Exil bedeutet in der Sicht seiner einstigen Landsleute nicht Heimatverlust, Angst und Verzweiflung, sondern einen bequemen Logenplatz im sicheren Ausland.
Nicht alles an diesem Roman mag kompositorisch überzeugen, aber eine Beschäftigung damit kann verhindern helfen, dass das 2018 kalendarisch anstehende Gedenken im Jahr 1938 oder allenfalls 1945 stecken bleibt und auf all das vergisst, was unsere Realität bis heute mitprägt, was mit der Befreiung nicht unterging, sondern weiterlebte und gerade aktuell allerorten wieder hochbrodelt – in mehr oder minder verborgenen Vereinslokalen, in Online-Foren und selbst in Politikerrede.
Erwünscht war diese Auseinandersetzung freilich schon bei Erscheinen nicht. Im September 1949 brachte Rudolf Kalmar als Kulturchef der von den Alliierten gegründeten Tageszeitung Neues Österreich einen Vorabdruck des Romans, der im selben Jahr in Ernst Schönwieses Verlag „Das Silberboot“ erschien. Kalmar, der sieben Jahre im KZ-Dachau überlebte, Schönwiese und Lothar, die ins Exil flüchten mussten – es sind drei vom NS-Regime Verfolgte im Windschatten der alliierten Kulturpolitik, die am Zustandekommen der Publikation beteiligt waren.

Amnestie für leicht und schwer Belastete

Bereits im Frühjahr 1948, eineinhalb Jahre bevor „Die Rückkehr“ erschien, beschloss Österreich die Amnestie für Minderbelastete und hob damit für etwa 90 Prozent der registrierten Nationalsozialisten ,Sühnefolgen‘ wie den Verlust des Wahlrechts auf. Bei der Wahl 1949 erreichte der als Sammelbecken für ehemalige Nationalsozialisten gegründete Verband der Unabhängigen (VdU) prompt zwölf Prozent. Am 18. Juli 1952 beschloss das Parlament dann die Amnestie für belastete ehemalige Nationalsozialisten. Mit dem Staatsvertrag 1955 und dem Ende der alliierten Verwaltung fiel ein letztes Hindernis selbst für schwerstbelastete NS-Akteure. Im rechtsradikalen Milieu firmiert das Jahr 1955 deshalb unter dem Schlagwort der „dritten Befreiung“ – nach 1938 und 1945. Linda Erker hat in der Zeitschrift zeitgeschichte 2017 untersucht, wie diese „offensive Reintegrationspolitik“ einen „Elitenaustausch“ verhinderte, die „Ehrungs- und Erinnerungspolitik“ der Zweiten Republik prägte und damit zum Umschreiben der „österreichischen Wissenschaftsgeschichte“ wie der Kulturgeschichte insgesamt führte.
Lothar Ernst Müller, wie der 1890 in Brünn geborene Autor eigentlich hieß, war in diesen radikal verunglückten politischen Neuanfang tragisch involviert. Er kam im Juni 1946 in der Uniform der amerikanischen Befreiungsmacht und sollte im Auftrag der US-Information Services Branch die Entnazifizierung des österreichischen Musik- und Theaterlebens organisieren. In seinen Memoiren „Das Wunder des Überlebens“ beschreibt Lothar 1961 die fatalen Schwierigkeiten dabei. Seine amerikanischen Vorgesetzten waren daran interessiert, dass kulturelle Einrichtungen wie die Salzburger Festspiele oder die Wiener Symphoniker ihre Tätigkeit so rasch wie möglich wieder aufnahmen. „Erzielt werden sollte die Ausschaltung der am Schandregime Beteiligten oder aktiv damit Einverstandenen“, so Lothar, „als Grundlage für einen sauberen Neuaufbau. Erzielt wurde: eine schematische und unkonsequente Vergeltung, andauernd von Ausnahmen durchlöchert, die das Vertrauen in die Korrektheit, Informiertheit oder Voraussicht der Säuberer erschütterte.“
In Teil drei der Filmtrilogie „Wohin und zurück“ von Axel Corti und Georg Stefan Troller mit dem Titel „Welcome in Vienna“ (1986) wird der Umschwung vom Ziel der Entnazifizierung in Richtung Kalter Krieg bereits bei der Befreiung handlungsleitend. An der Demobilisierungsstelle des 6. US-Corps werden die Angehörigen der SS und sonstige mutmaßliche Kriegsverbrecher von den einfachen Soldaten separiert, um in ein Umerziehungslager gebracht zu werden. Oberst Schütte von der Abwehr Fremde Heere Ost aber hat Geheimpapiere bei sich, und das sichert ihm freies Geleit. Für die beiden Exilösterreicher im Corps der Amerikaner ist das die erste Erfahrung mit den engen Grenzen der amerikanischen Reedukation.
Damit prägte der Kalte Krieg die Zweite Republik politisch wie kulturpolitisch grundlegend, auch indem er die recht ungenierte Herausbildung des sogenannten Dritten Lagers ermöglichte. Natürlich wurden viele kleinere und auch größere Ex-Nazis in den beiden großen Parteien freudig aufgenommen. Das bedeutete zwar nicht, dass sich diese Überläufer unbedingt von ihrer Vergangenheit radikal losgesagt hätten, auch wenn sich mancher doch als geläutert empfunden haben mag, aber es hieß immerhin, dass sie ihre alten politischen Überzeugungen nicht offen weiterverfolgen und mit Lied- oder sonstigem NS-Gut hegen und pflegen konnten. Das mag nicht viel sein und ist für die großen Parteien zweifellos bis heute kein Ruhmesblatt ihrer Geschichte, aber es war doch nicht nichts.

Politisch neu formiert

Zu diesem Thema würde sich aktuell eine andere Wiederentdeckung besonders anbieten. Karl Bednarik beschrieb 1953 in seinem Roman „Der Tugendfall“ genau diese beiden Optionen und damit auch die Vorgeschichte der VdU, als sich die von den Befreiern ,Besiegten‘ politisch neu zu formieren begannen. Im Mittelpunkt stehen die beiden Jugendfreunde Andreas und Werner, die sehr unterschiedlich auf den Zusammenbruch des NS-Regimes reagieren, das sie zu Beginn beide begrüßt hatten. Andreas hat mehr verloren als den Krieg, ihm kamen als bis zuletzt überzeugtem SS-Offizier Exis-tenzberechtigung wie Identität abhanden. So sucht er Anschluss im Lager der zukünftigen VdU, hier braucht er sich nicht mehr „als Verräter zu fühlen, sondern als Fortsetzer und Vollstrecker des Erbes und Werkes“.
Der geistig wendigere Werner wird Journalist und flüchtet sich in Zynismus, der ihm nicht immer gelingen will. Illusionslos beschreibt er das Programm des Wiederaufbaus so: „Punkt eins: flüchtige Zerknirschung … – Punkt zwei: Abwendung vom dekadenten, zersetzenden Intellektualismus westlicher Prägung, der an allem Schuld trägt! – Punkt drei: Heimatzuwendung, Besinnung auf die eigenen Werte, Aufnahme der Tradition! Geistiger Wiederaufbau in Form eines halbmilitanten Katholizismus, einstweilen noch ohne Hexenverbrennungen, aber mit Index- und Exkommunikationsdrohung!“ Für die Exekutierung solcher Drohungen sorgten Kalte Krieger wie Torberg und Weigel, die im Fall eben zu verhindern wussten, dass ein Ex-Kommunist wie Karl Paryla 1952 den Teufel im „Jedermann“ spielte oder Otto Tausig nach der Schließung der Scala 1956 in Wien noch ein Engagement bekam.
Karl Bednarik, geboren 1915 in Wien, wo er 2001 weitgehend vergessen verstarb, war übrigens auch anerkannter Maler, der unter anderem ein Sgraffito an einem Gemeindebau in Wien Meidling schuf. Und bereits 1954 legte Bednarik mit „Omega Fleischfabrik“ einen Roman vor, der aufzeigt, was bleibt, wenn die beiden großen Erzählungen humanistischer Zukunftsperspektive, nämlich jene des sozialen Kampfes der Arbeiterschaft und jene der Werte bürgerlicher Kultur, nicht mehr greifen und überschrieben werden von medialen Illusionswelten – egal ob analog wie damals oder digital wie heute –, verantwortungslosen Politikersprüchen und entfesselten Wirtschaftsprozessen.


Die grauen Jahre
Österreichische Literatur nach 1945 –
Mythen, Legenden, Lügen

Von Evelyne Polt-Heinzl.
Sonderzahl 2018. 

240 S., kart.,
€ 22,-.
Erscheint Ende April.


Die Rückkehr

Roman von Ernst Lothar
Zsolnay 2018
432 S., geb.,
€ 26,80
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