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Die Herkunft der anderen - 14/2018

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Stabilisierung durch Rassismus

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Es gibt Dokumente, die sind unerträglich zu lesen. Man darf sie aber nicht ignorieren. Dann ist es gut, wenn ein anderer sie für uns liest und davon berichtet. Toni Morrison, die seit Jahrzehnten Rassismus seziert und thematisiert, hat es getan. Sie las die Aufzeichnungen von Thomas Thistlewood. Der Engländer, der 1750 in die Neue Welt aufbrach und dort zunächst als Aufseher, dann als Besitzer von Sklaven und Zuckerrohrplantage Glück und Geld machte, führte ein akribisches Tagebuch, in dem er trocken Fakten auflistete: Gewinne, Verluste, Wetter, Krankheiten – und unzählige Vergewaltigungen. Diese waren freilich nicht als Gewaltakte benannt, denn der Zugriff auf Sklavinnen galt als „droit du seigneur“, Recht des Herrn. Mit lateinischen Abkürzungen hielt Thistlewood Orte, Grad der Befriedigung und ähnliches fest.
Sein inzwischen mit wissenschaftlichen Kommentaren ediertes Tagebuch dokumentiert die Selbstverständlichkeit der Sklaverei. Ob sie moralisch vertretbar war oder nicht, diese Frage stellte sich der eingewanderte Europäer nicht. Auch seine Rolle im rassistischen System reflektierte er nicht.

Romantisierte Sklaverei

Belege für die allgemeine Akzeptanz der Sklaverei können auch literarische Dokumente liefern. Hundert Jahre nach Thistlewood erschien ein Werk, das selbst hierzulande berühmt ist: Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“, der vielen als Plädoyer gegen Sklaverei gilt. Geschrieben für ein weißes Publikum, dem die Schwarzen unheimlich waren, romantisiert die Autorin darin aber die Sklaverei. Ihre „Botschaft“ fasst Toni Morrison so zusammen: „Die Sklaven haben sich unter Kontrolle. Fürchtet euch nicht. Der Neger will ja nur dienen.“ Angst und Verachtung seien nicht notwendig, denn die Sklaven sind freundlich und unterwerfen sich großmütig. Das war ein Bild von „Negerleben“, das weiße Leser beruhigte und das sie daher gerne lasen.
„Wer sind diese Menschen?“, fragt Toni Morrison angesichts peitschender Herren und Herrinnen in ihrer 2016 an der Harvard University gehaltenen Vortragsreihe, die nun auf Deutsch vorliegt. „Sie mühen sich bis zur Erschöpfung, um den Sklaven als nicht menschlich, als Wilden zu definieren, während die Definition dessen, was nicht menschlich ist, ganz eindeutig auf sie selbst zutrifft.“ Damit trifft Morrison den Kern einer wichtigen Funktion von Rassismus: „Die Notwendigkeit, die Sklaven zu einer fremden Art zu erklären, scheint ein verzweifelter Versuch zu sein, sich seiner eigenen Normalität zu versichern.“ Ein Zweck des Rassismus bestehe darin, Außenseiter zu definieren, um das eigene Selbstbild zu klären: „Spontan neige ich zu der Ansicht, dass die Fremden, die Andersartigen gesellschaftlich und psychologisch benötigt werden, um das selbstentfremdete Ich zu stabilisieren.“
Die Literaturnobelpreisträgerin hat sich in fast allen ihren Werken diesen Themen gewidmet. Die widersprüchlichen Folgen des Versuchs, eine reinrassige Gemeinschaft aufzubauen, literarisierte sie vor allem in ihrem lesenswerten Roman „Paradies“ (1998). Die ehemaligen Sklaven zogen nach ihrer Befreiung durch den Norden und mittleren Westen, auf der Suche nach einer Heimat. Und trafen auf Plakate, die ihnen sagten: „Kommt wohlvorbereitet oder gar nicht“. Man wollte Wirtschaftskraft und Wachstum in den neuen Siedlungen, nicht unbrauchbare alte Witwen, alleinerziehende Mütter, kranke Männer. Mischlinge dürften bei der Auswahl bevorzugt worden sein.
Es ist der Rassismus, der auch die „freien“ Sklaven in eigene Siedlungsgebiete flüchten ließ, wo sie der Idee der Reinheit folgend eine eigene Hierarchie der Hautfarben errichteten. Je schwärzer, desto besser. In ihrem Roman „Paradies“ erzählt Morrison von einer Gemeinschaft, die versucht, schwärzer als die anderen zu sein – hier ist der Weiße oder Mischling der Andersartige, der Fremde. Im fiktiven Ort Ruby gründen ehemalige Sklaven eine Heimat, indem sie alles Fremdartige aussperren. Um das Böse aus ihrer Gemeinschaft zu vertreiben, braucht es ein Feindbild. Da kommt jene ominöse Frauengemeinschaft gerade recht, die sich in einem verlassenen Kloster angesiedelt hat. Jeder Frau und ihrem Schicksal ist ein eigenes Kapitel gewidmet, die Hautfarbe aber wird nie genannt, und so weiß man am Ende auch nicht, wer das „weiße Mädchen“ ist, das als ers-tes erschossen wird. „Es kam mir darauf an, die ethnische Zugehörigkeit gleichzeitig zu dramatisieren und ihr den Zahn zu ziehen. Ich wollte zeigen, wie unsicher, wie hoffnungslos nichtssagend dieses Konstrukt war.“

Kolorismus als erzählerische Abkürzung

Doch in der Literatur kennzeichnet Hautfarbe oft die Charaktere. Kolorismus ist „eine erzählerische Abkürzung“, so Toni Morrison, und als weiße europäische Leserin ist man verblüfft und entsetzt, wie oft man die-se Abkürzungen und Abwertungen übersieht, überliest, gar nicht bemerkt. Hautfarbe wird in der Literatur oft verwendet, um zu unterscheiden zwischen legal und illegal, zwischen gut und böse. Damit schreibt sich die unreflektierte Abwertung engstirnig weiter fort. Das hat Morrison schon in ihrem Band „Im Dunkeln spielen“ (1992) anhand der Lektüren klassischer literarischer Werke erhellend vorgeführt.
In der letzten Vorlesung nimmt Toni Morrison Bezug auch auf die immensen Wanderungsbewegungen der Gegenwart. Sie sieht die gegenwärtige Alarmstimmung – das Konzept von Heimat wird als von Fremden bedroht erlebt – vor allem von zwei Faktoren angefacht: Einerseits von der Globalisierung, die als Bedrohung, allerdings auch als Chance erfahren werden kann, und andererseits von unserer heiklen Beziehung zum eigenen Fremdsein.
Die Gesamtzahl der Entwurzelten, die durch Krieg, Verfolgung, interne Konflikte und Gewaltbereitschaft aus ihrer Heimat vertrieben werden, beziffert Morrison mit über 60 Millionen, die Hälfte davon sind Kinder. Wie umgehen mit dem Druck, der durch diese Migrationen heute entsteht und dem die Politik vor allem mit Überwachung und Militär begegnet, fragt Morrison. „Dem Druck, der uns verführen könnte, uns verzweifelt an unsere eigenen Kulturen und Sprachen zu klammern und die anderen auszusperren; der unsere moralischen Maßstäbe dem täglich Opportunen unterwerfen könnte; der uns legalis-tisches Denken nahelegt, uns zu Vertreibung, Konformitätsdruck, Säuberungen verleitet und uns bei Phantasiegebilden und Gespenstern Zuflucht suchen lässt. Vor allem aber kann dieser Druck dazu führen, dass wir den Fremden in uns verleugnen und uns von der Idee einer gleichberechtigten Gemeinschaft aller Menschen verabschieden.“

Gift der Fremdheit

Toni Morrison bemüht auch zu dieser Frage Literatur, die „das Gift der Fremdheit und den Fluch des Fremdseins“ beschreibt. Sie liest den Roman des ghanaischen Autors Camara Laye- „Der Blick des Königs“, erschienen 1954. Hier ist kein entwurzelter Schwarzer in Europa, sondern ein entwurzelter Weißer in Afrika. Der rassistische Blick darin scheitert und der Autor „ermöglicht es uns, neu zu entdecken oder uns neu vorzustellen, wie es sich anfühlt, an den Rand gedrängt, ignoriert, überflüssig, fremd zu sein; nie beim Namen genannt zu werden; seiner Geschichte und Bedeutung verlustig zu gehen; nur noch verkaufte oder ausgebeutete Arbeitskraft zum Nutzen einer Herrscherfamilie, eines skrupellosen Unternehmers, eines Regimes zu sein. Mit anderen Worten: ein schwarzer Sklave zu werden.“


Die Herkunft der anderen
Über Rasse, Rassismus und Literatur.
Von Toni Morrison
Übers. von Thomas Piltz
Rowohlt 2018
110 S., geb.,
€16,50
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  21:00:16 07.17.2005