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Das Ende - 15/2018

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Die Welt mit Grauheit durchtränken

Attila Bartis hat mit seinem großen Ungarn-Roman „Das Ende“ ein verstörendes wie beeindruckendes Buch geschrieben, das auf die lange Ära des ungarischen Ministerpräsidenten János Kádár zurückblickt – eine Zeit des Leidens an einem einschnürenden Regime.

| Von Rainer Moritz


Es gibt Romane, die einen weiten historischen Bogen spannen, die von privaten Katastrophen, politischen Verstrickungen und beglückenden Lieben erzählen und dennoch vor allem durch ihre Atmosphäre, ihren insistierenden Grundton in Erinnerung bleiben. Der 1968 in Siebenbürgen geborene Attila Bartis hat mit seinem dritten Roman „Das Ende“ ein solch- verstörend-beeindruckendes Buch geschrieben, das auf die lange Ära des ungarischen Ministerpräsidenten und Chefs der sozialistischen Partei János Kádár zurückblickt – und damit auf eine Zeit des Leidens an einem einschnürenden Regime, ungeachtet dessen, was dieses zu Zeiten des „Gulaschkommunismus“ an kleinen Freiheiten einräumte.
Bartis’ Protagonist, der 1943 geborene András Szabad, erlebt als Junge, wie seine Familie an den Folgen des zur „Konterrevolution“ erklärten Ungarnaufstands von 1956 zugrunde geht. Sein Vater kommt durch eine unglückselige Verkettung von Ereignissen in Haft, aus der er im Frühjahr 1960 als gebrochener Mann zurückkehrt. András’ Mutter stirbt, und so beziehen Vater und Sohn eine bescheidene Wohnung in Budapest. Der Vater, Fotograf von Haus aus, will nicht an die Vergangenheit erinnert werden, ist froh darüber, als Bibliothekar in einem entlegenen Stadtteil Unterschlupf zu finden, und erliegt wenig später einer Krebserkrankung.

Inventur eines Lebens

Vater und Sohn leben auf engstem Raum und bewahren zugleich große Distanz zueinander, unfähig, Worte zu finden für das, was sie umtreibt. Diese Sprachlosigkeit ist eines der quälenden Leitthemen des Romans, der auf wahrlich beklemmende Weise davon erzählt, wie totalitäre Herrschaft jede kleinste Gehirnwindung der Bürger infiziert: „Die Macht zerstört dich jederzeit für dasselbe, zu dem sie dich gestern noch selbst verpflichtet hat. Und dabei erklärt sie dir klar und verständlich, wieso sie gestern keine andere Wahl hatte und wieso sie heute keine hat. Aber was nicht obligatorisch war, wird sie nicht einmal in der Hinrichtungskammer einfordern. Denn so etwas wäre unter ihrem Niveau.“ Schleichend nisten sich die Ansprüche der unberechenbaren Macht ein und legen sich wie Mehltau auf das Leben derjenigen, die den Herrschenden nicht blind akklamieren.
Obwohl „Das Ende“ die Szabad’sche Familiengeschichte bis in den Ersten und Zweiten Weltkrieg zurückverfolgt, erzählt Bartis keinen klassischen Familienroman. Stattdessen geht es Ich-Erzähler András darum, eine „Inventur“ seines Lebens vorzulegen – eines Lebens, dem es völlig an Leichtigkeit und Unbeschwertheit fehlt. Was immer András widerfährt, über allem hängt ein bleierner Dunst, regiert nur eine Farbe, deren Bedeutung der Ich-Erzähler begreift, als ihn die Neugier dazu treibt, das Haus von Parteichef Kádár in Augenschein zu nehmen: „János Kádárs Villa schmiegte sich genauso an die Hänge der Budaer Berge wie alle anderen. Im Grunde war das am schrecklichsten. Dass dort, in einer der Straßen, ein Mensch lebte, der dahintergekommen war, dass man die Welt nicht mit Angst durchtränken musste. Sondern mit Grauheit. Das ist viel sicherer.“
Alles in András’ Leben ist von diesem Grau imprägniert, und selbst wenn er hofft, dem in drastischen sexuellen Begegnungen zu entkommen, bescheren die Liebesspiele kein anhaltendes Glück. Sexualität bekommt etwas Freudloses, Gewaltsames, ganz so als wäre es möglich, es der verhassten Gegenwart auf diese Weise heimzuzahlen. Schon András’ erster Begegnung mit (verbotenem) Sex – er beobachtet heimlich, wie sich die leichtlebige Imolka von einem verheirateten Tierarzt penetrieren lässt –, haftet Düsteres an. Sex taugt nicht als Gegengift.
Ebenso wenig ist den Freundschaften zu trauen. Was hatte András’ Wegbegleiter, der aufstrebende Dichter Kornél, auf sich zu nehmen, um im Ungarn der Sechzigerjahre publiziert zu werden? Und was hat es mit dem merkwürdigen Doktor Zenta auf sich, der András vor der Einberufung zum Militär bewahrte? Im Nachhinein muss András erfahren, wie Weggefährten heimlich mit der Macht kollaborierten, ihn täuschten. In seiner Verzweiflung träumt er letztlich davon, allem gänzlich zu entkommen, sich weit weg zu entfernen – die Raumflüge Juri Gagarins und die amerikanische Mondlandung 1969 stehen dafür symbolisch.
So zieht sich András mehr und mehr auf seine Leidenschaft, das Fotografieren, zurück, arbeitet als Angestellter in einem kleinen Atelier und erkennt in einer der klugen, den Roman sparsam durchziehenden Reflexionen, was seine Kunst ausmacht: „Die Fotografie kann nicht in die Zukunft schauen. Und auch nicht in die Vergangenheit. Ein Bild ist nur der Punkt, an dem sich Zukunft und Vergangenheit berühren. Wenn man will: die permanente Gegenwart.“

In federndem Deutsch

Seine eigentliche Liebe, die Pianistin Éva, sorgt schließlich für András’ künstlerischen Durchbruch. Als sie in den 1980er-Jahren kurzerhand nach New York aufbricht, hat sie, ohne dass er davon weiß, András’ Negative im Gepäck – und ermöglicht ihm eine aufsehenerregende Ausstellung, erste internationale Anerkennung. Doch selbst dieser Ruhm verändert sein Lebensgefühl nicht grundlegend. Éva lässt sich nicht zurückerobern, das Grau nicht mit einem Mal aufhellen.
Attila Bartis hat viele Jahre an diesem Roman gearbeitet, und Terézia Mora hat ihn wunderbar unangestrengt in ein federndes Deutsch übertragen. Das hat sich gelohnt. Es gibt nicht viele Romane, die das Innenleben eines den Einzelnen geringschätzenden, ja verachtenden Regimes so intensiv, so beängstigend nachzeichnen. „Das Ende“ ist einer von ihnen.


Das Ende
Roman von Attila Bartis
Übersetzt von Terézia Mora 

Suhrkamp 2017.
751 S., geb.,
€ 32,90
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  19:53:39 07.16.2005